Nachtrag: Schneesturm Xavier

Uiuiui, das wurde noch zu einem ausgewachsenen Sturm! Leider haben die westlichen Medien darüber nichts berichtet, deshalb erzähle ich hier nochmal von 24 Stunden Ausnahmezustand in Minsk. So richtig konnte man niemanden damit überraschen, wenn man sagt „wir haben hier einen schlimmen Schneesturm“, weil das ja das Wetter ist, das die meisten hier als Dauerzustand vermuten.

Eingeschneit
Eingeschneit

Dennoch war es auch für gestandene Minsker eine ganz schöne Überraschung zu sehen, wie die Stadt im Laufe des Freitags in einem Berg von Schnee versank. „Das hatten wir seit den 80er Jahren nicht mehr“, meinte mein Schwiegervater, der wie alle Leute, die in Uruchcha wohnen, von der Metrostation zu Fuß nach Hause laufen musste, weil die Busse nicht mehr fuhren. Das galt für die meisten Vor- und Schlafstädte bis weit in den Samstagabend hinein.

Ein Bekannter verließ den Arbeitsplatz Freitag zum Mittagessen und kam nachts um vier Uhr zu Hause an. Solche Geschichten hörte man allenthalben: Vom Zentrum bis zur Vorstadt 5 Stunden, den Rest mit Baby im Arm zu Fuß gelaufen, oder aber 28 Stunden im Stau gestanden (in einem Land, in dem es außerhalb von Minsk Staus einfach nicht gibt!). Noch am Samstag gab es zum Beispiel auf der Autobahn M4 nach Mogilev 30 km Stau. Gestrandet sind zum Beispiel auch die Fußballprofis vom FC Gomel- die Jungs mussten im Bus im Stau schlafen und sind schließlich mit der S-Bahn weitergefahren.

S- und U-Bahn waren die einzigen Transportmittel, die am Freitagabend noch fuhren. Zeitweilig musste allerdings die zentrale Metrostation „Oktjabrskaja/Kupalovskaja“ wegen absoluter Überfüllung geschlossen werden.

Solidarität. Foto: Tatsiana Aliakseeva
Solidarität. Foto: Tatsiana Aliakseeva

Im Brester Gebiet waren 82 Autos unter Schneewehen begraben, in ihnen saßen 320 Menschen, darunter 37 Kinder. Sie wurden befreit und niemand wurde verletzt. Natürlich gab es auch viele Unfälle, wie ein Wunder starben aber „nur“ drei Menschen in Autounfällen. Das Dach eines Parkplatzes mitten im Zentrum in der Nähe des Hotels Minsk brach unter den Schneemassen zusammen. Darunter begraben wurden 30 teure Autos, aber kein einziger Mensch.

530 Dörfer waren zeitweise ohne Strom, 26 von ihnen immer noch am Samstagabend. Die Ausfahrten aus Minsk wurden geschlossen, um es den Räumfahrzeugen zu ermöglichen, die Straßen einigermaßen vom Schnee zu befreien.

Auch der Minsker Flughafen war zeitweilig geschlossen: Zunächst nur vorläufig, aber im Laufe des Abends musste auch Belavia einsehen, dass es nicht möglich war, bei diesem Wetter zu fliegen. Das kommt hier im Gegensatz zu Deutschland wirklich nur sehr, sehr selten vor. Zeitweilig saßen bis zu 2000 Menschen an dem Mini-Flughafen fest (wo da bloß??), 700 mussten am Ende dort übernachten. Das ist nichts im Vergleich zu dem, was man aus Frankfurt kennt, für Minsk aber enorm. Alle Flugzeuge, die in Minsk landen sollten, wurden nach Gomel und Kiev umgeleitet. Wie eine Boeing in Gomel (das auch noch unter Wasser stand!) landet, stelle ich mir interessant vor.

Vom Schnee verweht
Vom Schnee verweht

Ganz schön windig war es und es fielen 30 cm Neuschnee. Die Berge, die von 900 Räumfahrzeugen und 20 000 orangen Westen plus der zur Hilfe gerufenen Armee an den Straßenrändern aufgetürmt wurden, waren aber weit über einen Meter hoch. Noch am Sonntagmittag waren teilweise nur 2 Spuren des vierspurigen Prospekts befahrbar.

Xavier zog zum Glück nach Ostern weiter. Die Stimmung am Minsk am Samstag war aber vergleichbar mit jener in Filmen wie Armageddon am Tag nach dem Weltuntergang: Die Stadt leckte ihre Wunden. Die meisten Menschen saßen in ihren Satellitenstädten, in denen keine Busse fuhren, Autos waren kaum unterwegs, es herrschte irgendwie eine gespenstische Stille. Und Massen von Schnee überall! Die Menschen wurden solidarisch und schaufelten gemeinsam ihre Höfe frei. Wir mussten das zum Glück nicht: Zu uns kam der Räumtraktor UND noch eine Abordnung von bestimmt 20 orangen Westen UND dann noch eine Division der Armee zu Schneefegen. Warum die die Höfe im Zentrum und den Gorkipark fegen, anstatt die Straßen in den Vorstädten, damit dort die Busse fahren müssen, kann ich nur schwer verstehen.

Allerdings muss ich sagen, dass so eine Ausnahmesituation in Minsk ziemlich angenehm zu verleben ist: Die Menschen blieben erstaunlich ruhig (außer die Schwiegermutter, die mich Freitagnachmittag anrief… ach, das hatte ich ja schon erzählt), auch wenn sie Unmögliches auf dem Weg nach Hause erlebt haben. Die Stadtverwaltung hatte die Situation zumindest im Zentrum gut im Griff und die orangen Westen haben wirklich ganz enorme Arbeit geleistet. Die Maslenica-Feiern wurden aber allesamt auf das nächste Wochenende verschoben.

Gut gerüstet.
Gut gerüstet.

Ich wage mir nicht vorszustellen, was auch  nur der kleine Bruder von Xavier in Essen angerichtet hätte. Als letztens dort der Märzwinter ausbrach, konnten die Streufahrzeuge nicht fahren- weil es glatt war!

Die Infos für diesen Beitrage habe ich neben überhörten Telefongesprächen im Supermarkt von den Webseiten BelTA, naviny.by und tut.by. Einen Artikel in englischer Sprache, in dem das selbe steht, habe ich auf Belarus Digest veröffentlicht.

2 Comments

  1. Hallo Nadine,
    Dein Artikel im „Belarus digest“ trifft es m.E. sehr gut. Zwischenzeitlich habe ich mitbekommen, dass es eine außerordentliche Welle der Solidarität unter der Bevölkerung gegeben hat. Frierende Wartende an Bushaltestellen wurden eingeladen, ins warme Auto zu sitzen, warme Getränke wurden (von privat) ausgeteilt, spontane Fahrgemeinschaften wurden gebildet (sofern noch gefahren werden konnte).
    Aber es gab vereinzelt auch negative Kommentare, so seien „die Weißrussen nicht in der Lage, mit diesem Schnee fertig zu werden“ (Belarusse, seit 20 J. in D lebend). In der Tat taten alle Räumkräfte – vom Traktorfahrer bis zur besenschwingenden Babuschka – alles Menschenmögliche, so dass Minsk wohl bald zu normalem Leben zurückkehren wird.
    In den Dörfern und Kleinstädten außerhalb Minsks muss die Lage ja noch viel schlimmer sein, was man in den Blogs so liest. Ich kann zwar Russisch lesen und verstehen, aber nur sehr langsam.

    Mal sehen, wann wir in den westlichen Medien davon zu sehen bekommen.

    1. Lieber Uli, das habe ich auch eben gelesen. Mein Mann berichtet, dass heute der Verkehr wieder ganz normal fließt. Wir haben strahlend blauen Himmel und kuschelige -12°C.
      Gerade habe ich ein Interview für Funkhaus Europe zum Thema Schneesturm gegeben, vielleicht greifen das Thema ja noch andere Medien auf!

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