Wie Maria Volkonskaja

Nadine Wolkonskja beim Nachsinnen auf der Zugfahrt

Jetzt sind wir wieder in Minsk. Nach einem Monat Familienaufenthalt im Ruhrgebiet sind wir gestern wieder in Belarus angekommen.

Geplant war eigentlich ein Aufenthalt von drei Wochen, aber letzte Woche konnte Aleksej uns nicht abholen. „Ich habe Karten für Bayern München gegen BATE!“ sagte er. Na gut, dass er da Frau und Kind nicht heimholen kann, leuchtet jedem ein, nicht wahr?

Die Reise mit dem Baby verläuft immer ganz gut: Wir fahren mit dem ICE bis Berlin und anschließend, nach einem Abendessen mit Freunden, mit dem Nachtzug nach Minsk. Man kann die Nacht durchschlafen und ist für ein spätes Sonntagmittagessen zu Hause.

Finde ich ganz super, nur leider dauert diese Variante knapp 24 Stunden und kostet 500€, während Direktflüge mit Belavia von Frankfurt nach Minsk 100€ kosten und 2 Stunden dauern.

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Ich merke, wie die Akzeptanz für meine Präferenz des entschleunigten Reisens sinkt. Aber kann ich etwas dazu, dass mein Kopfkino mir plastisch in den Belavia- Maschinen dieselben Löcher im Boden darstellt, wie ich sie aus belarussischen Trolleybussen kenne?

In jedem Fall ist mir gestern beim philosophischen Aus-dem-Fenster-schauen beim Reisen (und wann sieht man schon mal herbstliche Birken und Sümpfe beim Fliegen? Hoffentlich niemals in der Mitte der Reise!), aufgefallen, wie ich mich fühle, jedes Mal, wenn ich in Berlin in den blauen Zug steige:

Wie Maria Volkonskaja, jene heldenhafte und anscheinend wahnsinnig verknallte Urenkelin Lomonossovs, die ihrem Mann nach dem gescheitertern Dekrabistenaufstand 1826 nach Sibirien in die Verbannung folgte. Ihren Sohn ließ sie zurück, ihren Titel verlor sie, und ihre zukünftigen Kinder wurden zu Leibeigenen.

Nadine Wolkonskja beim Nachsinnen auf der Zugfahrt
Nadine Wolkonskja beim Nachsinnen auf der Zugfahrt

Als Frau eines Verbannten durfte sie sich nicht an öffentlichen Orten zeigen und so entwickelte sich ihr Haus zu einem Zentrum des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens von Irkutsk, wo sie auch ein Waisenhaus gründete.*

Ebenso heldenhaft und verdammt fühle ich mich auch. Abgeschnitten von der Welt, dem Leben und den Lieben. Edelmütig und mutig und aus Liebe ungeheuerliche Opfer erbringend, für den heldenhaften Fürst an meiner Seite, der gegen die Ungerechtigkeit in der Welt kämpft!

Wenn ich bei diesen Überlegungen angekommen bin, fühle ich mich besser. Und bin froh, als ich merke, dass Minsk doch nicht mit Irkutsk im Jahre 1826 zu vergleichen ist. Die Fotos vom Ankunftstag gestern sind zumindest ziemlich fröhlich, nicht wahr?

*Wikipedia und Russischunterricht bei Frau von Heymann, 11. Klasse in Essen-Borbeck.

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