Von Menschen und Mäusen

Nicht, dass ich etwas gegen Tiere hätte. Überhaupt nicht. So lange sie an dem für sie vorgesehenen Ort verbleiben.Tummeln sie sich in meiner Wohnung, ohne dass ich sie im Zoofachhandel oder aber in der Fleischerei erstanden habe, sieht das schon ganz anders aus.

Als ich letztens beim Mittagessen saß, sah ich aus dem Augenwinkeln ein Tier unter meinem Sofa hervorlünkern. Ich dachte, es wäre einer von diesen Riesenkäfern (Maikäfer, Junikäfer, Julikäfer – die alle gibts hier noch und sie werden von Monat zu Monat größer), aber mein Unterbewusstsein meldete, dass irgend etwas an dem Käfer ungewöhnlich sei. Mir fiel dann auf, dass er Ohren hatte. Langsam dämmerte mir, dass es sich anscheinend um eine Maus handelt.

Während ich mit einem Satz auf das Sofa sprang, auf dem Handy meinen Mann und mit dem Festnetz meine Mutter gleichzeitig anrief, kamen die Erinnerungen an unsere erste Minsker Wohnung wieder: Damals schrieb mein Mann mir eine Email -ich hielt mich in Deutschland auf-, in der er mir mitteilte, wir hätten jetzt ein Haustier, er habe eine Maus in unserer Badewanne erlegt. Er hatte sie mit dem Kartoffelstampfer erledigt (ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass es natürlich im Anschluss Streit gab, weil er partout nicht einsehen wollte, dass ich mit einer Mordwaffe keine Kartoffeln mehr stampfen wollte).

Das mitgeschickte Foto zeigte jedoch die bittere Realität: Das war keine Maus, sondern eine Ratte. Mitten in Minsk, im 5. Stock eines Stadthauses. Es begann eine lange Odyssee, während der wir sieben Ratten (immerhin waren es noch kleine) erlegten. Ich frage mich bis heute, was für eine Rattenmutter sieben ihrer Kinder vorschickt und opfert, um sich bei uns durchfressen zu können. Wir haben alles probiert: Kammerjäger, Mausefalle, Gift, einen ganz gemeinen Trick bei dem man Glasscherben und Leckereien vermischt und vor das Loch legt… nichts half. Beim Umzug in die neue Wohnung habe ich die Rattenköttel sogar in meinen Handtaschen gefunden. Wenn ich daran denke, schüttelt es mich noch immer.

Als wir beim Putzen der neuen Wohnung oben auf dem Schrank ein Mittel gegen Kakerlaken fanden, habe ich einen waschechten Nervenzusammenbruch erlitten und mich erst wieder bereit erklärt, in der Wohnung zu übernachten, als mein Mann mir versichert hat, dass das Mittel noch aus der Belarussischen Sowjetischen Sozialistischen Republik stammte und somit die letzten Kakerlaken schon vor einiger Zeit unsere Küche bewohnt hatten.

Ich gebe zu, dagegen ist so ein kleines Mäuschen (das ich ja dank meiner Rattenerfahrung kompetent als solches identifizieren kann) wirklich harmlos. Ich frage mich dennoch, woher es wohl kommt. Aus Slabada, d.h. mit den schwiegerelterlichen Datschalebensmittellieferungen? Aus unserer Wand? Aus unserem begehbaren Kleiderschrank? Was macht die Maus im vierten Stock in der Mitte von Minsk? Sie scheint sich jedenfalls recht wohl zu fühlen, denn sobald ich alleine bin, rennt sie durch die Wohnung, als sei sie die Hausherrin. Ich vermute, das liegt an meinem riesigen Bauch. Entweder, sie hält mich für einen Walfisch oder sie versteht, dass es mir ohnehin unmöglich ist, ihr ernsthaft nach dem Leben zu trachten. Das einzige, was ich tun kann, ist meinen Mann anzurufen und so laut zu kreischen, er möge sofort herkommen, dass die Maus sich vor Schreck erstmal nicht mehr blicken lässt.

Heute Mittag kam der so herzitierte Gatte dann in der Mittagspause nach Hause, aber die Maus hat sich irgendwo versteckt und wahrscheinlich abgerollt vor Lachen. Ein Gutes hatte das Ganze jedoch: Beim Durchsuchen der Lebensmittelvorräte haben wir festgestellt, dass die usbekischen Trockenaprikosen Würmer produziert haben, die sich an unseren Vorräten gütlich taten. Mir war immer klar, dass man diesen Trockenfrüchten nicht trauen kann. Selten habe ich solche Gelüste nach Konservierungsstoffen und Pestiziden gehabt wie heute. Ich fühlte mich daran erinnert, wie ich in Stuttgart meinem erkälteten Mann eine Hühnersuppe kochen wollte und zu Schwiegermamas Suppengewürzen griff. Das Ende vom Lied war, dass Aliaksei mich fragte: „Also, die Suppe ist ja lecker, aber warum hast du denn die ganzen Würmer da rein getan?“

Sobald Aliaksei heute weg war, ist die Maus wieder durch die Wohnung geflitzt. Sie hatte sich aber anscheinend schon satt gegessen- den Speck in der Mausefalle hat sie bisher ignoriert. Jetzt gibt es ein Upgrade mit Käse und Schinken. Mal sehen, ob sie dem auf dem Leim geht (im wahrsten Sinne des Wortes: Die nächste Stufe ist ein spezieller Mauseleim, den mein Schwiegervater empfiehlt).

Ich werde an dieser Stelle berichten.

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2 Comments

  1. Leider habe ich in meinem Haus in Pinsk (135.000 EW) auch Mäuse. Meine Frau suchte in der ganzen Stadt nach Mausefallen konnte aber nur eine (!?) erstehen. Offensichtlich ist die Krise auch an der weißrussischen Leichtindustrie (Unterabteilung Kleinnagervernichtungsapparate) nicht spurlos vorübergegangen.
    Sie erwischte daraufhin zwei von den niedlichen Nagern problemlos- nur die Entsorgung der Resultate der erfolgreichen Offensive machte ihr erhebliche Schwierigkeiten. Habe daraufhin 10 Stück bei ebay erstanden und werde diese dann bei meiner nächsten Reise dorthin mitnehmen. Werde mir dann Deine Erfahrungen zunutze machen.

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