Denen ist wohl nicht mehr zu helfen

Gerade lese ich auf der Seite der WAZ und der NRZ, Lokalausgabe Altena (google: Wo ist Altena?), folgenden Artikel: Hilfstransport nach Pinsk ausgebremst .

Da ist die Rede vom Städtepartnerschaftsverein Pinsk-Altena, der in diesem Jahr keine Hilfsgüter nach Weißrussland bringt. Und dann der Satz:

„Bunte Kleidung will Präsident Alexander Lukaschenko nicht nach Weißrussland importieren lassen. „Die Menschen sollen im Land kaufen. Und zwar in den Einheitsfarben Weiß, Grau und Schwarz“, berichtete Angelika Mosch am Mittwoch bei der Jahreshauptversammlung des Vereins zur Förderung der Städtepartnerschaft Altena-Pinsk in der Burg Holtzbrinck.“

Man lasse sich diesen Quatsch auf der Zunge zergehen. Ja, es ist schwierig, Hilfsgüter nach Belarus zu bringen. Es gibt verschärfte Gesetze und der Zoll hat seine Methoden, um zu zeigen, was man nicht ganz so gerne hier sieht.

Aber mal im Ernst, wer so einen Satz sagt, der kann doch lange nicht mehr in „Weißrussland“ gewesen sein, oder?

Erstens gibt es hier – zwar hässliche, das Thema hatten wir ja schon– aber facettenreiche und vor allem schreiend bunte Kleidung zu kaufen.

Besser nicht Kleidung, sondern Spiegel importieren
Besser nicht Kleidung, sondern Spiegel importieren

Zweistens, ja, kupliajcie belaruskae, kauft belarussische Erzeugnisse, aber Mexx, Mango, Tally Weijl und Vero Moda haben ja „Präsident Alexander Lukaschenko“ auch irgendwie überlistet und sind mit ihren verkäuflichen Hilfsgütern ins Land gekommen.

Drittens, „Präsident Alexander Lukaschenko“ ist es latte, wie die Leute hier rumrennen. Der mit den Einheitsklamotten war Mao. Vielleicht kennt man in Altena (google sagt: Burgstädtchen anscheinend mit Firewall in Westfalen) den Unterschied nicht. Aber wenn die Leutchen schon ihre wertvolle Freizeit aufbringen, um sich um die armen Menschen in „Weißrussland“ zu kümmern, dann könnten sie sich ja mal im Land umschauen. Der Präsident hat wahrlich andere Sorgen, als sich um die Farbe der Kleidung seiner Untertanen zu kümmern.

Ich frage mich, was sich diese Menschen denken. Diese gutgemeinte Nächstenliebe um jeden Preis. Helfen um des Helfens Willen. Wie dieser Herr, der jeweils zu Weihnachten zentnerweise deutsche Schokoosterhasen nach Belarus bringt, um dort Kinder in einem Kinderheim zu erfreuen. Das hält den Zug, der ohnehin meist zwei Stunden Verspätung hat, beim Einladen im Ruhrgebiet und beim Zoll auf. Dann beschwert er sich, dass der belarussische Staat es aber auch schwierig macht, Gutes zu tun. Und kommt nicht eine Sekunde auf die Idee, nach Belarus zu fahren und vor Ort Schokolade zu kaufen und den Kiddies zu bringen.

Wahrscheinlich ist das die Ursache für diese ganzen wohlgemeinten, aber schiefen Hilfsaktionen: Die Überzeugung der Freundschaftsvereinler, dass es in Belarus weder Schokolade noch bunte Kleidung gibt. Dass die Menschen anämisch und verhärmt rumlaufen.

Manchmal leider kein Farbenverbot
Manchmal leider kein Farbenverbot

Ja, es gibt viele arme Menschen in Belarus und es gibt auch viele, die sich über Anziehsachen aus dem „Westen“ freuen (Mein Schwiegervater zum Beispiel, der meinen Strohhut aus Italien aufsetzt, um auf der Datscha Ehrengäste zu empfangen). Und die  Tschernobylkinder auch.

Aber es wäre auch angebracht, ab und an mal das Bild von dem Zielland und dementsprechend die angebrachten Hilfsleistungen an die Realität anzupassen.                   So alle 25 Jahre mal.

Liebe Frau Mosch, vielen Dank für Ihren Einsatz für „Weißrussland“ und Pinsk.

Fahren Sie doch mal wieder hin!

7 Comments

  1. Hallo Nadine, erst heute (16.8.2012) bin ich auf diese Seite gestoßen. Deine Kritik an unserem Verein mag aus Deiner Sicht berechtigt sein. Wir saugen uns diese Informationen aber nicht aus den Fingern. Das Deutsche Auswärtige Amt gibt laufend Informationen heraus, wo über neue (teils haarsträubende und für uns unverständliche) Anordnungen des weißrussischen Präsidenten berichtet wird. Und wenn dieser Präsident solche Anordnungen erlässt, muss ich mich als Verantwortlicher für die getätigten bzw. geplanten weiteren Hilfstransporte an diese Anordnungen halten, wenn ich nicht Gefahr laufen will, dass unser Transport vom Zoll konfisziert wird. Ich habe diese Anordnungen ausgedruckt und Besuchern aus Pinsk mitgegeben, um vor Ort in Pinsk Lösungen zu finden, wie doch noch Transporte durchgeführt werden können. Als Antwortschreiben bekam ich folgende Meldung aus Pinsk: „Lieber Herr L. Hiermit möchte ich Ihnen mitteilen, dass es heutzutage nicht möglich ist, einen Transport nach Pinsk zu organisieren. Es tut mir leid, aber die neuen Zollregeln sind noch strenger, als Sie mir in Ihrem Schreiben des Auswärtigen Amtes vorgezeigt haben. Zweitens sind die Transportkosten fast dreimal höher geworden, als die Geldsumme, die mir Frau U. genannt hat. …… Die ganze Geschichte ist sehr traurig, aber wir können hier in Pinsk nichts ändern. Mit herzlichen Grüßen, N.“
    Obwohl unsere Transporte an Organisationen gehen, die die staatliche Erlaubnis für den Empfang eines Transportes vorweisen, sind auch diesen Stellen in Pinsk die Hände gebunden und sie können uns zur Zeit nicht weiterhelfen. Wir suchen jedoch stets nach weiteren Möglichkeiten, um die Transporte für Pinsker Invaliden, Schwerbehinderte, Kinderkrankenhäuser usw. weiterhin durchführen zu können. Dass Sie sich lustig über unsere Zeitungsartikel machen, oder sich aufregen, kann ich nachvollziehen, wenn man die Hintergründe nicht kennt. Aber: In jedem Jahr fuhr und fährt eine Gruppe aus unserer Stadt zu Freunden nach Pinsk und in jedem Jahr kommen Pinsker Kinder mit ihren Müttern zu einem Ferien-Aufenthalt nach Altena. (Außer den gegenseitigen Privatbesuchen einzelner Personen.) Wir müssen uns jedoch zur Zeit auf diese Kontakte beschränken, weil uns Transporte und andere Hilfen versagt sind. Ich hoffe, ich konnte die Zeitungsartikel hiermit verständlicher machen.
    Mit freundlichen Grüßen aus Altena. Lothar. E-Mail: Altena-Pinsk@live.de

  2. Liebe Nadine,

    zunächst: Danke für dieses lebendige, lesenswerte Blog!

    Du hast vollkommen recht, die Zeit der Hilfsgütertransporte und Kinderferienmaßnahmen ist glücklicherweise vorbei und es ist gut, dass sich dafür kaum noch Fördermittel finden („Diesmal muss die Erholungswoche auf Juist aus Kostengründen ausfallen“).
    Trotzdem möchte ich den Freundschaftsvereinen zugute halten, dass sie durch die Familienaufenthalte sehr engen Kontakt zwischen Belarussen und Deutschland möglich gemacht haben. Viele meiner Minsker Freunde fühlen sich Deutschland tief verbunden, weil sie als Kind in einer deutschen Familie Urlaub gemacht haben. Und Deutsche, die nicht so für Abenteuertourismus zu haben sind, wissen doch zumindest, dass es eine Stadt wie Pinsk gibt.

    Für den Abgleich mit der Realität gibt es eigentlich regelmäßige Treffen der deutsch-belarussischen Städtepartnerschaften, abwechselnd in Belarus und Deutschland. Aber es ist nicht so leicht, nach 20 Jahren im immer gleichen Kollektiv auf einmal etwas vollkommen Neues zu machen.

    Viele Grüße nach Minsk, Sarah

  3. Hallo zusammen,
    ich habe mir diesen Artikel angesehen, ich will ja niemanden zu nahe treten, aber is ist ja wirklich naiv, wenn man glaubt man könne einen LKW beladen und nach BY fahren, dort nach gut dünken den Samariter spielen. Diese Zeiten sind seit 16 Jahren vorbei. Die Gesetze (einige auch Sinnvoll) haben sich seitdem ständig verändert.
    Wenn ich humanitäre Hilfe in ein anderes Land bringen will, muss ich mich nach den dortigen Gesetzen erkundigen und dementsprechend handeln.
    Auch wir fahren im Jahr ein bis zweimal nach BY offiziell als Hilfskonvoi und haben jedes mal das eine oder andere Problemchen weil wieder einmal eine neue Verordnung in Spiel kommt, aber man kann alles mit einem Lächeln und im Gespräch lösen.
    Wichtig ist, dass der oder die Empfänger der Hilfsgüter eine Berechtigung hierfür haben, diese kann beim dortigen Ministerium für Humanitäre Hilfe beantragt werden.
    Im übrigen muss ich Nadine recht geben, Lukaschenko ist es mehr als latte in welchen Farben die Leute rumrennen.
    Unsere Organisation kauft die meisten Hilfsgüter in BY der Vorteil dabei ist, die Transportkosten und die Quarantäne entfallen, das heißt ankommen, bestellte Waren abholen in Kartons verpacken und verteilen an wen ich will. (Wer es nötig hat). Spezielle Sachen die wir besser hie in D bekommen bzw.. kaufen werden angemeldet und gut ist es.

    Mach weiter so Nadine.

  4. Liebe Nadine,
    es gibt solche und solche Städtepartnerschaften.
    Meine Frau kommt aus Polotzk und die deutsche Partnerstadt ist Friedrichshafen.
    Diese Partnerschaft besteht bereits seit 20 Jahren und Friedrichshafen hat viel gutes in Polotzk bewirkt. Jedes Jahr fährt eine Deligation nach Polotzk und auch ein Gegenbesuch findet fast jedes Jahr statt.
    Für mich ist diese Partnerschaft ein Beispiel wie man es richtig macht, denn man hat den gegenseitigen Respekt nicht verloren.
    Wenn du magst kannst du ja mal reinschauen http://www.freundeskreis-polozk.de/

    Liebe Grüße nach Minsk

    Andreas

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