„Heimat ist ein Gefühl“- mein Artikel für Vitamin.de

Alice Bota, Özlem Topçu und Khuê Phamhaben ein Buch mit dem Titel „Wir neuen Deutschen. Wer wir sind, was wir wollen“ geschrieben. Darin beschreiben sie, wie sie sich zwischen zwei Ländern fühlen und wie schwer es für sie ist zu benennen, wo ihre Heimat ist.

Beim Lesen fiel mir mein Artikel ein, den ich in diesem Sommer für vitamin.de geschrieben habe, ein Magazin für Deutschlerner in Russland (daher die einfache Sprache im Artikel). Der Text ist nicht zum download erhältlich, deshalb kopiere ich ihn hier in meinen Blog.

Minsk und ich, das war Liebe auf den zweiten Blick. Ein Minsker und ich, das war eine große Liebe auf den ersten Blick. Aber von Anfang an.

Im Jahr 2006 machte ich ein Praktikum in Minsk. Zuerst war ich für zwei Wochen in Kiew. Eine beeindruckende Stadt, wie das Paris Osteuropas. Minsk war dagegen eine Ernüchterung. Im Juli wirkte die Stadt verschlafen und menschenleer, ich wollte zurück nach Essen. Das ist meine Heimatstadt.

Dann, eines Abends, lernte ich einen jungen Mann kennen. Aliaksei sagte mir, dass er in Bochum studiert hat. Bochum und Essen liegen beide im Ruhrgebiet. Wir redeten den ganzen Abend über meine Heimat. Das war fast, wie zu Hause zu sein!

Kurz darauf lernte ich Aliakseis Eltern kennen. Ich wusste damals nicht, dass man in Belarus ein Mädchen nur seinen Eltern vorstellt, wenn man vorhat, sie zu heiraten. In meinem Fall war alles wie eine glückliche Fügung. Meine Schwiegermutter ist Deutschlehrerin an der Universität. Sie spricht fließend Deutsch! Ich habe mich in der belarussischen Familie sofort wie zu Hause gefühlt.

Nach wenigen Monaten haben mir Minsk, Aliaksei und das Leben in Belarus so gut gefallen, dass ich dort geblieben bin. Wir haben geheiratet und ich habe Belarussisch gelernt. Russisch konnte ich schon aus der Schule- aber in Aliakseis Familie spricht man Belarussisch. Das war eine gute Motivation, schnell die neue Sprache zu lernen.

Sommerausgabe von vitamin.de
Sommerausgabe von vitamin.de

Mittlerweile sind wir eine ganz normale deutsch-belarussische Familie, wenn man so sagen kann. Wir haben einen kleinen Sohn, Kasimir Eduard. Er seine Vornamen von unseren Uropas. Kasimir wird später deutsch und belarussisch sprechen.

Aber natürlich gibt es auch immer wieder Unterschiede zwischen dem Leben in Deutschland und in Belarus. Das erfordert Toleranz von allen! Meine Schwiegereltern sind großartig. Bestimmt denken sie oft,  dass ich mich seltsam verhalte. Aber sie sind immer geduldig und sehr lieb zu mir. Ich gebe mir natürlich auch Mühe. Mein Mann sagt, ich habe eine slawische Seele.

Meine Schwiegereltern haben eine Datscha. Dort verbringen sie den Sommer. Sie pflanzen Gemüse, sammeln Pilze und Beeren und ernten Obst. In Deutschland nennt man das „Bio-Anbau“. Das ist modern: Alle deutschen Städter wollen ein Stück Land haben, das sie selber bestellen. Für viele Belarussen ist das hingegen notwendig, um im Winter nicht zu hungern. Nach ihrem Job im Büro fahren sie aufs Land und kümmern sich um die Datscha.

Mein Schwiegervater liebt sein Häuschen. Er möchte, dass wir alle dort den Sommer verbringen. Ich finde es aber gewöhnungsbedürftig, dass es dort kein fließendes Wasser gibt. Das Klo ist eine Holzhütte im Hof! So etwas hatte ich noch nie gesehen.

Mein Artikel in dieser Ausgabe
Mein Artikel in dieser Ausgabe

Am Anfang fand ich es sehr traurig, dass deutsche Mädchen einen schlechten Ruf in Belarus haben. Man denkt, dass wir hässlich sind. Angeblich tragen wir nur Jeans und Turnschuhe. Oft haben Belarussen zu mir gesagt: „Du bist eine Deutsche? Du siehst gar nicht so aus! Anscheinend haben die Belarussen dir schon gezeigt, wie man sich anziehen soll.“  Die Belarussinnen sind sehr schick gekleidet. Leider kann ich auf hohen Absätzen nicht laufen. Deshalb muss ich meine Schuhe immer in Deutschland kaufen. Als ich in Belarus ankam, hat man sofort erkannt, dass ich eine Ausländerin bin. Mittlerweile falle ich in Minsk nicht mehr auf. Außer, wenn ich belarussisch spreche.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s