9.5.2011: Tag des Sieges

Der Tag des Sieges (über die deutschen Faschisten) ist der Tag, an dem ich mich traditionell eher deplaziert in Belarus fühle. In jedem Geschäft, sei es der Metzger, der Frisör oder der Fahrkartenkiosk, hängen Plakate wie dieses:


Keine Frage, wir alle freuen uns über den Sieg über die Faschisten, aber so ein bisschen mutet es doch mittlerweile seltsam an, wie der Feiertag in Belarus begangen wird. Es gibt eine riesige Parade-  und da es im letzten Jahr zum 65. Jahrestag eine wirklich große mit Panzern und allem Trara gab- diesmal nur die abgespeckte Version, die dann immerhin noch so aussah:

Bestandteil des ganzen ist ein Aufmarsch der Veteranen- die, wie man sich vorstellen kann, 66 Jahre nach Kriegsende zum Teil eher gebrechlich als heroisch wirken:

Der Veteranenkult ist eine wichtige Sache in Belarus (und wie ich vermute in der gesamten ehemaligen Sowjetunion). Veteranen werden ohne Schlange zu stehen in Banken bedient, zahlen in privaten Krankenhäusern nur die Hälfte und werden auch sonst ungemein geachtet. Bedauerlich ist, dass die meisten dieser Veteranen eine ebenso niedrige Rente haben, wie pensionierte Belarussen allgemein und deshalb in ihren Dörfern sitzen, ohne Zähne, unter dem Existenzminimum, und von einer schicken Privatklinik in der Hauptstadt nur träumen können. Wenn sich die Verehrung in menschenwürdigeren Lebensumständen ausdrücken würde, wäre meiner Meinung nach schon eine Menge gewonnen.

Aber der 9. Mai ist kein Tag, um über solche düsteren Dinge zu sinnieren- der Krieg ist gewonnen, wir sind ein Volk voller Helden, „die Heldentat des Volkes ist unsterblich“. Aus diesem Grund wir der Siegestag als Plattform für das, was die Staatsführung bisher so gut beherrschte: Brot und Spiele für alle!

Das zentrale Stadtfest findet in Minsk im Gorkij-Park statt, der ja von unserem Domizil nur einen Steinwurf entfernt ist.  So haben wir uns also auf den Weg gemacht, um Teil zu haben an diesem Fest. Und gleich wurde mir klar: Mein Outfit war mal wieder vollkommen daneben. Entweder man hübscht sich auf, oder man bleibt besser zu Hause. Belarussen in Festtagskleidung, Frauen in Sommerkleidern (erstaunlicher Weise haben alle hier beim ersten Mal 22°C direkt die Sonnentops und Hotpants rausgeholt, als käme morgen der Winter wieder), natürlich das Kleinkind im unvermeidlichen Skianzug (bei ebenjenen 22°C) und Männer in dem, was sie halt hier so für schick halten, flanierten durch den Park, nach dem Motto „sehen und gesehen werden“.

Das Fest hatte einiges zu bieten: Schaschlick-Stände und Popcorn, ein Konzert mit belarussischen Popsongs- immer eine Freude fürs Ohr- und zwei Eisstände, an denen die Schlangen so lang waren, dass ich über die Idee mit dem Eiscafé ernsthaft nachdenke.

Irgendwann hatten wir uns genug sehen lassen- und vor allem Menschen in lustigen Anziehsachen beguckt, und unser Freund Jura hatte sich überzeugt, dass er auch heute seine Traumfrau nicht finden würde- so dass wir getrost nach Hause gehen konnten, wo ich nachholte zu sagen, was ich Aliaksei den ganzen Tag schon sagen wollte:

„З днем перамогі!“

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