Massenmenschen

Der eisige Februar hat Minsk fest im Griff

Ich bin wieder hier, und das schon seit mehr als drei Wochen.

Irgendwie fehlte mir bisher die Zeit und auch die Inspiration, etwas zu schreiben. Ich verbringe nämlich meine Zeit im Moment hauptsächlich damit, schlechte Laune zu haben und mich zu beschweren. Und wenn dann noch Zeit übrig ist, beklage ich mich darüber, wie ätzend es hier ist.

Interkulturell kompetent ist das nicht, aber man sehe es mir nach: Es ist Februar in Minsk. Februar ist der allerallerschlimmste Monat. Der Winter dauert eine gefühlte Ewigkeit, und wenn der deutsche Biorhythmus schon längst nach Frühling verlangt, kommt es hier nochmal so richtig dicke: Schnee, meistens die kältesten Tage des Jahres und die Grippewelle.

Im Moment erhalte ich grimmige Genugtuung aus der Tatsache, dass es in Deutschland auch immer noch schneit und die Grippewelle in NRW in diesem Jahr viermal schlimmer ist als sonst. Diese negativ motivierte Befriedigung zeigt schon, wie schlimm es um mich steht.

Februar im Gorkipark
Februar im Gorkipark

Zurzeit habe ich eine regelrechte Minsk-Depression. Bisher konnte ich, wenn es mir richtig schlecht ging,  immer mal durch die Stadt spazieren und habe mich dann doch wieder ganz gut gefühlt. Dieses Jahr haben entweder alle Minsker das selbe Leiden wie ich, oder aber ich habe ein neues Level in meiner Aversion erreicht.

Wie jedes Mal bin ich mit einer Menge Elan und einer bewundernswerten Can-do- Einstellung aus Deutschland angereist. Mir doch egal, dass die denken, dass Frauen mit Kindern zu Hause sitzen müssen. Mir doch egal, ob die denken, mit Kindern darf man nicht in den Supermarkt! Mir doch egal, ob Frauen mit Kindern nienieniemals in einem Café sitzen und Latte Macchiato trinken. Mir egal, mir egal, mir egal. Ich komme aus Deutschland und mache es so wie zu Hause!

Wie jedes Mal bin ich damit am zweiten Tag gescheitert. Als ich einen Riesenumweg zum Café machen musste, da es keine Möglichkeit gibt, die Straße mit dem Kinderwagen zu überqueren. Als ich, dort angekommen, schief angeguckt wurde, und die rauchenden Babuschki tuschelnd die Köpfe zusammen steckten, weil das arme Kind in ein Café musste. Als ich im Geschäft drei Mal von Omas mit dicken Hintern umgerannt wurde und viermal von Menschen mit offener Tuberkulose (oder einem Krankheitsbild mit ähnlicher Geräuschkulisse) angehustet wurde. Als ich mir fast das Genick gebrochen hätte auf den vereisten Gehwegen und die Männer, anstatt mir zu helfen, rempeln, um schneller an mir vorbei zu kommen. Als ich zum zehnten Mal den Kinderwagen alleine eine Treppe heraufgetragen hatte und mich bei den Umstehenden noch für die Unannehmlichkeit entschuldigen musste. Als meine Schwiegermutter zum siebenundzwanzigsten Mal gefragt hat, ob Kasimir mit 15 Monaten nun endlich aufs Töpfchen geht (der Homo Sovieticus ist eine evolutionäre Besonderheit und ab einem Jahr in der Lage, seinen Schließmuskel zu kontrollieren). Als meine Schwiegermutter dann auch noch sagte, wenn ich bald wieder arbeiten wolle, sei das doch sicher noch viel zu früh für das arme Kind!

Und dann auch noch, als ich 14 Euro für ein Kilo Hackfleisch bezahlt habe, sieben Euro für eine Packung Eis, 3 Euro für 200ml Sahne und 1,20 Euro für 500g Nudeln (und zwar nicht italienische Premiumpasta). Es macht einfach keinen Spaß. Minsk macht keinen  Spaß mehr.

Die Menschen, und jetzt höre ich mich an, wie ein integrationsunfähiger Expat und stehe gerne dazu, sind unfreundlich. Sie rempeln, sie motzen, sie rotzen- und sie riechen schlecht. Im Winter, wenn sie über ihre Polyesteranziehsachen ihre warmen Mäntel ziehen, gibt es einfach eine unangenehme Geruchsentwicklung. Außerdem, so habe ich festgestellt, gibt es eine Aura von Mundgeruch, die man sogar manchmal meterweit riechen kann. Mir fällt es zur Zeit extrem schwer, diesen Mangel an Körperhygiene zu tolerieren.

Leider ist man hier gezwungen, seinen Mitmenschen im öffentlichen Raum viel zu nahe zu kommen. Denn sehr oft hat man es mit sehr vielen Menschen auf sehr kleinem Raum zu tun. In öffentlichen Verkehrsmitteln, in Geschäften, bei Ausstellungen – überall gibt es zu wenig Platz, zu wenig Deo pro Quadratmeter Mensch und zu viele Minsker.

Mausgrau, steingrau, eisgrau....
Mausgrau, steingrau, eisgrau….

Die Belarussen scheint das nicht weiter zu stören. Das habe ich in diesem Winter gelernt: Minsker sind Massenmenschen. Sie sind es gewöhnt, sich zu quetschen und sie finden es nicht schlimm. Es gilt das Recht des Stärkeren, und sie sind prima darin trainiert, sich durchzusetzen. Belarussen kriegen eher Angst, wenn sie alleine sind. Das scheint ein Erbe des Kollektivismus zu sein. Alles gehört allen, und wer alleine sein will, macht sich verdächtig.

Nur in der Gruppe scheinen sie sich sicher und stark zu fühlen, während ich eher schreiend Reißaus nehme. Eine Mutter kann nicht alleine mit ihrem Kind sein, es braucht mindestens zwei Omas an ihrer Seite. In einer Wohnung wohnt nur eine Familie? Wieso nicht noch eine Oma oder die Tante oder drei Großneffen? Niemals sieht man hier Menschen alleine im Café sitzen, mit einem Buch in himmlischer Ruhe. Gehe ich hier unter Menschen, fällt mir immer und immer nur Sartre ein: „‚L’enfer, c’est les autres“. Minsk ist meine Hölle. Die Minsker sind meine Anderen.  Aber, wie sagt Garcin: „Eh bien, continuons.“ Bald kommt der März.

12 Comments

  1. Hallo Nadine,
    habe mich in Deinem interessanten Blog bis Ende 2011 zurückgelesen. Ich finde, dass Du nach 6 oder mehr Jahren in Minsk noch immer die deutsche Brille aufhast, d.h. Du berichtest aus Deinem heimatlichen Blickwinkel, ob das nun die volle U-Bahn, die schwitzenden Menschen oder die vor Ort erhältliche Kleidung betrifft. Eigentlich verschiebt sich der Wahrnehmungshorizont nach einer gewissen Zeit, d.h. nach 6 Jahren Belarus käme einem doch einiges in Deutschland komisch vor. Aber Du schriebst ja, dass Du ab und zu Heimweh hast.
    Ich finde, dass es in Minsk recht gelassen zugeht (im Vergleich zu Moskau) und die Leute überwiegend freundlich und hilfsbereit sind. Die Geschäftspartner sind ehrlich und weit weniger korrupt als in Russland. Die Partyszene ist gediegen und überschaubar, also für mich (51 Jahre) gerade richtig. Sorge bereitet mir, dass sich immer mehr Russen in Minsk breitmachen, entweder als Kurzurlauber im Casino, oder sie kaufen gleich einen Zweitwohnsitz. Parallel wandern junge qualifizierte Arbeitskräfte ab – zu über 80% nach Russland.
    Trotzdem freue ich mich immer wieder, nach Minsk zu kommen. Bin rund dreimal im Jahr für einige Tage da und würde auch gerne länger bleiben.
    Gruß aus München,
    Uli

    1. Lieber Uli,
      vielen Dank für deinen Kommentar! In Belarus ist gar nicht alles schlecht, auf keinen Fall! Übers Nachtleben kann ich nicht so mitreden, ich bin keine große Diskogängerin.
      Minsk ist toll und die Minsker auch- wenn man sich nicht gerade in die UBahn quetscht, und wenn nicht gerade Februar ist (das finden übrigens auch viele Minsker).
      Ich bin nicht seit sechs Jahren durchgehend hier, sondern immer wieder in Deutschland. Das erklärt, warum ich immer noch meinen deutschen Blick auf die Dinge habe- neben der Tatsache, dass ich mir große Mühe gebe, mir diesen auch zu bewahren.
      Das finde ich für meine eigene Identität sehr wichtig. Und deshalb ist es bei mir mit der kulturellen Brille so, wie man es in den Seminaren zur interkulturellen Kompetenz lernt:
      Ich habe meine deutsche rote Brille auf und es ist unmöglich, sie abzulegen. Aber ich habe oft die grüne belarussische drübergezogen. Manchmal ergibt rot und grün zusammen eben- sumpffarben.

      Viele Grüße nach München!
      Nadine

  2. Liebe Nadine, Dein Schreibstil ist sehr schön.
    Leider fühle ich mich als Belarussin beim Lesen Deiner Pasqiulle sehr unwohl. Schade, daß Du kein Glück hierzuhause gefunden hast. Wieso denn wohnst Du hier, wenn alles so schlecht für Dich ist?
    Mein KInd ist fast 2 Jahre alt. Ich wohne nicht weit von Westfalia in einer sehr schönen Gegend. Gehe übrigens so oft ich will mit Kind dort lecker und ausgewogen essen. Das Personal ist super freundlich, alles kindergerecht. Genau so wie wenn ich bei Gippo oder Globo einkaufen gehe, U-Bahn oder Bus oder Taxi mit dem Sohn fahre. Kinderwagen ist nirgendwo ein Problem. Und wenn ich den leeren KInderwagen in die Kinderbibliothek zum 4. Stockwerk auch schleppen soll und das Kind noch an der Hand halte, dann ärgere ich mich zwar auch, da leider keiner helfen kann, aber das ist alles so vorübergehend…
    Und – ehrlich – ich kenne bestimm ca. 20 Mütter hier im Bezirk mit ihren Kidis im Alter von meinem Sohn und – ehrlich – sie motzen nicht und niemals wie Du. Sie sind einfach glücklich. Normalzustand eines Menschen.
    Du hast Dein moralisches Recht, stets über alles motzen zu wollen. Aber Dein Urteil über mein Land ist irgendwie … hmmm. Soll ich hier auch direkt oder lieber diplomatisch sein, da wir irgendwann zusammengearbeitet haben??
    Deine Texte sind schön, aber ich finde es beleidigend, und bin traurig darüber, wie schlecht es Dir hier geht. Es stört mich im Prinzip aber nur so wenig, da ich weiß, es ist einfach (D)eine Charaktersache… Ich habe den Eindruck, DU lebst nur wenn Deine Schwester da ist. Sorry, daß ich schon fast Psychoanalyse treibe. Ich glaube nicht, daß Du in DE alles vom Himmel fallen bekommen hast. Oder anders gesagt: Was ist in DE so viel besser als hier in Belarus? Kritisieren kann man da auch jede Menge. Aber was nutzt das wohl? Man muß – egal, wo man wohnt – nur eine Gabe besitzen: Leben lieben und lieben können. (c) Ich bin kein Sartre, aber zitiere mich selber gern.😉

    1. Liebe Irina,
      du hast dir die Antwort doch selber gegeben: Ich lebe nur, wenn meine Schwester da ist. Was bedeutet das wohl? Genau: Ich habe Heimweh, ich vermisse meine Familie. Hattest du schon einmal Heimweh? Und was glaubst du, ist das einzige, was einem Menschen dann hilft? Ich freue mich für dich, dass du in deiner Heimat glücklich bist. Ich bin es in meiner auch.

      1. Liebe Nadine, dann packe Kasi unter den Arm, nimm schnell das Taxi (oder U-Bahn, ist um die Mittagszeit fast halbleer) und fahre direkt zur IBB. Findest dort viele liebe Menschen, die Du kennst, die Dich kennen und lieben, mich incl. Wir trinken Kaffee, essen einen Käsekuchen, dann ein tolles Mittagessen mit den Kindern, den Mittagsschlaf machen unsere Jungs in ihren Kindewrwagen und wir sitzen schön gemütlich weiter und plaudern. Ich versuche mit allen Mitteln Dir ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, obwohl ich nicht Deine liebe Schwester bin.
        Was hältst DU von meinem Vorschlag?

  3. Hallo Nadine
    in den vergangenen Jahren habe ich mich manchmal gefragt, warum ich als Mittzwanziger die Möglichkeit ungenutzt verstreichen ließ, ein mehrjähriges Zusatzstudium in der Sowjetunion zu absolvieren.
    Bis jetzt sah ich meine 100%ige Rechtfertigung in den sogenannten rationalen Gründen, wie lange Trennung von Frau und Kindern, materielle Einschränkungen, vielleicht hatte auch schon die beginnende Agonie unseres Lebens in der DDR einen Anteil daran.
    Beim Lesen Deines Artikels kam ich auf den Gedanken, dass der eigentliche Grund die Erfahrungen und Erlebnisse einer zweiwöchigen Schülersprachreise ( Moskau, Minsk ) im Februar 74 gewesen sein könnten. Meine Eindrücke und Empfindungen waren damals sehr ähnlich den Deinen.
    Das konnten dann vier Jahre später auch nicht mehr die Petersburger Weißen Nächte und die Moskauer Abende an der Moskwa im Juni vollständig kompensieren.
    In den letzten fünf Jahren war ich wieder einige Male in Belarus; sowohl geschäftlich, im Rahmen unserer Städtepartnerschaft mit Mahiljou und auch privat als neugieriger und ein bißchen nostalgischer Bürger.
    Eines hat sich dabei auch nach mehr als dreißig Jahren für mich wieder bestätigt. Dieses Land im Winter oder in den schönen Jahreszeiten zu erleben, dass sind zwei völlig verschiedene Welten.
    Gruß aus Eisenach, Kersten

  4. Auf Wolken folgt Regen auf Regen wieder Sonne – das wird auch in Minsk wieder so sein, wenn auch später als in D! Dafür haben wir jetzt Pferd in der Lasagne – und das für nur 1,79 €! *** Alle essen Lasagne nur nicht Conny, die mag kein Pony! ***

    Überall ist irgendetwas, den „idealen“ Ort wirst Du nicht finden, das ist Utopie. Und selbst die „Sonnenstadt der Träume“ ist nicht utopisch, das haben die dort sicher auch schon recht früh gemerkt.

    Und – bitte mach mir keine Angst, ab Freitag bin ich auch dort, wenn auch nicht für „lebenslänglich“!

    Durchhalten und dich an deiner kleinen Familie aus dem Sumpf ziehen …

    Grüße aus dem wilden Südwesten!

    1. Sonne? Hm? Ach, dieses helle Ding am Himmel? Hab ich letztens auf Fotos gesehen!
      Hier gibts übrigens Ratten in den Tiefkühl-Pelmenis. Aber ja, Minsk ist eigentlich gar nicht schlimm. Nur im Moment. Und für Urlauber eigentlich fast nie!🙂

      1. Hast Du mit Kasik noch keine rattenfreie Pemeni selber gemacht? Tja, mit Hackfleich zum Preis von 140 Tsd. BYR für 1 Kg? Das gibt es wohl nun auch? Bei mir in der Gegend kostet selbst der Lachs 99 Tsd. BYR pro Kilo. Und Hackfleich hier in Vitaljur ca. 57 bis 75 Tausend BYR. Also, komm auch zum Einkaufen mal vorbei. Ach noch besser: Ziehe hierhin um, es wird Di gefallen. Stadtmitte ist verpönt. Da wohnt meine Mutter, Du kennst sie auch von 2008, gell? Und ich habe nicht den Wunsch, in der Stadtmitte was zu suchen. Hier finde ich alles so schön: Kino, Cafe, Park, Einkaufsmöglichkeiten, U-Bahn nun auch, und alles im grünen Bereich😉.
        Ich könnte Deine belarussische Nachbarin werden, wenn Du magst, denn leider habe ich auch keine Schwester😉

  5. Och, das hoert sich aber nicht so gut an. Soviel Pessimismus steht dir nicht! Den Homo Sovieticus kenne ich ja nicht so genau und bin ja auch nur von surfenden und BBQ brutzelnden Aussies umgeben, aber bitte schreib im naechsten Artikel, dass die Sonne geschienen hat, der ueble Koerpergeruch etwas verflogen ist, du viel Sport machst (das vertreibt schlechte Laune) und dass Minsk ein herrlicher Ort ist, um seine Diss zu schreiben, weil es nicht so viel Ablenkung gibt.
    Halt die Ohren steif.
    Ganz liebe Gruesse!
    Danni

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