15.07.2011 Datscha-Overkill

Während Deutschland dem Bio-Wahn verfällt und jeder hippe Städter in und um deutsche Großstädte ein Stückchen Land mietet, um dort sein eigenes Gemüse anzubauen und sich am Wochenende mal „von der Großstadt zu erholen“, ist die Datscha hier von jeher eine Absicherung der Grundversorgung.

Wer eine Datscha hat, kann sich glücklich schätzen, denn dort kann er Obst und Gemüse anbauen, das dann für den Winter eingekocht, eingelegt und eingefroren werden kann und somit erstens verhindert, dass die Leute verhungern und bei etwas wohlhabenderen Familien auch die Vitaminzufuhr sicherstellt. Importiertes Obst und Gemüse ist im Winter noch unerschwinglicher als während dem Rest des Jahres.

Der Glaube der Belarussen daran, dass gekochte und eingelegte Tomaten, Gurken, Beeren und Äpfel einen hohen Vitamingehalt haben, ist übrigens unerschütterlich. So lange man nicht auf diese Art von Ernährung angewiesen ist, hat es den positiven Nebeneffekt, dass man guten Gewissens Marmelade essen kann- denn es ist ja schließlich Obst…

Quasi ganzjährig arbeiten die „Datschniki“ auf ihrer Datscha- es gibt immer was zu tun. Seitdem meine Schwiegereltern eine Datscha gekauft haben, sind sie ausgeglichen, beschäftigt und fühlen sich richtig bodenständig. Das führt manchmal zu lustigen Aktionen:

Den Teich auf dem Grundstück hatte mein Schwiegervater in ein paar Wochen leergeangelt, was dazu führte, dass das Ökosystem des Teiches kippte und er voller Algen war. Es war klar: Neue Fische mussten her! Also ist mein Schwiegervater in Minsk in den Fischfeinkostladen gegangen  und hat zwei große Speisekarpfen aus dem Aquarium mit dem lebenden Abendessen zum Selbstaussuchen gekauft, um diese in seinem Dorfteich auszusetzen. Wie war er verwundert, als die Fische noch vor Ankunft im Dorf verendet waren! Er isst aber ziemlich gerne Karpfen.

Viele wohnen über den Sommer ganz in ihrem Sommerhaus, sie fliehen aus der heißen Stadt. Am Wochenende oder wenn der Jahresurlaub vorbei ist kommen sie manchmal in die Stadt und erzählen den bleichen Büromenschen, wie wunderbar es auf dem Dorf ist.

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Braungebrannt und mit vom Blaubeersammeln ganz schwarzen Fingern berichten sie freudestrahlend, wie sie um 4 Uhr vom Nachbarshahn geweckt wurden, jeden Tag im Fluss schwimmen und wie gut ihnen die körperliche Arbeit auf dem eigenen Acker tut. Mitleidig schauen sie die Daheimgebliebenen an und sagen: „So blass seid ihr!“.

Aber zum Glück gibt es auch für die bemitleidenswerten Städter eine Möglichkeit, am segensreichen Landleben teilzuhaben: Die fürsorglichen Verwandten bringen bei ihren Stadtbesuchen die Ernte der letzten Woche mit. Bei uns sieht es im Moment so aus, dass entweder meine Schwiegereltern am Wochenende nach Minsk kommen, oder aber das Obst und Gemüse ihren zahlreichen Datscha-Gästen mitbringen, die es dann an uns übergeben.

So wunderbar das auch ist- die deutschen Yuppies werden sagen, es geht nichts über Produkte aus dem eigenen Garten, da weiß man noch, wo es herkommt!- es birgt nicht nur Vorteile. Wir alle wissen, dass es total gesund ist, saisonale Produkte zu essen, aber die Kehrseite der Medaille ist doch eine gewisse Eintönigkeit des Speiseplans:

Niemand mag sieben Tage in der Woche Rucola essen, oder Radieschen, oder Spinat. Das muss man aber zwingend tun, denn am nächsten Sonntag gibt es schon die nächste Lieferung, und der Eisschrank ist schnell gefüllt. Für schlechte Tage sind wir schon prima gerüstet.

In der letzten Zeit sind auch Blaubeeren reif. In den Hochzeiten zerbreche ich mir den Kopf darüber, was ich mit 10 Liter Blaubeeren anstelle (Kuchen, Pfannekuchen, Muffins, Milchshakes, Quark, Pudding, Blaubeeren mit Milch, im Müsli, mit Eis, im Obstsalat, eingefroren….). Nach Marmelade einkochen steht mir irgendwie bei 30°C nicht der Sinn.

Und, ihr Supermarkteinkäufer, es ist ja nicht so, dass das Gemüse gewaschen und poliert von der Datscha kommt. Nein, „echtes“ Gemüse aus eigenem Anbau kommt mit Wurzeln, an denen Lehm hängt. Diesen Lehm hat man dann in der ganzen Wohnung. Endlich ein Stück Datscha in der Stadt!

Liebe Biokisten-vom-regionalen-Bauernhof-Besteller, erzählt mir nicht, dass ihr wisst, was es bedeutet, saisonal und regional zu essen!

6 Comments

  1. Hallo Nadine. Auf der google Suche nach > belarus blog <, bin ich auf deinen Blog gestoßen. Ersten möchte ich dir zu deiner frischen Art zu schreiben gratulieren. Hat mich sehr angesprochen und zweitens rinnt mir alles Wasser im Mund zusammen, wenn ich die frischen Beeren in den schönen Fotos sehe. Ja, jetzt ist die Zeit vorbei und wie ich lese bist du zurzeit in Deutschland. Warum habe ich nach Belarus gesucht? Da ich dir das auch mitteilen möchte und mich weder hier, noch in meinen eigenen Blog gerne öffentlich austausche, ersuche ich dich mir an meine Mailadresse zu schreiben.
    Ich schreibe zwei Blogs bei WordPress.
    Ich lebe in Österreich und suche eine Kontaktperson in Weissrussland. Vielleicht kannst du helfen?
    Hier meine Mailadresse
    eb3481@gmail.com

  2. Also würde ich meinen befreundeten Familien aus Minsk eine echte Freude bereiten,
    wenn ich nächste Woche als Geschenke Bananen,Orangen und anderes Obst mitbrächte?
    Sie genieren sich mir zu schreiben, was sie dringendes für den Alltag brauchen.Ich bin
    zwar Ostdeutsche und habe die Engpässe unserer Mangelwirtschaft erlebt, aber nach
    20 Jahren kommt man manchmal nicht drauf, was wirklich nötig ist. Hoffe auf ein paar
    Tips(beschränkte Kilos weil Flug).
    Grüße von Katrin

    1. Im Moment ist das Obst auch auf dem Markt günstig und ich glaube, man darf es auch nicht einführen.
      Was geht und immer gut ankommt ist Kaffee (der ist hier teuer und schlecht, bzw. nicht ganz so schlecht und noch viel teurer), Waschpulver (vllt nicht ideal fürs Flugzeug), Kosmetik (eine Flasche Taft kostet 31.000 BYR im Moment), also auch Schampoo, Cremes, Schminke, und wenn es Babies in der Familie gibt, Windeln. Ansonsten Süßigkeiten (Gummibärchen!), Schokolade schmilzt wohl bei dem Wetter. Ich bringe meiner Familie immer Tee aus den deutschen Teeläden mit. Die meisten trinken vor allem grünen und schwarzen, und weil ich im Moment nur roten trinken, lasse ich mir den aus Deutschland mitbringen. Ansonsten Nutella (ist hier wahnsinnig teuer aber die meisten Leute lieben es). Falls deine Freunde Kinder haben, kannst du auch gut Anziehsachen mitbringen- die sind in Deutschland günstiger und haben bessere Qualität. Mh, ich glaube das wars auch schon an den hauptsächlichen Dingen…

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