Jetzt ist Winter hier

Also wenn ich mal ein paar Tage nichts schreibe, dann liegt es nicht daran, dass hier nichts passiert, sondern an einem der folgenden Gründe:

  1. Ich kann mich nicht entscheiden, was ich zuerst erzählen soll.
  2. Ich bin über der Tastatur eingeschlafen, weil Kasimir mal wieder eine ganznächtliche Pyjamaparty feiern wollte.
  3. Ich sitze aus dem gleichen Grund ermattet in der Ecke und kann nicht mal mehr Zweiwortsätze bilden.
  4. Die Intertnetvebindung ist eingefroren. Das tut sie schonmal bei -22°C.
  5. Ich bin im Gorkipark festgefroren. Das tue ich schonmal bei -22°C.

In dieser Woche waren es 1,2,3 und 4.

Aber es gibt eine Menge zu erzählen!

Zuerst:

Ich war beim Goethe-Institut in Minsk. Dort habe ich mir einen Büchereiausweis gemacht und mich damit abgefunden, dass es in Goethe-Instituten meistens Bücher für gebildete Menschen gibt und solche, die es werden wollen. Ich habe mir die Bücher herausgesucht, die am meisten nach Spaß aussahen und mir die Fontanes und Kleists für das nächste Mal aufgehoben.

Dann zeigte mir die freundliche Mitarbeiterin die Kinderbücher- tolle Bücher, auf deutsch und auf russisch. Als ich nachfragte, ob es so etwas auch auf belarussisch und deutsch gibt, war ich doch erstaunt zu hören: „Was wollen Sie denn mit Belarussisch? Erziehen Sie das Kind lieber auf russisch, da hat es doch wohl mehr von!“ Wer hätte das gedacht? Dabei ist das GoetheInstitut doch offiziell belarussischsprachig… Wir werden Kasimir weiter mutwillig die Zukunft verbauen und ihn deutsch und belarussisch erziehen. Russisch lernt er ohnehin- in Minsk sprechen fast alle Russisch, Medien sind auf Russisch und Kindergärtnerinnen auch.

Was ist sonst noch passiert?

Ich habe ein Interview auf Belarussisch gegeben! Zum Thema „Belarussischsprachige Nichtbelarussen zur Sprachsituation in Belarus“. Ich hoffe, dass dem netten Journalisten noch ein besserer Titel für die Story einfällt. Sobald das Interview veröffentlicht wird, werde ich es übersetzen und hier einstellen.

Und: Ich habe jetzt eine eigene Reihe auf der Webseite „BelarusDigest“ . Und zwar als Expat-Experte (oder Experten-Expat). Ich berichte, was in Belarus so los ist aus der Sicht einer Deutschen- also quasi das, was ich hier auch tue. Zwei Artikel habe ich bereits geschrieben: Zum Thema Anreise und über das Zurechtfinden in Minsk, wenn man kein Russisch spricht.

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Ansonsten ist es jetzt hier richtig Winter geworden! Heute waren es -22°C, gefühlt -26°C. Das ist so kalt, das einem der Schnodder in der Nase gefriert. Wir hatten letztens wirklich beeindruckende Eiszapfen an der Dachrinne, und seit ein paar Tagen springen die freundlichen Menschen in den orangen Westen auf unserem Dach herum und entfernen Tonnen von Schnee von demselben. Man merkt auch hier, dass es Krisenzeiten sind:

Im Land der Vollbeschäftigung hängt ein trauriger Zettel am schwarzen Brett unten im Haus. Die Hausverwaltung lässt freundlich anfragen, welcher der Bewohner sich freiwillig zum Schneeschippen meldet (bisher Aufgabe der orangen Westen). Die Leute, man denkt es sich, stehen Schlange, um 30 cm Schnee wegzuschaufeln.

Die deutschen Medien berichten derweilen vorwurfsvoll vom „sibirischen Hoch“ Cooper, das Deutschland „bitterkalte minus 6 Grad“ beschert. Wie jedes Jahr kommt so auch in diesem der Winter völlig unverhofft. Immer im Dezember oder Januar, vollkommen außer der Zeit. Nie gibt es genug Streusalz oder eine Chance, die Schneemassen von den Straßen zu räumen.

Da lobe ich mir Belarus! Hier gibt es das Heer der orangen Westen, schwere Maschinen und genug Sand in Containern alle paar Meter, um Schnee und Eis effizient Herr zu werden.

Und auch kleidungstechnisch ist man hier um einiges besser gewappnet. Das habe ich gemerkt, als ich in meinem ersten Winter hier in meinem deutschen Winterjäckchen, mit lila Pashminaschal und farblich abgestimmtem Lederhandschuhen einen Ausflug gemacht habe. Nein, ich wollte nicht die hässlichen Handschuhe, die Aleksej mir angeboten hat, und schon gar nicht die Jacke von seiner Mutter!

Ich Dummkopf. Minus 40°C waren’s, ich wäre beinahe wirklich erforen und habe mir zum ersten und letzten Mal den politisch unkorrekten Spruch „Siehst aus wie die Deutschen 1941 in Russland“ angehört. Dann habe ich mich hier eingedeckt: Warme Jacke, eine Schapka, und wenn sie eben die Frisur ruiniert, und richtige warme Winterschuhe.

Damit stehe ich allerdings alleine auf weiter Flur: Die Belarussinnen frieren und stöckeln. Und behaupten, dass ihnen bei zweistelligen Minusgraden in Nylons, kurzen Daunenjäckchen und ihren Stöckelschuhen nicht kalt ist. Ich bin dafür nicht geschaffen. Gestern war ich im ZUM und habe mir richtig warme Winterschuhe gekauft. In der Männerabteilung.

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4 Comments

  1. Liebe Nadine,

    und wieder einmal zaubert mir einer Deiner Beiträge ein Lächeln auf die Lippen. Besonders die Stelle, an der Du über Deine farblich auf den Schal abgestimmten Lederhandschuhe im belarussischen Winter berichtest, ist zu köstlich! Auch ich habe nunmehr kleidungstechnisch ähnliche Konsequenzen gezogen wie Du: Ich habe nämlich beschlossen, dass ich aus dem Alter, in dem ich aus Eitelkeit gefroren habe, raus bin…
    Alles Liebe
    Kristin

  2. Klappt ja gut – in der Stadt. Da zeigt sich dass auch alte Strassenbahnen, Busse und Einrichtungen ohne elektronische Steuerung oder technischen Extrafummel ihren Dienst auch bei grösster Kälte tun. In den von der ungewöhnlichen Kälte betroffenen Regionen im Westen, macht auch die modernste Technik schlapp.

    Auch bei uns auf dem Lande im Norden Belarus‘ muss man in den unisolierten Häusern zweimal Nachts aufstehen, um nachzufeuern und die Unterhosen mit den langen Armen 🙂 anziehen. Und wenn morgens die Wasserpumpe im Hof vor dem Haus eingefroren ist, macht man halt eine Stunde Feuer, um diese aufzutauen.

    Wenn’s mal zuviel Schnee auf der Strasse hat, spannt man das Pferd vor den Schlittenpflug aus Holz und fährt ein paar mal die Strasse runter.

    Viel anders war’s auch bei uns in den Schweizer Alpen vor 30 Jahren nicht.

  3. liebe Nadine, dass ist ja mal wieder ein Artikel, der mein stolzes Mutterherz erfreut ! Von wem hast Du nur Deine Wortgewandtheit!? Übrigens gibt es in diesem Jahr genügend Streusalz, allerdings fehlen derzeit noch hier die Schneemassen, die damit gewürzt und getaut werden sollen. Kalt ist es hier ja nun wirklich (-10 Grad) und in den nächsten Tagen sollen ein paar Flöckchen fallen . . . ! Ich werde bestimmt berichten!
    Mama

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