Dorffest in Lycavichy

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Bevor ich mich nun für eine viel zu kurze Woche in den Urlaub verabschiede, möchte ich noch Fotos mit euch teilen, von einem beeindruckenden Dorffest, dass wir im Sommer in Belarus besucht haben. Es fand in Lycavichy statt, einem Dorf in der Nähe von unserem Slabada.

Meine Schwiegereltern sind mit den Betreibern des Klubs, also des Kulturzentrums befreundet und es ist absolut toll, was die beiden in dem Dorf alles auf die Beine stellen.

Aber seht selbst!

Gestern: Lesung in Bonn

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Endlich ist die Sommerpause vorbei, und das Autorenleben bekommt wieder neuen Schwung!

Gestern fand die erste Lesung seit einer gefühlten Ewigkeit statt, und zwar im Rahmen der „Lesereise durch die Altstadt“ in Bonn, die viele namhafte Autoren an ausgefallene Leseorte führt.

Ich durfte auf Einladung des Minsk Club Bonn im Pfarrsaal der imposanten Marienkirche in Bonn lesen. Auf diese Lesung hatte ich mich besonders gefreut, da ein Vortrag über mein Leben in Minsk schon länger geplant war. So lange, dass es mittlerweile sogar ein Buch gibt, aus dem ich vorlesen konnte!

Der Minsk Club Bonn ist ein Veteran in der Städtepartnerschaft zwischen den beiden Städten – damals Hauptstädten- und hat bereits viele wichtige Projekte umgesetzt.

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Für mich war es eine besondere Lesung, weil das erste Mal Aliaksei zugehört hat. Ein bisschen musste ich schmunzeln und bin auch zart errötet, als der Mann, den ich als „Adonis“ beschreibe, vor mir saß und verzückt schaute.

Ich habe mich sehr über den freundlichen Empfang gefreut und darüber, viele Belarus-begeisterte Menschen zu treffen. Und ich kann es nun gar nicht abwarten, in drei Wochen in Freisenbruch zu lesen.

Hach, ich liebe meinen Job!

 

Liberté, amitié, maternité

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An diesem Wochenende habe ich einen Ausflug gemacht. Eigentlich war es ein Ausflug nach Brüssel, zur Hochzeit eines Studienfreundes.

In Wirklichkeit war es aber ein Ausflug in die Vergangenheit. Zu einem Ich, dass ich schon beinahe vergessen hatte. Seit fast fünf Jahren bin ich nun Mutter, seit 10 Jahren mit Aliaksei liiert und in belarussische Sphären abgetaucht. Umso aufregender war es, mal wieder alleine gen Westen zu fahren.

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Das Gefühl, morgens allein (und ohne Extravorrat Windeln!) in einen Thalys zu steigen, hat mir ein Bauchkribbeln verursacht, das mir auf einmal von früher wieder wohlvertraut war:

Eigentlich bin ich ein abenteuerlustiger Mensch. Mit 16 quer durch Frankreich, ohne wirklich französisch zu sprechen, dann nach dem Abi direkt der Umzug nach Lille. Ich kannte niemanden, mein französisch war nicht wirklich besser. Nur wenige Jahre später alleine nach Kiew und anschließend nach Minsk. Mich konnte eigentlich nichts abschrecken und ich fühle mich am lebendigsten, wenn ich auf mich allein gestellt das Abenteuer suche.

Als Mutter von zwei reizenden Stupsnasen ist ja nun jeder Tag irgendwie ein Abenteuer, aber mit dem Alleinsein hapert es manchmal. Meistens. Also, so lange die beiden wach sind.

Es tut gut, wie ich finde, alleine zu reisen. Im Zug zu sitzen, zu SCHWEIGEN (wann werden schon mal einer Mutter keine Frage gestellt?) und zu sinnieren.

Das konnte ich zu genüge tun und war damit dann auch fertig, als ich in Brüssel ankam und meine lieben Studienfreunde wieder getroffen habe. Der Studiengang in Frankreich hat uns zusammengeschweißt, und  auch wenn wir heute auf der ganzen Welt verteilt leben, sind wir uns nicht fremd geworden.

Einige von ihnen hatte ich fast 10 Jahre nicht gesehen, aber es war immer noch fast so, als würden wir morgen zusammen in die Mensa gehen oder eine Studentenparty besuchen. Und auch das Zusammensein mit ihnen war für mich wie das Treffen mit einer Nadine, die ich schon eine ganze Dekade nicht mehr gesehen habe.

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Vor zehn Jahren war ich beinahe noch ein Teenager (naja, fast!) und voller Träume. Weltpräsidentschaft. Demokratie für Belarus. Man muss nur wollen. Diese Freunde kennen eine Seite an mir, die ich selber beinahe vergessen habe. Und es tut gut, daran erinnert zu werden, dass in mir mehr steckt als der Profiwindelwechsler und wahrscheinlich auch mehr als die Buchautorin.

Dass ich in meinem Leben viel gewagt und dadurch viel gewonnen habe. Gut, dass es den Freund gibt, der philosophisch veranlagt ist und bei jeder Gelegenheit fragen stellt wie: „Wer von uns ist den geradesten Weg gegangen?“ und „Wer von uns hat sich am meisten verändert?“.

Das bringt uns zum Nachdenken. Das spornt mich an. Ich glaube, ich habe das Richtige getan. Ich habe im entscheidenden Moment auf mein Herz gehört und bin bisher an den richtigen Stellen abgebogen. Das macht vielleicht keine Weltpräsidenten, aber glückliche Menschen. Hochzeiten sind ein guter  Moment, finde ich, um auch für sich selbst eine Bestandsaufnahme zu machen. Still und heimlich und getragen von den weisen Worten des Pfarrers und des Brautvaters, der eine Rede hält.

Ich muss sagen, ich bin inspiriert nach Hause gekehrt. Zu einem riesigen Berg Wäsche, den der beste Ehemann in meiner Abwesenheit gewaschen hatte. Zu zwei kleinen Stupsnasen, die ich ehrlich gesagt kurz nach dem Einzug der Braut in die Kirche das erste Mal so vermisst habe, dass ich am liebsten nach Hause gefahren wäre. Und zum besten Ehemann, der mich zwar nicht aus ungebundenen Studentenzeiten kennt, aber der seit 10 Jahren unseren eigenen, aufregenden Weg mit mir geht. Angespornt, nicht im Mutterhaushaltseinheitsbrei stecken zu bleiben. Und mit dem guten Gefühl, dass es überall auf der Welt Freunde gibt, die mich beizeiten daran erinnern können, was in mir steckt.

 

Interview für gazetaby.com

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Während unseres Aufenthaltes in Minsk habe ich einem belarussischen Journalisten, der exzellent deutsch spricht und auch selbst schon in Deutschland gearbeitet hat, ein Interview gegeben.

Wir haben uns im Café Ў getroffen und dann in Minsk noch ein paar Fotos gemacht.

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Es war mein erstes Interview, das ich auf belarussisch gegeben habe und es hat ziemlich gut geklappt. Netter Weise haben Portale wir charter97 und sogar tut.by den Artikel übernommen.

Ein Mal so ein Presseerfolg in Deutschland, das wäre doch was!

Für alle, die Belarussisch sprechen, gibt es hier den link zum Interview:

http://gazetaby.com/cont/art.php?sn_nid=116807

Leider ist Geburtstag nur ein Mal im Jahr

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„Mama, ich habe das Campingklo umgeworfen, aber nur das Pipi ist rausgeflossen. Kannst du das wegmachen? Achja, und dann gebe ich dir dein Geschenk. Das Bild habe ich gestern gemalt und wusste eh nicht, wem ich es schenken soll.“

So begann mein Geburtstag im Dorf am Ende der Welt. Äußerst vielversprechend. Zum Glück sah ich dann den Strauß mit den Wiesenblumen, die der beste Ehemann mir gepflückt hatte, und meine Laune besserte sich sofort.

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Blaubeeren sammeln im Wald

Auch wenn das Dorf nun einen Wasseranschluss hat- bis ins Haus ist dieser Luxus noch nicht gekommen. Diese Großbaustelle wird erst nach unserer Abfahrt eingerichtet, wofür ich recht dankbar bin. Witziger Weise war genau bei unserer Ankunft auch das warme Wasser in unserem Stadtteil in Minsk abgestellt, so dass das Dorf für einmal der Stadt an Komfort weit voraus war.

Damit das Kind nicht auf den Hof zur Toilette laufen muss, gibt es bis zur Einrichtung des Badezimmers nachts noch das Campingklo. Wenn wir im Winter nach Minsk fahren, wird das nicht mehr notwendig sein. Dann nehme ich ein Vollbad im gefliesten Badezimmer mit Fußbodenheizung. Abgefahrene Vorstellung.

Pilze

Ausbeute eines Morgens

Der Geburtstag war einer der entspanntesten in meinem ganzen Leben. Wir haben absolut nichts gemacht, außer im Fluss zu schwimmen, ein paar Johannisbeeren zu sammeln, mit den Lieben zu Hause zu skypen (noch so eine Neuerung im Dorf!) und abends viel und gut zu essen. Es gab neben Schaschlik und Salat auch eine Spezialität meines Schwiegervaters: „Julienne“. Das sind geschmorte Pilze in Sahnesauce und es schmeckt sehr, sehr, lecker. „Keinen Salat Olivié soll es geben“, fragte Sascha dennoch entgeistert. Das gehört für ihn zu einem Festtagstisch wie ein ordentlicher Trinkspruch.

Mein Schwiegervater sammelt in den letzten Tagen Unmassen von Pilzen – zu irgendetwas muss das feuchte Wetter ja gut sein-, die er dann säubert und trocknet oder einlegt. Das ganze Haus riecht nach Trockenpilzen, ein Geruch, der ziemlich an Schweißfüssen erinnert. Sind die Pilze (vor allem Steinpilze!) getrocknet, eignen sie sich allerdings hervorragend für Saucen, Suppen und andere köstliche Gerichte.

„Sascha, du magst doch gar nicht so gerne Pilze“, sagt Tamara irgendwann händeringend beim Anblick der Pilze überall: Im Kühlschrank, in jedem freien Topf, auf dem Feuer, auf dem Tisch, auf den Boden. „Naja, aber es macht einfach so viel Spaß, sie zu sammeln“ sagt Sascha mit leuchtenden Augen und steht am nächsten Morgen wieder um fünf Uhr auf, um als erster die besten Steinpilze zu erwischen. Gute Pilzsammelstellen werden als strategisches Geheimis gehütet und nicht weiter verraten!

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Julienne

Während des Essens stand ich ab und an auf dem einzigen Hügel des Grundstücks auf dem ich Handyempfang habe, und konnte bruchstückhafte Gratulationen aus Deutschland entgegennehmen. Es gab ganz entspannt bloß zwei Trinksprüche und gar keinen Wodka, und statt eines Geburtstagskuchens haben wir Wassermelone und Plombir-Eis gegessen.

Am Ende des Tages stand ich alleine zum Zähneputzen im Hof und beobachtete den Sternenhimmel. Als ich eine Sternschnuppe sah, die vor meinen Augen vom Himmel fiel, dachte ich an das Lied des Krokodils Gena, jenes bekannteste Geburtstagslied. Er spielt auf einer Ziehharmonika und singt: „Leider ist Geburtstag nur ein Mal im Jaaaahr“.

 

 

 

Dorffest am Ende der Welt

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Jedes Jahr am 12. Juli feiert Slabada, das Dorf am Ende der Welt, sein Dorffest.

Der Pfarrer hält eine Andacht am Dorfanfang, es folgt eine Prozession zum Dorfende (beide erkennt man an einem orthodoxen Kreuz, das mit Seidenblumen geschmückt ist), und dann gibt es manchmal einen Umtrunk.

In diesem Jahr ging man es besonders professionell an, und auf dem „Dorfplatz“, dem Platz vor dem stillgelegenten Geschäft, fand ein Konzert statt.

Die in der Gegend bekannte Gruppe „Zhuravinka“ (Moosbere)trat auf, es gab einen Rückblick auf die Geschichte des Dorfes. Alle Dorfbewohner und Sommergäste fanden sich zusammen und man hatte sogar eine Verstärkeranlage aufgebaut!

Das alles in einem Dorf mit 50 Bewohnern, von dem die überwältigende Mehrheit kein fließendes Wasser hat (in Belarus gibt es übrigens noch immer 110 Dörfer ohne Strom- bis vor wenigen Jahren waren es noch 240 an der Zahl.

Der Jüngste Bewohner von Slabada ist übrigens 4, der Älteste angeblich 112.

Neben musikalischen Gratulationen hielt die lokale Nomenklatura (Vorsitzende des Dorfrates) eine Rede, danach wurde getanzt und ein Foto von allen Bewohnern des Dorfes gemacht. Naja, und danach ein bisschen angestoßen.

Mama-Vertalotschik- Helikoptermama im Dorf

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Nachdem die Formalitäten  in der Stadt erledigt waren, machten wir uns sofort auf den Weg ins Dorf.

Seitdem wir dort angekommen sind, bin ich dabei, mein kleines, quirliges Kind vor scheinbar fatalen Unfällen zu bewahren. Vor drei Jahren, als Kasimir im selben Alter war, war das weniger stressig. Das mag daran liegen, dass der Prototyp Kind  weniger draufgängerisch war als das Nachfolgermodell.

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Das Dorf- ein einziger Abenteuerspielplatz

Und dass ich, nun aus Deutschland anreisend, damals als quasi-Belarussin einiges lockerer gesehen habe. Mein Kind ist in diesem Jahr das einzige, das mit Fahrradhelm im Dorf Fahrrad fährt und nicht ohne Kindersitz in ein Auto steigt. Die einzigen Modelle von Matschhosen führen meine beiden Kinder hier spazieren. Und abwaschbare Hosen sind unerlässlich! Völlig eingedeutscht bin ich also wieder. Diese Entschuldigung akzeptieren sie übrigens alle. Ein bedauerndes „Ich bin Deutsche, ich kann nicht anders“, finden vom Taxifahrer über den Schwiegervater bis hin zur Babuschka im Dorf alle völlig einleuchtend als Erklärung für meine Übervorsicht. Ich frage mich, ob eine Helikoptermutter auf Russisch wohl eine „Mama- Vertalotschik“ wäre.

Naja, und es hat sich in drei Jahren den Gesetzen des homo sovieticus folgend hier so einiges an Gefahrengut angesammelt. Weggeschmissen wird ja bekanntlich nichts.

Und so fürchte ich sämtliche herumliegende Stromkabel, die aus dem Boden ragen. („Geerdet ist hier gar nichts!“) Ich frage mich, ob die Erde, die als Spielsand dient, wirklich völlig bedenkenlos zu nutzen ist im Land von Tschernobyl. Ich zittere, wenn Paulina alleine in der Küche ist, weil dort der Gasballon steht. Oder wenn sie in die Nähe des Brunnens kommt. Ich frage mich, ob man den Sandkasten wirklich neben die Feuerstelle bauen musste. Auf dem großen Gelände verliere ich sie dauernd aus den Augen und fürchte, dass sie in einen der überall herumstehenden Wasserbehälter fällt  (Wasser ist ein kostbares Gut!) oder auf die Straße läuft und von einem der fünf Autos, die das Dorf am Tag passieren, erfasst wird. Die rasen nämlich gerne mit 90 Sachen über die Dorfstraße.

Total unentspannt bin ich mal wieder und mein Verhalten ist dem Leben auf dem Dorf auch überhaupt nicht angemessen.

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Hier ist alles eben etwas anders. Man nimmt es nicht so genau mit den meisten Dingen. Gestern Abend haben wir Fleisch gegrillt, das den lieben langen Tag draußen stand und mariniert wurde. Ich fürchtete eine Unterbrechung der Kühlkette und ihre Konsequenzen- aber das Fleisch war sehr lecker und keiner hatte Magenprobleme.

So ein Wodka nachher räumt den Magen auf.

Mein Schwiegervater, der Oberst der belarussischen Armee, findet zwar nichts bei all den offenen Feuern, wackeligen Steckdosen und rostigen Nägeln- aber wenn die Enkelprinzessin weint, springt er sofort zur Stelle, um die Ecke am Tisch abzusägen, an der sie sich das Köpfchen gestoßen hat. Rührend, irgendwie.

Und ich erkläre weiter geduldig, was natürlich alle hier auch selbst wissen: Dass man Kleinkinder nicht über Brunnenschachte hält und eine herumliegende Axt kein gutes Spielzeug für Zweijährige ist.

„Das Kind mit sieben Kindermädchen hat keine Augen“, sagt ein belarussisches Sprichwort.