Zwischenwelten- Nachtrag zu gestern

Während ich heute so durch den Gorkipark spazierte, ist mir ein Licht aufgegangen:

Wie gut ich es doch eigentlich habe, Menschen um mich zu haben, die den Übergang von einer Welt in die andere erleichtern und die zum Glück nicht zwischen den Jahren verloren gehen:

Da ist der französisch-niederländische Freund in Kabul, der mir mit seiner Erfahrung im zwischen-den-Welten-leben immer wieder hilft zu verstehen, dass jedes Heimweh vorbeigeht und dass das Leben in einer internationalen Familie bereichernd und ganz normal sein kann. Und dass, obwohl er in Afghanistan mit Sicherheit andere Dinge zu tun hätte!

Da ist der Ehemann, der auch noch den letzten Wunsch gutmütig erfüllt, damit ich mich in seinem Land wohl fühle, und sei es, ein knalloranges Telefon zu kaufen, damit die Standleitung zu meiner Mama, die ich so vermisse, mit Sicherheit nicht zusammen bricht.

Da ist die Schwiegercousine in Australien, die mir zu für sie nachtschlafender Zeit Tipps gibt, wie ich Babys Jetlag kurieren kann und die mir vorkommt wie eine nahe Verwandte, obwohl ich sie in meinem ganzen Leben noch nie persönlich getroffen habe.

Da ist die Freundin, die in Luxemburg wohnt, einem Land, in dem quasi jeder entwurzelt und fern von seinen Lieben in internationalen Familien und WGs wohnt und die mit hilft zu sehen, dass das Leben in Zwischenwelten immer nur eine Phase ist, die in der Anpassung an den Aufenthaltsort endet, und die man nutzen kann, um die Draufsicht auf die Situation in kreative und analytische Energie umzuwandeln.

Da ist das Baby, dem es egal ist, wo auf der Welt man es liebhat und das sich mit seinem zahnlosen Grinsen freut, wenn ich ihm mit deutschem Akzent das russische Lied vom kleinen Tannenbaum vorsinge.

Da ist die beste Schwester der Welt, die ohne mit der Wimper zu zucken den Urlaub in einem Mittelmeerland mit einem Besuch in Minsk tauscht und das Weihnachtsgeld in einem Laptop anlegt, um per Skype auch noch den Freitagabend und Silvester virtuell mit uns zu verbringen.

Da ist die Freundin aus dem Rheinland, die sogar auf Haiti an ein noch nicht mal geborenes Baby denkt und die es mit einer Fernbeziehung Paris-Port au Prince und einem haitianischen Hund, der bei der amerikanischen Schwiegermutter lebt, auch nicht einfacher hat als ich.

Da ist das Mädchen, das gestern hinter mir in der Schlange am Obststand wartete und die mir freundlich zulächelte, als mir wieder mal nicht einfiel, wie der korrekte Genitiv auf Russisch lautet, mit dem man vier Kakis kauft.

Und da sind natürlich alle meine Lieben in Essen, die ich dieses Jahr so lange sehen konnte, wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr: Mein lieber Bruder, mit dem zusammen zu wohnen so viel Spaß gemacht hat; meine Mama, ohne die ich in diesem Jahr komplett aufgeschmissen gewesen wäre und die zur tollsten Cyber-Oma geworden ist; meine Freundin aus Essen, die anstelle meines Mannes 9 Monate mit mir co-schwanger war…

Zwischen den Welten und zwischen den Jahren wird man anscheinend nicht nur nachdenklich, sondern auch klassisch sentimental, aber vielleicht ist dies genau der Zeitpunkt und der (virtuelle) Ort, um dankbar zu sein und mich dafür zu bedanken, dass alle diese Menschen in diesem außerordentlichen Jahr für mich da waren und froh zu sein, dass sie mich auch im nächsten Jahr begleiten werden. (Außer wohl das Mädchen vom Markt.)

2 Comments

  1. Das Utopie-Video hat mich sehr fasziniert – man muss beim Gucken schon ein bisschen grinsen und sich über die Zwischenwelt freuen.

    Hier gibt’s den „Bruder“ aus Luxemburg – man sieht: sie haben Geld reingesteckt, um die Scheichs zu locken: http://www.youtube.com/watch?v=UWfOamsG3qk&feature=related.

    Das „offizielle“ Promovideo über unser aller Sehnsuchtsort Essen spricht Bände über den Zustand der Stadtkasse: http://www.youtube.com/watch?v=lnq5yf4UpIA.

    Und jetzt möchten wir gern die Kabul-Promo sehen!

    1. Utopievideo? Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters! Liebe Sarah, glaube mir, Minsk war die schönste Stadt der Welt, als ich dort meine Frau geheiratet habe. Wenn mich meine Frau morgen bitten würde, dorthin umzuziehen, dann könnte ich mir das auch vorstellen.

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