Schwanger werden ist nicht schwer- schwanger sein dagegen sehr!

Es ist schon erstaunlich, wieviel Zeit eine Frau mit schwanger sein verbringen kann. Also, mir ist schon klar, dass es streng genommen für jede Frau im Schnitt 40 Wochen sind, aber es ist heutzutage ein Leichtes, aus einer Schwangerschaft einen Vollzeitjob zu machen.

Ich habe ja nun das Glück, meine Schwangerschaft anteilig in Deutschland und in Belarus zu verbringen und soziokulturelle komparative Studien zu diesem spannenden Thema anstellen zu können. Dass Deutsche und Belarussen unterschiedlich mit dem Thema Kinder kriegen und haben umgehen war mir klar, bevor ich in den Geheimbund der Melonenträgerinnen aufgenommen wurde.

Wäre ich eine gute deutsche zukünftige Mutter, hätte ich schon zur Zeit meines Umzugs nach Minsk (zu Beginn des 4. Monats) damit begonnen, alle Geburtskliniken im Umkreis zu besichtigen und als Kreißsaaltouristin noch ohne sichtbaren Babybauch schlaue Fragen auf den Informationsabenden der Krankenhäuser zu stellen („Uns ist es ganz wichtig, Nabelschnurblut zu spenden. Ist das hier ohne Probleme möglich?“/ „Darf der Papa auch beim Kaiserschnitt die ganze Zeit dabei sein?“) Natürlich hätte ich mich auch schon um meine ganz persönliche Hebamme gekümmert, mich für einen Geburtsvorbereitungskurs und PeKiP-Kurse (weiß bis heute nicht, was das ist) sowie Babyschwimmen angemeldet und mich natürlich um einen Kita-Platz für das Ungeborene gekümmert. Ehrensache, dass das Kinderzimmer ab der 24. Woche fertig ausgestattet ist (das Kind hat NATÜRLICH ein eigenes Zimmer) und die Kliniktasche ab diesem Zeitpunkt fertig gepackt bereit steht.

Ohne mich um irgendetwas davon gekümmert zu haben, fuhr ich Anfang Mai unbedarft nach Minsk. Dort wurde mir klar, dass jedes Land mit dem in Zeiten des demographischen Wandels so rar gewordenen Nachwuchs anders umgeht. Während die Deutschen in den oben beschriebenen Planungswahn verfallen, ist in Belarus eine Schwangerschaft in erster Linie eine vom Staat kontrollierte Reihe von vorgeschriebenen Untersuchungen.

Mit hochgezogenen Augenbrauen teilte uns die Schwangerschaftsbetreuungsmanagerin in der Minsker Privatklinik mit, dass die medizinische Betreuung von Schwangeren in Deutschland“minimal“ sei, in Belarus gehe man dagegen sehr gründlich vor. In der Tat: Ich war im 5. Monat schwanger, hatte bereits einen unübersehbaren Bauch aufzuweisen, und die Dame wollte zur Sicherheit erstmal einen Schwangerschaftstest machen. Viele Bekannte haben mir erzählt, dass sie sich mit Hilfe von kleinen „Sonderzahlungen“ von einigen der Untersuchungen freikaufen, weil die unzähligen vorgeschriebenen Tests nicht tragbar sind. In Belarus muss man nämlich alle Untersuchungen absolvieren, um ein nicht unerhebliches Begrüßungsgeld für den Nachwuchs zu bekommen; Geld, das die jungen belarussischen Familien dringend benötigen.

Natürlich ist die finanzielle Situation der werdenden Eltern in Belarus eine andere als in Deutschland. Deutsche Frauenärzte werden ab ca. der 16. Schwangerschaftswoche traktiert, das Geschlecht des Babies herauszufinden. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt müssen nämlich die Eltern den Kinderwagen bestellen- nicht irgendeinen, sondern einen der Kinderwagen von den Topmarken, die ca. 1000 € kosten und eine Lieferzeit von 4-5 Monaten haben. Das erschien mir am Anfang als unglaublich, hat sich aber bewahrheitet. Als ich im August einen Kinderwagen kaufen wollte, war es unmöglich, das gewünschte Modell zu bekommen, weil im September der Kollektionswechsel ansteht. Was sagt man dazu?

Die belarussischen Frauen sind unterdessen weniger mit dem Geldausgeben beschäftigt, als damit, ihre Figur zu bewahren. In der Sowjetunion hat man den Frauen verboten, mehr zu essen, hat sie sogar zum Diäten angehalten, damit sie während der Schwangerschaft nicht zu viel zunehmen. Auch heute ist das noch enorm wichtig. Meine belarussische Ärztin hat mir doch glatt eine Buchweizengrützendiät empfohlen, als ich angefangen habe zuzunehmen- mein deutscher Arzt ist beinahe vom Glauben abgefallen.

Dementsprechend geht es auch bei der geburtsvorbereitenden Gymnastik in Belarus zu- es hat mich sehr an meine Poweraerobic- und Bauch-Beine-Po-Kurse aus Deutschland erinnert. Wahrscheinlich hätte ich auch ohne einen Bauchumfang von mehr als einem Meter Schwierigkeiten gehabt, dort mitzuhalten.

Als wir uns dann entschlossen haben, einen Geburtsvorbereitungskurs zu machen, musste sich mein armer Mann ganz schön was anhören:“Was, du gehst da mit hin? Willst du etwa auch bei der Geburt dabei sein?!“ Das ist in Belarus nämlich beileibe nicht selbstverständlich und in den meisten Fällen gibt man die Frau- wie mein Opa es so schön sagt- an der Pforte ab und sammelt sie eine Woche später mitsamt dem neuem Kind wieder ein. Will man in Belarus dabei sein, muss man in eine spezielle Geburtsklinik und der Mann muss in einem Geburtskurs ein Zertifikat erwerben.

In dem Kurs konnte ich endlich auch mal eine Parallele zwischen Deutschland und Belarus feststellen: Die Atmosphäre in unserem „Familienzentrum“ ist exakt die selbe wie in einem deutschen Geburthaus. Alle laufen barfuß oder in Wollsocken, schwangere Frauen sind würdevoll und selbstbestimmt und vor allem wollen wir alle ohne Schmerzmittel gebären. In unserem Minsker Kurs habe ich viele nützliche Dinge gelernt:

  • Das beste Mittel gegen Schwangerschaftsübelkeit ist ein Glas Sekt jeden Tag
  • Kinder, die per Kaiserschnitt geboren werden, werden höchstwahrscheinlich kriminell/Drogen- und alkoholabhängig
  • Es tut der Schwangeren gut, regelmäßig den Boden auf allen Vieren zu schrubben
  • Eine PDA ist hormonelles Teufelszeug, das die Mutter-Kind-Beziehung nachhaltig stört
  • Was man auf jeden Fall mitnehmen soll ins Geburtshaus: eine Flasche mit Glühwein und für nach der Geburt und eine Thermoskanne mit Eis.

Während ich als Kreißsaaltouristin in Deutschland das Gefühl hatte, auf einer Butterfahrt zu sein („Wenn Sie bei uns entbinden, kriegen Sie diesen Schlafsack gratis“) hat uns die Leiterin des Geburtskurses in Minsk gehörige Angst vor den  Geburtskliniken (>Roddom) in Minsk eingeflößt. Leider geht es nicht darum, die Geburt zu einem schönen Erlebnis für die junge Familie zu machen, sondern darum, dass die Geburt schnell und komplikationslos vonstatten geht. Kein Risiko- aber auch keine Privatssphäre. Spielereien wie Badewannen, Geburtshocker, PDA oder gar eine Hausgeburt sind undenkbar- und nach der Entbindung liegt die frisch gebackene Mama erstmal zwei Stunden auf dem Gang zur Beobachtung. Besser ist es da wohl, wenn man sich ein bisschen Glühwein von zu Hause mitgebracht hat.

Aber, was soll man sagen? Es ist noch kein Kind drinnen geblieben- und am Ende ist es wohl auch nicht entscheidend, ob man in einem Kreißsaal gebärt, der einem Spa gleicht, oder aber in einem Krankenhaus ohne Schnickschnack- Hauptsache, die zukünftige Generation von Belarussen und Deutschen ist gesund und munter!

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