Zwischen den Jahren, zwischen den Welten

Nun bin ich also wieder hier, in Minsk, in Belarus. Nach vier Monaten Hotel Mama in Deutschland. Obwohl ich die Stadt ja im September mit so romantisch verklärt-überschwenglichen Gefühlen verlassen habe, komme ich nicht umhin, Minsk nun mit anderen Augen und nüchterner zu sehen. Das macht zum einen der Kinderwagen: Minsk ist eine absolut nicht barrierefreie Stadt. Die Bordsteinkanten sind schwindelerregend hoch wenn man mit einem Kinderwagen unterwegs ist, Absenkungen nicht vorhanden, dafür die tollen Fußgängerunterführungen, die natürlich keine Rampe haben. Die Metro werde ich im nächsten Jahr nicht von innen sehen, das selbe gilt für etliche Geschäfte, die man nur über Treppen erreicht.

Das zeigt zum einen, was man von Müttern mit Kindern im Kinderwagenalter erwartet: Zu Hause zu bleiben und nicht durch die Stadt zu flanieren. Das zeigt aber auch, dass in Minsk a) Rollstuhlfahrer im städtischen Alltag nicht zu existieren scheinen und b) Senioren keine Rollatoren haben und ebenfalls zu Hause bleiben.

Nach so langer Zeit in Deutschland, wo die Straßen gut in Schuss sind, ich mich ohne Sprachbarriere verständigen kann und wo es alles, was man sich wünscht, im Geschäft zu kaufen gibt, bedeutet die Rückkehr umso mehr einen Kulturschock.

Zwar kann man nun wieder westliche Währung an den Wechselstuben erhalten- aber zu welchem Kurs! Ein Euro sind 11 000 Belarussische Rubel. Ganz abgesehen davon, dass mir ganz schwindelig wird, wenn ich 100 000 000 durch 11 000 teilen soll- die Abwertung ist immer noch eine Tragödie für die Bevölkerung. Lageristen im Supermarkt verdienen 1 800 000 Rubel, also ein bisschen weniger als 180 Euro. Das ist aber noch mehr, als Hochschullehrer verdienen. Wieder muss ich mich an ganz neue Preise gewöhnen- seit September ist alles noch einmal teurer geworden. Die Menschen, so erzählen sie, leben nur von Gehalt zu Gehalt, das zum Glück hier zweimal monatlich ausgezahlt wird.

Auf dem Kamarovka- Markt war heute allerdings nicht viel von der Krise zu spüren- die Menschen haben heute Gehalt bekommen und waren mit den Einkäufen vor dem größten Fest des Jahres beschäftigt. So voll wie vor dem Neujahrsfest ist es sonst nie auf dem Markt und auch die Straßen im Zentrum in Minsk erinnern eher an Moskau als an das sonst doch recht beschauliche Minsk. Trotzdem komme ich nicht umhin, mich zu fragen, was diese Menschen, die so gebeugt und besorgt und grau aussehen, vom nächsten Jahr erwarten und was sie im nächsten Jahr erwartet.

Es liegt nicht einmal Schnee, der das ganze Szenario ein wenig vorteilhafter darstellen könnte. Stattdessen ist es grau und feucht und heute morgen haben sich auch noch alle Krähen von Minsk in unserem Hof getroffen- ziemlich gruselig, so viele große schwarze Vögel vor dem Fenster.

Zudem hat das Baby einen Jetlag- der Zeitunterschied zwischen Belarus und Deutschland beträgt zwei Stunden, seitdem der Präsident beschlossen hat, dass die Uhr nicht mehr zur Winterzeit umgestellt wird.

Dies sind wirklich Tage zwischen den Welten- für VaterMutterKind, für die Politologin, für die Deutsche.

2 Comments

  1. Ich komme gerade zurück aus Minsk. Meine Lage ist umgekehrt wie Ihre, wir leben meistens in München und sind immer wieder mal in Minsk bei Schwiegermama. Mein Sohn, 2 Jahrem, 3 Monate, ist zum ersten Mal im Kindergarten – in Minsk… weil im reichen Deutschland viel von Kinderfreundlichkeit gesprochen wird, aber zwischen Sonntagsrede und Montagsarbeit ist es eine lange Zeit…
    Sie, liebe Nadine, haben völlig Recht. Mein Sohn ist zwar schon 90cm „groß“, aber die Treppen, Stufen, etc. sind alles andere als kind- oder gar babygerecht.
    In Komarowski-Markt habe ich zur Weihnachtszeit viele Leute gesehen, die Massen eingekauft haben – und zum allerersten Mal überhaupt einen „Gammler“, der wohl nicht mehr nüchtern zwischen Milchständen ausschlief. Wirklich erstaunlich war, dass immer noch auf 10 Rubel genau gerechnet wurde und auch herausgegeben – obwohl 10 Rubel inzwischen weniger als ein Zehntel Cent wert ist.

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