Es waren wohl Wahlen

Falls jemand es nicht mitbekommen hat: Letzten Sonntag waren in Belarus Parlamentswahlen. Hier im Ruhrgebiet habe ich das nur mitbekommen, weil eine Kegelschwester meiner Oma auf derem 75. Geburtstag einen Tag nach den Wahlen sagte:

„Bei euch war ja wieder ganz schön was los, Proteste und so.“ Ich dachte mir, dass ich wirklich mal wieder belarussische Internetseiten konsultieren und meinem Mann zuhören sollte, was er mir am Telefon so erzählt, bis mir aufging, dass sie anscheinend die Demonstrationen in Russland meinte. Russland, Weißrussland, alles das Gleiche.

Dass diese Meinung auch in Belarus vorherrscht, ist ja nichts Neues. Viele der „gewählten“ Volksvertreter haben mit einer belarussischen Identität nichts am Hut. Und das Volk vertreten sie auch nur auf eine sehr eigentümliche, anscheinend belarussische Art und Weise.
Denn, wenn man den Ergebnissen der belarussischen Wahlkommission Glauben schenken darf, waren die Wahlen zwar nicht konform mit internationalen, dafür aber mit nationalen Standards.

Wer geht wählen?
Wer geht wählen?

Was das für Standards sein sollen? Ich möchte gerne den Paragraph im Wahlkodex nachlesen, in dem steht, dass es erlaubt ist, aus dem Stehgreif eine den Regierenden kommode Wahlbeteiligung zu nennen. Offiziellen Zahlen zufolge haben ja rund 74% der Bevölkerung gewählt.

Das finde ich sehr erstaunlich. Ich kenne niemanden, der letzten Sonntag Wählen gegangen ist. Das heißt im Umkehrschluss: Alle, die ich kenne, sind nicht wählen gegangen. Ich kenne zwar nicht ganz Belarus, aber gewisse Rückschlüsse kann man daraus sicher ziehen.

In Belarus haben die Parlamentswahlen im Vorfeld und am Wahltag selber keine Rolle gespielt. Zwar hingen an den Schulen, die Wahllokale sind, Plakate, die auf den Wahltag hinwiesen. Das war es aber auch schon. Ein einziges Mal habe ich eine Art „Wahlkampf“ gesehen. Vor dem ZUM sprach mit ein blässlicher Student der Radiotechnischen Universität an, der ganz und gar freiwillig seinen Professor als Abgeordneten anpries. Auf einem Aufsteller war ein passfotogroßes Fotos des Gelehrten zu sehen. Der Rest des Plakates enthielt die Vita des Mannes in eng bedrucktem Blocksatz inklusive seiner werke zur Teilchenphysik.

Business as usual in Belarus
Business as usual in Belarus

Nachdem ich mir zwei Stunden Zeit genommen hatte, den Lebenslauf zu lesen, habe ich mit dem Studenten diskutiert, welche Projekte der Herr Professor im Parlament einbringen will, um das Leben der Bürger in seinem Wahlkreis zu verbessern……. nicht.

Es war weder eine Parteizugehörigkeit zu erkennen, noch hatte der Mann Wahlvorhaben vorzuweisen. Hinterher hat mir jemand erklärt, dass er wahrscheinlich nichtmals freiwillig kandidiert hat.

Das einzig erstaunliche an diesen Wahlen ist wieder einmal die Reaktion der deutschen Presse: Während in Belarus die Wahlen mit der minimalen Aufmerksamkeit bedacht wurden, die ihnen auch zustand, haben die deutschen Medien erstaunt berichtet, die Wahl sei eine „Farce“ gewesen. Diese messerscharfe Analyse war in einer großen Zahl von Zeitungen zu lesen- als hätte jemand erwartet, dass es anders hätte kommen können.

Ansonsten bestanden die Vorbereitungen auf die Parlamentswahlen in Belarus nur darin, Journalisten zu verhaften und Blogger einzuschüchtern. Darüber hinaus wurden die Wohnungen von Gründern verdächtiger Gruppen in sozialen Netzwerken durchsucht.

Ich bin erleichtert, dass weder meine Mitgliedschaft in der Gruppe „Brauche großen Balkon, damit ich zum Volk sprechen kann“ noch jene in der Gruppe „Ätsch, Kapitalismus ist besser :-P“ Anstoß erweckt haben.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s