Alles neu macht der- äh, September

Wie sehr ich Minsk im Spätsommer liebe, fällt mir jetzt auf, wo es wieder Ende August ist. Anders als in anderen Städten scheint nicht der Frühling, sondern die Tage um den ersten  September die Zeit des Neuanfangs in Minsk zu sein.

Das mag daran liegen, dass das akademische Jahr in Belarus am 1.September feierlich mit dem Tag des Wissens beginnt. Für viele bedeutet dies einen Neubeginn. Nach drei langen Monaten Sommerferien bereiten sich Schüler und Studenten auf den Schulanfang vor, die Kaufhäuser bieten Sonderaktionen an (die Hosen der Schuluniformen werden gratis umgenäht) und sind voll mit Menschen, die extra aus den Dörfern in die Hauptstadt gereist sind, um sich und ihre Sprösslinge für das neue Schuljahr einzudecken. Das bedeutet, dass Einkaufen im Moment ein Albtraum ist, weil Dorfbewohner (die man an ihrer Minsk-untypischen Bekleidung leicht erkennt) planlos durch GUM und ZUM stolpern und zielgerichtetes Einkaufen dadurch unmöglich machen, dass sie abrupt stehen bleiben und in der Damenabteilung die Herrenschuhe suchen oder ihren pubertierenden Söhnen Damenblusen andrehen wollen.

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In der Abteilung für internationale Beziehungen ist die Zeit vor dem 1. September die Zeit, in der die neuen chinesischen Studenten anreisen. Mit ihren Hello-Kitty-Koffern treffen sie direkt in der Uni ein und treiben die armen Damen vor Ort in den Wahnsinn, weil sie kein Wort Russisch sprechen. Folgenden (typischen) Dialog konnte ich in der letzten Woche mithören:

– Mitarbeiterin: Sie haben keine Migrationskarte. Das ist schlecht!!      

– Gastchinese: keine Reaktion                                                                                              

– Mitarbeiterin: Jetzt können Sie nicht zur Polizei, um sich anzumelden.

– Gastchinese: keine Reaktion

– Mitarbeiterin: Ok, dann müssen Sie jetzt zu Behörde XY fahren. Dafür nehmen Sie eine Marschrutka gegenüber, am Hotel Minsk. Wissen Sie, wo das ist?

– Gastchinese: keine Reaktion

– Mitarbeiterin: Wissen Sie, was eine Marschrutka ist????

– Gastchinese: keine Reaktion…

Ich bewundere die Damen für ihre Geduld! Mir ist es ein Rätsel, wie alle Studenten am Ende doch einen Wohnheimsplatz bekommen und zu ihren Vorlesungsen erscheinen.

Mir scheint jedenfalls der Spätsommer in Minsk wie eine verheißungsvolle Zeit. Das mag daran liegen, dass ich mich in dieser Jahreszeit vor fünf Jahren in Minsk verliebt habe (und in Minsk verliebt habe…). Der Himmel scheint ein bisschen blauer, die Sonne ein bisschen goldener, die Bäume fangen langsam an, sich gelb zu färben. Die Abende und Nächte sind schon kühl – ein Ausblick auf den langen Winter, der bald vor der Tür steht.

Schwer zu erraten, dass ich ein bisschen Wehmut empfinde, Minsk morgen für einige Monate zu verlassen- aber auch für mich bedeutet ja dieser Herbst einen Neuanfang, und die Reise morgen ist eine Reise in das wahrscheinlich größte Abenteuer überhaupt.

Und außerdem: Spätestens im neuen Jahr bin ich wieder da, Minsk, und hoffe, dass du uns dann mit klirrender Kälte und viel Schnee emfängst!

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