B2-894…. gestrandet!

Belavia ist, wenn man trotzdem fliegt.

Deutschland ist ein Winterentwicklungsland! Wo Politologen schon lange von einem Nord-Süd-Gefälle reden, ist es Zeit, die Augen auch nicht mehr davor zu verschließen, dass es ebenso ein Ost-West Gefälle gibt. Je weiter man in den Westen reist, desto unterentwickelter ist die Schneeinfrastruktur. Der Frankfurter Flughafen ist die Sahel-Zone in dieser Hinsicht.

Das durfte ich in diesem Winter bereits zweimal erfahren. Einmal bei dem Versuch, von Minsk nach Frankfurt zu fliegen. Bei Schneetreiben und Minusgraden starteten alle 5 Flüge des Tages pünktlich und ohne Probleme. Diese gingen nach Irkutsk, Moskau, Riga und Warschau. Nur unser Flug nach Frankfurt verzögerte sich um sechs Stunden, weil es in Frankfurt nicht genug Enteisungsmaschinen gab.

Frankfurt versinkt im Schneechaos
Frankfurt versinkt im Schneechaos

Nun ist der Minsker Flughafen nicht unbedingt JFK oder auch nur Düsseldorf. Dort gibt es genau ein Café, das man nach dem Einchecken noch betreten kann, und dieses hat exakt 20 Buterbrody für einen normalen Arbeitstag auf Lager. Bei zwei gestrandeten Maschinen hingen den Passagieren also recht schnell der Magen in den Kniekehlen. Der belarussisch-brasilianische Fußballsuperstar Renan Bressan flog mitsamt Chihuahua und Supermodelfreundin ebenfalls in der Holzklasse und war die Geduld in Person.

Nach fünf Wartestunden durften wir dann in die Businesslounge des Flughafens, weil wir ein kleines Kind dabei hatten. Bressan durfte nicht mit, weil er kein Kind hatte. Im Postkommunismus sind alle gleich, Ausnahmen für Promis gibt’s nicht!

Während der beste Ehemann einigermaßen beeindruckt war : „Siehst du, jetzt bist du auch mal in der Businesslounge gewesen, gemütlich hier, oder?“ ließ ich mich meinen Blick von der billigen Auslegeware zu den schwarzen Ledermonstrumsofas und den Pressholzbeistelltischen in weiß-Ahornmaserung wandern, auf dem aus einem Fernseher das BT-Sonntagabendprogramm plärrte und Erholung effizient vermied. Eine künstliche Palme verbreitete wunderbare Strandatmosphäre.. und gestrandet waren wir ja auch irgendwie.

Nach zwei weiteren Stunden, in denen wir mit den widerlichsten Schnittchen seit dem Russlandaustausch (Weißbrot, finderdick Butter und zweifingerdick fettige Salami, wer den Osten kennt, kennt diese Brote) durften wir ins Flugzeug. das hat uns dann kurz vor Flughafenschluss immerhin noch nach Frankfurt gebracht, wo ganze 0,5 cm Schnee lagen. Soviel zum größten HUB in Deutschland.

Weniger Glück hatten wir in der letzten Woche, als wir mit Belavia von Frankfurt zurück nach Minsk fliegen wollten. Um 5 vor drei fing es an zu eisregnen- oder Eis zu regnen. Zwei geschlagene Stunde saßen wir im Flugzeug, dann wurde uns mitgeteilt, dass der Flughafen nun erstmal geschlossen sei- es gab einfach nicht genug Enteisungsmaschinen.

Der Vertreter von Belavia mit dem freundlichen Pfannekuchengesicht, den ich bisher immer für den Chefmonteur gehalten hatte und den ich vor jedem Flug gefragt hatte, ob er die Schrauben gut angezogen habe, verschwand für einige Stunden, um gegen 21 Uhr (der geplante Abflug war um 15 Uhr) wieder zu kommen und auf Russisch zu erklären, dass man überraschender Weise an diesem Tag nicht mehr fliegen könne. Der Flughafen schließt ja auch um 22 Uhr, und natürlich gab es für die letzte Piselairline, die sich entscheidet, nicht zu fliegen, dann auch keine Hotelzimmer mehr. Auch wieder so eine Überraschung.

Ich hatte mich ohnehin schon zuvor entschieden, das Flugzeug an diesem Tag nicht mehr zu betreteten. Einige Flugzeuge mussten wegen akuter Vereisung umdrehen, und ich als Schissbuchse vom Dienst wollte lieber nicht erst starten und dann umkehren.

Außerdem fingen die Mit-Belarussen kurz nachdem wir das Flugzeug verlassen hatten an, Cognac und andere Getränke aus dem Duty Free Shoop zu trinken und nach belarussischer Manier zu verteilen: „“Djevushka, regen sie sich nicht so auf, komm, trinken Sie 50 Gramm mit uns!“ Interessant zu beobachten, wie sich Cliquen bildeten und das Mathematikerehepaar von Mitte siebzig sich mit der Frau aus Luxemburg verbrüderte, die einen riesigen Strauß Rosen mit sich rumschleppte, und Herrn Belavia im größten Chaos fragte, ob er nicht eine Vase für ihre Blumen habe.

Buterbrody.
Buterbrody.

Ich dachte mir, dass mir niemand garantiert, dass der Pilot- ein äußerst freundlicher Mittfünfziger- nicht ebenfalls eine Cognacparty mit der Belegschaft feiert, bsi der Flughafen wieder auf ist. Ich jedenfalls habe noch nie einen Belarussen mit Geburtsjahr vor 1950 einen Umtrunk mit den Worten „Bin im Dienst, darf nicht trinken“ ablehnen hören- nicht den Professor, den Oberst, den Minister, den Spion, den Taxifahrer und auch nicht den Arzt. Vie Hoffnung in seine Nüchternheit setzte ich also nicht.

Leider verließen mich um viertel nach neun Uhr abends die Nerven, als nämlich das freundliche Pfannekuchengesicht eine Viertelstunde auf Russisch mit den belarussischen Fluggästen in einer Ecke beraten habe, was nun zu tun sei. Mit ganz erstaunlich verbesserten Russischkenntnissen (gemischt mit Belarussisch, denn wenn ich emotional bin, geht das immer noch besser) schrie ich was von Diskriminierung der deutschen Passagiere und dem armen Kind, das doch nicht am Gate schlafen könne, von Fluggastrechten und Unverschämtheiten.

Am Ende durfte ich dann mit meinem Bordgepäck und dem Baby in der Bauchtrage durch den stillgelegten Flughafen zum Bahnhof stolpern, wo ich an zuckersüßen afrikanischen Babys, die mitsamt ihren eltern am gate übernachteten und der längsten Schlange, die ich je gesehen habe vor einem Lufthansaschalter, zum Bahnhof, um gegen Mitternacht in Essen am Hauptbahnhof anzukommen, von wo ich vor 13 Stunden gestartet war.

Nie wieder Frankfurt im Winter!

7 Comments

  1. Hallo Nadine, wieder eine schöne Geschichte ich mag, wie Du schreibst!

    Unsere Familie ist auch „gemischt“ meine Freundin ist weißrussin, ich bin deutscher und unsere Tochter ist beides! Wie leben in Deutschland und mischen fleissig beide Kulturen.

    Warum bist Du denn über Frankfurt geflogen? Hier ein Tip für Dich, falls du es noch nicht kennst! Aktuell wickeln wir nämlich einen Teil „unseres Ost-verkehrs“ über die Route Dortmund-Vilnius ab. Wizzair fliegt diese Strecke und ist auch sehr günstig. Von Vilnius kommt man gut mit dem Zug nach Minsk. Unser Au-Pair (auch aus Weißrussland) hat das schon ein paar mal gemacht.

    Ich freu‘ mich auf Deine nächste Geschichte!

    Schöne Grüße Wolfgang Müller

  2. Nun bald werden solch nichtigen Probleme, wie Vereisung und Schneesturm, in Deutschland den Fluggästen kaum mehr Schwierigkeiten bereit. Denn es gibt keinen Grund mehr, überhaupt zum Flughafen zu fahren. Der funktioniert nämlich gar nicht und wird deshalb auch nicht eröffnet. „Geschlossen!“ Prangt am Eingang, wegen Unmöglichkeit der Installation des vorgeschriebenen Brandschutzes.

    Wir ersticken so langsam an unserer eigenen „Über“-Zivilisation – fast wie im alten Rom. Wir brauchen gar keinen verqualmten Flughafen – nein schon in Sichtweite des Towers endet die Reise. Wenn man die Bilder von eingerichteten Cafés, Läden und Terminals sieht, die völlig leer sind, wie eine Geisterstadt fast surreal – da freut man sich doch sicher an dem Gedanken, wie das Leben im kleinen, doch geöffneten und gerade trotz alledem funktionierenden Flughafen in Minsk, überschäumend in einem Café nach dem Security-check stattfindet – fast paradiesische Zustände.

    Ja die Deutschen! Techniknation Nr. 1! Der Export-(vize)-Weltmeister ist nicht mehr in der Lage einen funktionierenden Flughafen zu bauen. Traurig!

    Aber verständlich – bei all den „Verwaltern“, die sich da als Möchtegern-Bauherrn aufspielen und dabei nur rechts und links schielen, damit keiner aus ihrem Claim etwas wegpickt. Vernünftige Ideen und praktikable Lösungen vermisst man da. Nur noch Prestigedenken und das persönliche politische Fortkommen hat man da im Auge. Und im entscheidenden Moment kneift man dann – mit gut gefülltem Portemonnaie natürlich.

    Wir, die alles können, die alles haben, für die nichts unerreichbar scheint (schien) – wir kriegen nicht mal das hin. Fehlt bei uns nur der realistische Blick oder ist uns sogar der Pioniergeist abhanden gekommen? Ich weiß nicht was hier los ist, doch irgendetwas ist faul im Staate.

    Es gibt sogar schon Stimmen, die der Meinung sind, dass der Stuttgarter Hauptbahnhof wohl doch noch vor dem Berliner Flughafen eröffnet wird. Ganz ehrlich – ich bezweifle, dass beide je eröffnet werden …

  3. In Minsk ist anscheinend in der Richtung auch die Verantwortung beim Piloten. Vor drei Jahren bin ich wenig großer Hoffnung in Minsk am Flughafen angekommen. Es herrschte ein Schneesturm wie ich ihn als Mitteleuropäer noch nie mitgemacht hatte. Bei gefühlten 30 C Minus. Auf die Frage am Schalter ob überhaupt gestartet wird antwortete man mir „mal sehen“. Nach 2 Stunden wo keine einzige der geplanten Maschinen startete und auch keine landete. Kam die Durchsage alles einsteigen. Kurzes hektisches Gewimmel rund ums Flugzeug und fragende Blicke der Mitreisenden. Und dann ging es los, wir hatten einen sehr ruhigen und angenehmen Flug. Die Jungs haben auch wirklich was drauf mit ihren Maschinen. Ich glaube die können das schon sehr gut einschätzen was geht und was nicht. In Deutschland ist man da etwas vorsichtiger und bei so einem HUB wie Frankfurt sowie so.

    Liebe Grüße und weiter so mit deinem Blog.

  4. Hi Nadine,

    glücklicherweise kommt es eher selten in Deutschland vor, das Flugzeuge „enteist“ werden müssen. Dann gibt es hier die Regel: Wenn es auch nur die geringste Chance gibt, dass es auf dem Runway/beim Start zu einer Vereisung kommen könnte, dann wird eben komplett jedes Flugzeug behandelt. In eher „östlichen“ Ländern wird das dann mehr so gehandhabt: „der flieger muss los, ausserdem hat der flieger ja selbe eine enteisungslösung on board und egal, wenns zu viel wird muss er eben umdrehen“…
    Hinzu kommen die bösen kapitalistischen Gedanken wie „wieso sollen wir 200% Enteisungstechnik vorrätig haben, wenn wir das maximal 1% benötigen“. Das ist unwirtschaftlich😉

    Gruss aus Hamburg
    Wolfgang
    (p.s. das mit den 20 butterbroten in Minsk in diesem kleinen Caffee kann ich bestätigen… und es stinkt nach Klo….. brrrrrr)

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