2.5.2011 Willkommen in der Realität

Zugegeben, die äußeren Umstände hätten wahrscheinlich bei jedem noch so hartgesottenen Menschen für einen Kulturschock und eine Adaptationsdepression gesorgt.

Belarus präsentiert sich wahrlich nicht von seiner charmanten Seite- aber ganz im Ernst, das hatte ja auch nach den Schlagzeilen der letzten Monate niemand erwartet. Post-election Repressionen, Bombenexplosion in der Metro und jetzt auch noch die Wirtschaftskrise- auch objektiv war klar, dass dies keine Übersiedlung ins Disneyland würde. Dennoch, so dachte ich mir, hatte ich mich ja bisher trotz aller Unwegsamkeiten immer wohl gefühlt.

Als ich dann am ersten Mai in Minsk bei meinen Schwiegereltern aufwachte- das nächtliche Willkommensessen hatte ich in Trance verbracht- wurde ich dennoch unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Anstelle der sonnigen 25°C war es immer noch knapp unter 10°C, es regnete, und natürlich war die Zentralheizung schon einige Monate abgestellt, so dass es ziemlich kalt in der Wohnung war.

Ziemlich bald zeigte sich die Realität, mit der die Menschen zur Zeit im Land konfrontiert sind: Aufgrund der Wirtschaftskrise gibt es keine ausländische Währung in den Wechselstuben mehr. Ausländische Währung braucht man aber zum Beispiel, um Wohnungen zu mieten, Autos im Ausland zu kaufen, und für viele andere Dinge. Zuerst dachte ich, dass mein Russisch mit Sicherheit eingerostet sei, aber es stellte sich heraus, dass ich die Gespräche schon richtig verstanden hatte: Die Bekannte X tauscht Dollar gegen Rubel zu einem günstigen Kurs, dafür muss man sich nur dann und dann mit ihr treffen, am Besten in einer Wohnung, damit man nicht von der Polizei beobachtet wird.

Geschichten über Menschen, die nächtelang vor Wechselstuben kampieren und sich in Listen eintragen lassen, wo sie dann an 129. Stelle stehen, falls es mal wieder Dollar gibt, hatte ich schon vorher gelesen- aber so richtig Gedanken gemacht, wie wir eigentlich an Dollars kommen sollten, hatte ich mir noch nicht.

Ein Ausflug in den Supermarkt des „Militärstädtchens“, dem früher nur mit Passierschein zu betretenen Stadtteils am absoluten Ostrand von Minsk- trägt nicht dazu bei, mich froher zu stimmen: Die Preise sind- egal ob an Ost- oder Weststandards gemessen, unglaublich hoch, die Qualität der Lebensmittel gelinde gesagt erschreckend. So kostet ein Kilo schrumpelige Auberginen 45.000 BYR, eine Flasche Taft Haarspray 18.500 BYR, ein Kilo quasi verdorbenes Paprika 46.00 BYR. Der Wechselkurs- den man zur Zeit nur erahnen kann, weil man ja nicht mehr tauschen kann- liegt bei ca. 5000 BYR für einen Euro.

Neben der Frage, woher ich Geld bekomme, um Essen zu kaufen, stellt sich nun auch noch die Frage, woher ich annehmbare Lebensmittel bekommen soll. Bis die ersten selbst angebauten Gemüsesorten auf der Datscha reif sind, dauert es gut und gerne noch 6 Wochen.

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