Couture, Kultur und Kürbisse

In den letzten Wochen ist richtig Schwung in das Leben in Minsk gekommen.

Woher das kommt? Ich vermute, es ist darauf zurück zu führen, dass sich Land und Leute mal wieder mit aller Macht gegen den herannahenden Winter aufbäumen.

Hinzu kam der „Tag des Wissens“, der 1. September, der den Beginn des akademischen Jahres markiert. Die Studenten kehren in die Stadt zurück, die Schüler aus dem Pionierlager („Ja aber welche Pioniere denn? BRSM?“, „Nein, einfach Pioniere.“- Es gibt Dinge, die kann man nicht verstehen, wenn man nicht in der Sojwetunion geboren ist.) oder von den Großeltern auf dem Land.

Eine alternativ-agrikulturelle Seite von Minsk?
Eine alternativ-agrikulturelle Seite von Minsk?

Minsk ist wieder voll, die Straßen und die Metro platzen aus allen Nähten.

Um den Schulanfang und die Wiederkehr des Alltags ein wenig zu versüßen, gibt es einige Veranstaltungen. Das Stadtfest zum Beispiel. Fällt eigentlich unter die Rubrik „Brot und Spiele“, scheint aber in diesem Jahr mit verschiedenen Bühnen im Gorkipark, Installationen und Open-Air Veranstaltungen eine wirklich schöne Sache jenseits der „Wir sind alle Kartoffel-Esser“ Gruselauftritte gewesen zu sein, welche die Stadt sonst zur Volksbelustigung erdacht hat. Um diese schräg singenden, in Leinensäcke gehüllten, drallen Popsänger zu ertragen, halfen damals wirklich nur zu Samagon verarbeitete Kartoffeln. In Erinnerung von den „Tag der Stadt“-Festen geblieben sind mir als Hauptstadtflüchtige nur die Schlagzeilen über Schnapsleichen.

Kunst mit Kürbissen
Kunst mit Kürbissen

Sehr erfreut haben mich zwei weitere, eigentlich Belarus-untypische Events:

Das erste war die Eröffnung eines „Show-Rooms“ in der Minsker Altstadt. Belarussische Designer stellen dort ihre Kollektionen aus und nähen gleichzeitig fleißig vor Ort an neuen schicken Teilen. Gemeint sind hier nicht die unförmigen, hässlichen und überteuerten Fetzen, die man in den staatlichen Geschäften kauft, sondern unglaublich trendige, günstige und geschmackvolle Einzelstücke. Bisher wurden die Kollektionen in einem Café verkauft. Der Showroom ist der erste seiner Art in Belarus (und ich war die erste Besucherin, weil ich den Artikel falsch verstanden hatte und  so zwei Tage vor der Eröffnung eine preview erschlichen habe). Ich empfehle, die Mädels zu besuchen und sich mit der belarussischen Couture einzudecken. Die Adresse ist Revolucyinaja 10, man gelangt dorthin durch folgenden Hinterhof:

Der Hof zum Central Fashion Market
Der Hof zum Central Fashion Market

Das zweite Event fand in der Galereja Ў statt: Ein agri-kulturelles Fest, mit einer interessanten und pink beleuchteten Kürbisskulptur, die von Geigenspieler untermalt wurde und einem Bio-Markt. Die Tatsache, dass dieser aus einem Stand mit Ziegenmilchprodukten und einem Stand mit Biokisten bestand, sagt einiges aus zur Lage des Bio-Essens in Belarus.

Ziegenmilch für alle Galeriebesucher
Ziegenmilch für alle Galeriebesucher

Es ist bemerkenswert, dass es in einem Land, in dem die Leute glauben, die Tschernobylwolke habe einen mysteriösen Bogen genau um ihre Datscha gemacht und ihre Zucchini seien deshalb ökologisch sauber, überhaupt ein solches Fest gibt. Bedarf gibt es keinen, denn die Leute bauen sich ja selbst an, was sie essen. Die Biokisten, die dann tatsächlich angeboten werden, sind recht teuer. Ich müsste mal erfragen, wie viele sie davon verkaufen. In Belarus gilt immerhin als „öko“, was nicht genetisch modifiziert ist, wenn man den Siegeln auf den Lebensmitteln glauben schenkt.

Belarussische Biokiste
Belarussische Biokiste

Leider konnte ich auch nach eingehendem Studium der Broschüre von EkoDom (NGO, die das Festival organisiert hat) nicht herausfinden, woher ich Bio-Fleisch bekomme.

Es ergeht jedenfalls an dieser Stelle ein riesiger Dank an die- anscheinend vom Himmel gefallene- Webseite citydog.by, die das Beste in und an Minsk bekannt macht und dank der man das Gefühl hat, in einer trendigen, ganz normalen Hauptstadt mit vibrierender Kultur zu wohnen. Und das zum ersten Mal in sechs Jahren. Danke dafür!

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3 Comments

  1. Ist citydog.by schon wieder vom Netz oder hat sich in den Link ein Tippfehler eingeschlichen. Firefox hat die Seite nicht gefunden.
    Volker

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