Die Elenden vom Kiev- Square

Gestern war ich zum ersten Mal seit 2006 in Minsk im Kino. Ich bin keine große Cinéastin und stehe auch nicht auf die gediegene Art der Übersetzung, die hier oft gepflegt wird: Eine männliche, unglaublich monotone Stimme für Männer und Frauen, die dann alle Rollen spricht.

Deshalb schien mir Les Misérables eine gute Wahl zu sein. Gesungen wird auf englisch, und lediglich einige Sätze werden auf russisch gesprochen. Aus meiner Zeit als Hobbymusicaldarstellerin war mir das Musical von der Bühne bekannt.

25. März in Minsk/ Barrikadenkämpfer 1832 in Paris
25. März in Minsk/ Barrikadenkämpfer 1832 in Paris

Gezeigt wird der Film im Kino „Kiev“, das sich am Kiev-Square befindet. Für mich war das Kino ein großes Abenteuer: In belarussischen Kinos gibt es kein Popcorn und auch keine Nachos mit Käse. Wie soll man denn da 157 Minuten Filmepos überstehen? Wir haben also eine Sabojka mitgenommen: Eine Tupperdose mit selbstgebackenen Brownies, Chipse und Bonbons zum Rascheln. Selten so uncool gefühlt.

Ein bisschen hat mich gewundert, dass der Film hier in Belarus laufen durfte, aber mir war das Ende der Geschichte entfallen: Zuletzt wird ja der Aufstand der Elenden niedergeschlagen. Dennoch gab es unweigerlich einige Parallelen zwischen der Situation der Barrikadenkämpfer und der schnittigen jungen Herren im Film: Entmutigt und verzweifelt sehen sie ein, dass sie nicht die Unterstützung der Bevölkerung haben. Dies sagt ihnen auch ein Polizist :“Opfert nicht unnötig euer Leben! Ganz Paris liegt im Bett und schläft!“ Das ist eine Situation, die jedem bekannt ist, der in Minsk schonmal an einem Marsch teilgenommen hat.  Es fehlt in Belarus eine mitreißende Hymne à la „Do you hear the people sing“, und vor allem fehlt hier eines: Die Wut, die die Pariser antreibt und eint.

Omon / Barrikaden
Omon / Barrikaden

Aber ich muss auch ehrlich sagen: Während ich voller Rührseligkeit verstohlen meine Tränen abwischte (und auch immer dann, wenn Russel Crowe wieder angefangen hat zu singen- urgs), wurde mir klar, dass ich weder gerne die Frau von Enjolras wäre, noch die Mutter von Gavroche.

Vielleicht sollte ich als nächstes lieber einen unverfänglichen Film gucken- zum Beispiel den unglaublich geistreichen russischen Film „Was Mädchen verschweigen“, dessen Trailer ihr hier angucken könnt (man kann es auch wirklich sehr gut lassen).

The End

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