Feministen vor!

Na, da haben wir ja was losgetreten. Meine Kollegin Volha Charnysh, eine brilliante Politologin, die zur Zeit in Harvard zu einem sicherheitspolitischen Thema promoviert, und ich. Zurzeit bewirbt sie sich unter anderem in Moskau und wurde wiederholt in Bewerbungsgesprächen von potenziellen (männlichen) Vorgesetzten gefragt, warum sie es denn nicht „hinkriege“ zu heiraten. Und ob sie es nicht angebrachter fände, eine Dissertation zum Thema „Wie finde ich einen Ehemann“ zu verfassen.

Ich bin mit Sicherheit keine militante Feministin, die sich halbnackt vor öffentliche Gebäude stellt. Aber diese Kommentare finde ich einfach inakzeptabel. Und am Schlimmsten ist, dass es in Russland und Belarus auch keine Möglichkeit gibt, gegen solche Sprüche zu klagen.

Volha und ich haben dann einen Artikel auf Belarus Digest zu diesem Thema verfasst. Bei der Recherche zum Thema Chancengleichheit sind wir auf weitere haarsträubende Zitate gestoßen: Lydia Yermoshina, Vorsitzende der zentalen Wahlkommission und einflussreichste Frau in Belarus, ruft andere Frauen auf, „zu Hause zu bleiben und Borschtsch zu kochen, anstatt sich um Politik zu kümmern.“

Frauenthemen in Belarus sind schwierig- und zwar deshalb, weil die Frauen niemals Zeit haben, sich über sie Gedanken zu machen. Ich habe ja bereits mehrmals darüber geschrieben (gezetert), welchem Druck sich junge Frauen in Belarus ausgesetzt fühlen. Nach der Uni, bitteschön, heiratet und produziert uns Enkel. Männliche, wenn’s recht ist, denn so richtig als Oma und Opa fühlen wir uns erst, wenn wir einen Stammhalter vorweisen können.

Das führt dazu, dass viele brilliante Frauen gar nicht auf die Idee kommen, eine steile Karriere zu verfolgen- wissend, dass sie ab 25 spätgebärend sind. darüber hinaus ist es in den meisten Institutionen und betrieben undenkbar, dass eine Frau Vorstandsvorsitzende werden könnte. Die Frauen sehen also ihr Etappenziel bis 30 darin, nach dem Universitätsabschluss zu heiraten und Kinder zu kriegen. Unterstützt werden sie darin von Männern, denen es gar nicht in den Sinn kommt, in Elternzeit zu gehen.

Das sind natürlich in allen Ländern schwierige Themen, in Deutschland haben wir zum Glück Kristina Schröder und die FlexiQuote, um eine Debatte am Leben zu halten. Ob Frauenquote oder nicht- wenigstens gibt es eine Diskussion.

In Belarus, und das ist das wirklich bedauernswerte an der Sache- gibt es diese Diskussion nicht. Die belarussischen Frauen haben so viel mehr zu bieten als ihr gutes Aussehen. Sie sind nämlich auch klug. Und kluge Frauen sollten Wahlmöglichkeiten haben- ob sie, ihrer Ausbildung und ihren Neigungen entsprechend- Vorstandsvorsitzende von MAZ-MAN werden oder aber Borschtsch kochen und ihre Kinder groß ziehen.

Die belarussischen Frauen aber haben keine Wahl. Sie müssen alles gleichzeitig machen- Kinder kriegen und in mittelmäßigen Positionen unterbezahlt arbeiten, um das Überleben ihrer Familien zu sichern. Und so kommt es, dass niemand Zeit hat, nach einer Änderung in der Gesellschaft zu rufen.

Vielleicht können wir Alice Schwarzer ja mal dahin verleihen? Dann muss sie auch nicht mehr für die BILD-Zeitung schreiben.

Bis dahin bin ich gespannt, wie viele empörte Reaktionen auf den Artikel ich noch bekomme- und ich freu mich über jede einzelne. Ohne Debatte kein Nachdenken, und ohne Nachdenken keine Chance auf  Verbesserung.

 

 

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