Zum Internationalen Tag der Muttersprache

Mama= Sprache. Liebst du deine Mama? Soziale Werbung in Belarus.

Heute ist der Internationale Tag der Muttersprache! Das wissen vor allem jene Bevölkerungsgruppen, die eine bedrohte Sprache sprechen. Zum Beispiel die Rheinländer. Die Londoner Linguistin gab aber eben im WDR Entwarnung: Um das Rheinische steht es nicht schlecht, dem Internet sei Dank.

Wie schön wäre es, wenn man das auch über die belarussische Sprache sagen könnte. Wie die Lage hier vor Ort ist, habe ich in dem Artikel „Welche Sprache sprechen die da eigentlich in Belarus?“   ja schon zu genüge erläutert. Es hat sich an der Situation nicht viel geändert.

Дах = Dach!
Дах = Dach!

Am Wochenende habe ich jedoch beschlossen, ab nun im öffentlichen Raum nur noch Belarussisch zu reden. Nicht, um jemanden zu ärgern (ausnahmsweise mal nicht), sondern weil es mir mittlerweile viel einfacher fällt. Mein Russisch ist hölzern und hat einen fiesen deutschen Akzent, mein Belarussisch ist flüssig und alltagstauglich, wenn natürlich auch nicht perfekt.

(Ich möchte an dieser Stelle meiner lieben Freundin Ira danken, die konsequent mit mir Belarussisch spricht und meine Sprachkenntnisse und mein linguistisches Wohlbefinden damit in einem Jahr um 100 Millionen Prozent verbessert hat. Hätte jeder Ausländer in Deutschland eine Ira, gäbe es keine Integratiosnprobleme mehr.)

Aber zurück zum Thema: Ich spreche seit Samstag nur noch Belarussisch, bzw. ich versuche es, denn nachdem ich mein Anliegen im Geschäft/Restaurant/Museum zweimal auf Belarussisch vorgetragen hab und mir „Shtooooo? Nie ponimaju!“ angehört habe,  muss ich meistens doch auf Russisch umsteigen. Und fühle mich ziemlich dumm dabei. Das ist zwar als belarussisch-sprechende Ausländerin ungewöhnlich, aber keineswegs alleine auf weiter Flur bin, zeigt die Serie „Sprich Belarussisch mit mir“ des Jugendonlinemagazins Generation.by.

Letztens, als Aiaksei und ich im Park spazieren gingen und er mir auf Belarussisch etwas erzählte, drehte sich vor uns eine Dame um, die mit ihrem Enkel unterwegs war und sagte, auf Belarussisch: „Oh, ich habe gehört, dass sie Belarussisch sprechen! Das hört man so selten heute!“. Sie trug an ihrem Mantel die weiß-rot-weiße belarussische Nationalflagge aus besseren Zeiten. Und sie war weit weniger erstaunt, mich deutsch sprechen zu hören, als meinen Mann Belarussisch- sie ist Englischdozentin an einer Minsker Uni.  Auf die Frage, ob sie mit ihrem Enkel denn auch Belarussisch spreche, sagte sie: „Ach, wissen Sie, die Kinder sprechen in der Schule doch alle Russisch. Er versteht mich auf Belarussisch doch gar nicht.“

vlnr im Uhrzeigersinn: Kindergarten, Schule, Uni, Berufsausbildung. Blau ist russisch, gelb belarussisch, rot zweisprachig russisch und belarussisch.
vlnr im Uhrzeigersinn: Kindergarten, Schule, Uni, Berufsausbildung. Blau ist russisch, gelb belarussisch, rot zweisprachig russisch und belarussisch.

In der Tat beobachte ich oft, dass die Kinder so ab der zweiten Klasse belarussische „Vokabeln“ lernen. Dann, wenn die Oma aus dem Dorf im Bus fragt: „Und wie heißt denn ein Schulbuch auf Belarussisch?“- „Baba, das hatten wir noch nicht!“ So schade ist das. Wäre ich die Oma, ich würde mit meinem Enkel Belarussisch sprechen. Aber ich bin ja auch ein großer Fan des Bilingualismus. Bei uns zu Hause ist jeden Tag der Tag der Muttersprache: Jeder spricht in seiner eigenen Sprache. Nachdem Aliaksei und ich zuerst Englisch miteinander gesprochen haben, weiß ich erst zu schätzen, wie es ist, eine Beziehung nicht in der Fremdsprache ausdiskutieren zu müssen.

Aliaksei spricht Belarussisch, ich Deutsch- und Kasimir lernt beide Sprachen. Faszinierend zu sehen, wie er schon jetzt diese bilingualen Strukturen im Hirn hat. Sagt der Papa auf Belarussisch: „Der Onkel kommt jetzt mit dem Auto gefahren“, sagt Kasimir genau so „Djadja-brrrr“ wie wenn ich das selbe auf Deutsch sage. Interessant auch, dass er zwar beide Sprachen versteht, sich aber im Moment immer nur ein Wort für jede Sache aussucht- und zwar das einfachere. (Ball statt mjach, Baba statt Oma…). Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt, Kasimir beide Sprachen als Muttersprache mitzugeben. Und dass die Belarussen die Schönheit ihrer eigenen Sprache irgendwann wiederentdecken.

6 Comments

  1. Klasse Nadine, weiter so! Die weißrussische Sprache ist m.E. der Schlüssel zu wahren Identität der Weißrussen.
    Ich stamme aus dem Schwarzwald, dort sprechen wir – auf jedem Fall die Mehrheit – Niederalemannisch. Das hört sich an wie Schwäbisch mit Schwiizerdütschem Einschlag. Und wir sind stolz darauf. Der Dialekt macht mich allerdings in Bayern zum Migranten, so dass ich hier mehr oder weniger hochdeutsch sprechen muss – auch in der Familie (meine Frau stammt aus Ostbayer. Gruß, Uli

    1. Lieber Uli, vielen Dank!
      Wir haben auch Familie im Schwarzwald, die sprechen glaube ich einen ähnlichen Dialekt. Und ich habe trotz Sprachbad im Schwäbischen oft Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Mein Schwäbisch ist leider auch auf Grundkenntnisse beschränkt…

      1. Puh, ich hab keine Ahnung… ich fürchte, ich habe auch nicht so superaufmerksam zugehört, nachdem sie Entwarnugn bzgl des Aussterbens gegeben haben….

  2. Ich würd mal sagen, dass das Rheinische/Kölsche besonders wegen Karneval und entsprechender Beschallung nicht bedroht ist. Wenn ich meine Schüler reden höre, ist da nix rheinländisches mehr, außer vielleicht läppsch.

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