Belarus-müde

Gerade überkam es mich. Ich fragte mich: Was mache ich eigentlich hier? Am liebsten würde ich meine Sachen packen und sofort nach Deutschland fahren.

Jeder Mensch, der sich mit Belarus befasst, weiß, dass es ein Land ist, für das man eine hohe Frustrationstoleranz braucht. Ich weiß, dass die Belarussen sich damit rühmen, dass es dieses Wort in ihrer Sprache nicht gibt, aber vielleicht sollten sie mal darüber nachdenken, was einem Volk abgeht, das nicht einmal das Gefühl „Frust“ benennen kann. So kann man schließlich auch nichts dagegen unternehmen.

Im Moment habe ich ein eindeutiges Gefühl von „zuviel des Guten“. Gerade beschließt die EU weitere Sanktionen gegen Belarus. Die Botschafter werden nicht zurück kommen, aber das ist es nicht, was mich ärgert.

Es ist dieses Gefühl von kaltem Entsetzen, dass ich in den letzten Wochen mit mir rumtrage.

Entsetzen, in einem Land zu leben, wo offensichtlich unschuldige Menschen hingerichtet werden. Entsetzen, in einem Land zu leben, wo überhaupt Menschen hingerichtet werden!

Entsetzen, in einem Land zu leben, in das manche Leute nicht rein- und andere nicht herausgelassen werden. Und der Albtraum, dass ich aus irgendeinem Grund, der mir nicht mal klar ist, die nächste sein könnte.

Auf dünnem Eis
Auf dünnem Eis

Wenn nicht einmal mehr Dr. Astrid Sahm, eine der, oder nein, die größte Belarus-Kennerin in Deutschland, die sich seit Jahren für das Land und den Dialog, aber auch für die Menschen einsetzt, einfach nicht mehr einreisen kann, obwohl sie ein gültiges Visum hat, worauf kann man sich noch verlassen?

Und habe ich als Mutter das Recht, mein Kind hier aufwachsen zu lassen? Andererseits, mein Mann und seine Familie sind ja auch ordentliche Menschen, und das sind sie hier geworden.

Aber ich bin nunmal ein politisch interessierter Mensch, nicht nur hier, sondern auch in Deutschland, und ich stehe dazu, dass ich wohl eine der wenigen bin, die die Wahl des neues Bundespräsidenten im Fernsehen angeschaut hat, und das nicht nur, weil es in den Biathlon-Pausen kam. Ich schwärme für Gauck und Bill Clinton wie andere für Tom Cruise oder den anderen Bill, den von Tokyo Hotel.

Und deshalb kann ich auch hier nicht nichts mitbekommen. Wenn ich dann aber einen Beitrag für www.belarusdigest.com schreibe, und bei meiner Telefonrecherche der arme KGB-Mann, der sich sonst immer meine Telefonate mit meiner Mama und Oma anhören muss, so aufgeregt wird, dass gar die andere Seite nicht mehr zu verstehen ist, dann ist meine  -> Frustrationsgrenze erreicht.

Aber es ist ja nicht nur das! Hinzu kommt noch die Strahlenbelastung, und die unklare Situation bezüglich der Lebensmittel geht für mich als Mutter zu weit. Woher Obst und Gemüse nehmen? Die Frau auf dem Markt lügt mich so offensichtlich an, wenn ich sie frage, ob die Birnen auch ja nicht aus den zu meidenden Zonen kommt, dass sie auch einfach hätte die Wahrheit sagen können.

Soll mein Baby wirklich hier aufwachsen?

7 Comments

  1. Ich habe mich andersrum entschieden und bin 1991 mit 27 Jahren nach Deutschland gezogen. Dort fand ich ein „Paradies“, trotz all den Problemen, die mit Sicherheit auch in Deutschland vorhanden sind.
    Ich kann ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, wie jemand sich entscheiden kann in einem Land zu ziehen, wo viel mehr Probleme sind als in dem Eigenen und wo sogar die eigene Freiheit eingeschränkt ist.
    Wenn ich zurück denke, bin ich so traurig, dass ich nicht die Möglichkeit und das Glück gehabt habe, in Deutschland groß werden zu können, mit den vielen Chancen, die dieses Land bietet.
    Ich habe voll Respekt für Dich, Nadine und ich lese immer sehr gespannt und interessiert über Deine Erfahrungen in Belarus.
    Trotzdem kann ich Deine Entscheidung nach Minsk zu ziehen, vor allem wegen Deines Kindes und seiner Zukunft, nicht verstehen.
    Ich wünsche Dir viel Kraft weiter!
    Paola

  2. Sie sind eine mutige Frau. Warum wollen Sie mit Ihrer Familie nicht in Deutschland leben? Sie hätten dort definitiv weniger Probleme.

    1. @ Kate,
      Belarus ist ein schönes Land, die (meisten) Menschen dort sind wundervolle und warmherzig.
      Deutschland ist ein schönes Land, die meisten Menschen sind auf Ihren eigenen Profit aus. Weniger Probleme?? Mann darf nicht von der ( Elite) Oberschicht ausgehen deren einziges Problem ist, wie Sie Ihr Vermögen vergrößern, sondern vom „Normalo“ Bürger der täglich kämpfen muss.
      Warst Du schon mal in Belarus?

      1. Klar, habe dort 25 Jahre meines Lebens verbracht. Ich frage mich nur wie ein „Normalo“ Bürger in Belarus jetzt um seine Existenz kämpft.

  3. Hallo Nadine,
    dich hat es ja böse erwischt, prinzipiell hast Du ja recht,aber überlege doch mal es gibt noch viele andere Länder wo die Todesstrafe noch nicht abgeschafft ist.
    Verstrahlte Lebensmittel sind sicherlich der Supergau, aber wo ist der Unterschied zu Genmanipulierten, mit unerforschten Zusätzen, oder mit Krebs-erregenden Mitteln versetzten Lebensmitteln, die bekommst Du in Deutschland und dem Rest der Welt, weil ja alles frisch und lange haltbar sein muss.
    Abgehört, bespitzelt oder im Internet wird auch im Rest der Welt, nur ist es dort offiziell verboten und es wird totgeschwiegen.
    Die Hauptsache ist doch, dass man sich in seiner Unmittelbarer Umgebung (Familie, Freunde) versteht und wohlfühlt, mit dem Rest muss man sich halt arrangieren.
    Ich wünsche Dir, dass Du das kleinere Übel erkennst und die „richtige“ Entscheidung findest.
    Horstik

  4. Dein Beitrag ergreift mich! Es ist die Entscheidung, die viele irgendwann treffen müssen: Wie weit kann ich für meinen Glauben an eine bessere Welt und meinen Beitrag zu ihr gehen? Und ist nicht das Wohl meiner Lieben und mein eigenes immer die Stelle, an der es so nicht mehr weiter geht? Aber was passiert, wenn wir alle irgendwann einpacken?

    Ich wünsche dir viel Kraft die richtige Entscheidung zu treffen, ich bewundere dich, dass sich die Frage überhaupt stellt und bin dir dankbar für diesen Satz:

    „Andererseits, mein Mann und seine Familie sind ja auch ordentliche Menschen, und das sind sie hier geworden.“ Denn genau hier wird klar, dass die Entscheidung keineswegs eine klare Sache ist.

    Cali

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