1.6.2011: Ein Zuhause in Minsk

Am letzten Wochenende sind wir mal wieder umgezogen. Es war der 3. Umzug innerhalb von einem Monat, die 6. gemeinsame Wohnung mit Aleksej, und der 12. Umzug, seitdem ich mit 19 von zu Hause ausgezogen bin.

Die neue Wohnung liegt zentral, in der Nähe des Parkes, die Metrostation direkt vor der Haustür, in einem Altbau, der angeblich geschichtsträchtig ist:                                              Die 1. und 2. Etage, so sagt man, wurde von den Sowjets gebaut, die 3. Etage von den Nazis, und die 4. Etage von deutschen Zwangsarbeitern. Theoretisch ist das möglich, ich bin mir aber nicht sicher, ob man solchen Geschichten Glauben schenken sollte.

Der Siegesplatz in Minsk, ganz in der Nähe unserer Wohnung

Unsere neue Vermieterin hat den Mietpreis um 50$ gesenkt, weil ihr Sohn auch Aleksej heißt und meinem Aleksej ähnlich sieht- so funktioniert das hier. Allerdings sind wir uns sicher, dass der Makler zuvor einen Mietpreis genannt hatte, der überhaupt um 150$ niedriger war- sie macht also immer noch ein gutes Geschäft.

Dass Wohnungen in Minsk nur möbliert vermietet werden, habe ich mittlerweile verinnerlicht. Nach einigem Überlegen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das den provisorischen Charakter von Wohnungsvermietungen unterstreicht- schließlich mietet man Wohnungen nur aus der Not heraus und tut alles dafür, eine eigene Wohnung zu bauen. Ich ziehe weiterhin eine Altbaumietwohnung im Zentrum einer Eigentumswohnung am Stadtrand im Plattenbau vor und lerne, mit dem mitleidigen „Ach, ihr mietet eine Wohnung? Und wann wollt ihr bauen?“ meiner Mitmenschen zu leben.

Die neue Wohnung ist ganz schick, mit einer offenen Küche, einem großen Bad und einem Schlafzimmer mit begehbarem Kleiderschrank- den man aus irgendeinem Grund auf gar keinen Fall so bezeichnen soll, sondern als „Lager“, кладоўка- anscheinend ist ein begehbarer Kleiderschrank der Dekadenz zu viel.

Es könnte auch daran liegen, dass die Kammer leider wirklich zu einem Lager anstelle eines Kleiderschrankes umfunktioniert wurde- die Vermieterin hat nämlich einfach das gesamte Inventar hiergelassen. Dazu zählen alle Bücher, die in der Sowjetunion jemals herausgegeben wurden, der Schtschi im Kühlschrank, ihre Blumen- inklusive fleischfressende Exemplare auf der Schlafzimmerfensterbank- und Nippes und in allen Ecken.Der begehbare Kleiderschrank muss also nun dazu genutzt werden, die Besitztümer unserer „3. Mitbewohnerin“ zu beherbergen und ist somit wirklich ein Lager.

Noch ist die Wohnung zwar bei Weitem nicht fertig- aber ein Ende des Auspackens ist in Sicht. Seit einigen Tagen feiere ich Wiedersehen mit meinen Habseligkeiten, die ich irgendwann einmal in Stuttgart in einen Karton gepackt habe, und die nun wieder zum Vorschein kommen.

Abendessen auf dem nicht absturzgefärdeten Balkon

Immerhin war die Wohnung so weit eingerichtet, dass wir gestern auf unserem Minibalkon Abendessen konnten. Dabei schaut man auf einen dieser tollen Minsker Innenhöfe, die wie kleine Parks aussehen und eine Welt für sich sind mit ihren Babuschki und den spielenden Kindern. Ich war nicht komplett entspannt, weil ich bei diesen Altbaubalkonen immer Angst habe, dass sie vielleicht abbrechen könnten und mich mitsamt meinem Radieschensalat in die Tiefe reißen. Aleksej hat mir versichert, dass das noch nie passiert ist und keine solche Geschichte bekannt ist. Hoffen wir das Beste.

Jetzt wird es Zeit, einen weiteren Karton auszupacken. Achja, und ab heute Abend gibt es Satellitenfernsehen. Was kommt nochmal Mittwoch abends in Deutschland im Fernsehen?

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