11.6.2011: Naherholung in Minsk- eine interkulturelle Studie

Was machen eigentlich die Minsker am Wochenende? Klar, die meisten von ihnen fahren auf ihre Datschas. Ab Freitagabend wird es in den Sommermonaten merklich leerer in der Stadt, weil alle auf dem Land sind.

So dachte ich zumindest immer, wenn ich samstags und sonntags über die merklich geleerten Prospekte laufe. Letztens Wochenende habe ich herausgefunden, wo all die Minsker stecken: am Komsamolskaje Vozera!

Der Strand am Komsomolskaje Vozera in Minsk

Das ist ein See in Minsk, ich glaube aufgestaut aus dem Fluss Svisloch, der durch Minsk fließt, praktischer Weise nur sechs Straßenbahnhaltestellen von unserer Wohnung entfernt. Ich kannte ihn noch von früher, als es dort ein bisschen heruntergekommen war und sich vor allem dadurch auszeichnete, dass die Russen dort ihre riesige neue Botschaft mit Tennisplatz und großen großen Satelliten bauen.

In den zwei Jahren meiner Abwesenheit hat man hier aber ein Naherholungsgebiet vom Feinsten gebaut: ein Park, Grillplätze, ein Sandstrand mit Spielplätzen, Eisbuden, Ausflugsdampfer und allem, was das Herz für einen Tag am Strand begehrt.

Ganz in der Nähe des Sees befinden sich die großen Prospekte der Hauptstadt

Wozu denn in die Ferne schweifen, nach Ägypten, in die Türkei? Da sprechen die Leute ärgerlicher Weise nicht so gut Russisch, und in Zeiten der Krise können die meisten Belarussen von einem Urlaub im Ausland ohnehin nur träumen.

Also hat man ihnen ihren eigenen Hydropark, ihre eigene Krim geschaffen- und sie tummeln sich dort zu Tausenden. Ich habe einen interessanten Nachmittag damit verbracht, die Belarussen und ihre Eigenheiten zu beobachten.

Zum Beispiel gab es dort wieder eine Unmenge an Mädchen, die auf die wunderbaren Namen Dascha und Xjuscha hören (die Kurzformen von Daria und Xenia). Ruft man an öffentlichen Orten diese Namen, drehen sich sehr viele Köpfe von Mädchen zwischen ein und 19 Jahren um. Mal ganz im Ernst! Was für ein Name ist Xjuscha?!

Xjuscha und Dascha beim Spielen am Strand

Währen die kleineren Xjuschas damit beschäftigt waren, ihre Taftkleider und Sandalen mit Spitzensöckchen, die ihnen ihre Tanja- und Nataschamamas praktischer Weise für den Tag am Strand angezogen hatten , nicht zu beschmutzen, waren es für viele Teenie-Daschas ein großer Spaß, mit voller Bekleidung in den See zu hüpfen. Sie waren definitiv keine Muslime (am Baggersee in Wesel habe ich diese Badebekleidung schon öfter gesehen). Warum sie das tun- keine Ahnung.

Während ich die Mädchen beobachtete, musste ich einige Male vor großen Hunden ausweichen, die frei am Strand herumliefen. Ihre Hundehalter liefen dann seelenruhig mit dem Maulkorb für ihren Rottweiler hinterher. Ich bin bestimmt kein Freund der Überregulierung durch den Staat- aber eine Hundeverordnung ist doch was Feines.

Das Picknick darf natürlich nicht fehlen

Natürlich haben die Belarussen auch gepicknickt. Das tun sie übrigens sehr gerne, meistens mit Grillen im Wald. Oder im Zug, wo sie Hühnchen, Salat und Wodka auspacken, sobald dieser sich in Bewegung setzt, egal wie lange die Zugfahrt dauert.

Am See habe ich gesehen, wie sie Tassen, Teller und überhaupt quasi eine ganze Küche auspacken und in ihre mayonaisegetränkten Salate essen, die seit geraumen Stunden in der Sonne standen. Ich bewundere bei wiederholten Gelegenheiten die Mägen der Belarussen. Wie kann es sein, dass ihnen eindeutig verdorbenes Essen (alte Ostereier, wochenalter Plov, verschimmeltes Brot und Schinken, der nie den Weg in einen Kühlschrank gefunden hat) nichts ausmachen, sie aber von leicht gewürzten Speisen Reizmägen bekommen? Eines der Wunder der Evolution.

Ein weiteres, dass ich bis heute zu verstehen versuche: Wie werden aus den gertenschlanken, gepflegten, sexy, anbetungswürdigen belarussischen Mädchen in die unförmigen Frauen, aus denen die Frauengeneration jenseits 40 besteht? Es ist mir unbegreiflich, was mit den Frauen geschieht, die bis zur Hochzeit eine Wahnsinnsenergie in ihr Äußeres stecken, maniküren, pediküren, färben, schminken bis zum Umfallen, im Winter dünnen Schühchen herumlaufen und behaupten, man friere gar nicht bei -20°C in Nylonstrumpfhosen, und die der Traum westeuropäischer Männer sind.

Xjuscha in 30 Jahren

Haben sie sich dann ein Exemplar geangelt, hören sie dann auf, in den Spiegel zu schauen? Oder haben sie keine Zeit, weil sie gleichzeitig arbeiten und Blinis und Oladii zum Frühstück backen und zum Abend Draniki und Salo? Ich kann es mir nicht vorstellen, denn die Frauen, die ich aus der Generation jenseits 40 kenne, fasten mehrmals im Jahr zu religiösen Anlässen, fahren Ski, machen Pilates und leisten vor allem zu ihren sitzenden Tätigkeiten unter der Woche dann noch körperliche Schwerstarbeit auf der Datscha.

Ist es vielleicht genetisch? Wird aus meiner Tochter später mit fünfzigprozentiger  Wahrscheinlichkeit mal ein belarussischer Koloss, sobald sie dem Xjuscha-Alter entwachsen ist? Oder liegt es an der Luft und ich werde auch einer?!

4 Comments

  1. Möchte noch nachtragen, dass nicht alle Minsker Frauen über 40 unförmig sind.
    Und Plov schmeckt um so besser, je öfter man ihn aufwärmt.

  2. Das liegt an der Genetik und an Esskultur.
    Übrigens die Mädchen in Deutschland sind gar nicht so zierlich, und manche 18-jährige sehen doppelt so dick aus wie ich mit 40 Plus und mit der Konfektionsgröße 38. ))

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