Ostern auf dem Dorf

An diesem Wochenende haben wir das orthodoxe Osterfest gefeiert- und zwar auf dem Dorf!

Einen ganzen regnerischen Minsker Freitag habe ich damit zugebracht, große und kleine Kulitsche zu backen, damit wir auch was zum Tauschen haben. Ihr erinnert euch an die Bräuche?

In Minsk hat es in Strömen geregnet und wir sind bei 10°C losgefahren- um in Slabada, unserem Dorf in der Nähe von Wilejka, bei strahlendem Sonnenschein draußen die Fischsuppe Ucha zu essen.

Kasimir war wie anzunehmen schier begeistert von dem Dorf- so viele Hühner und Pferde und Hunde! Es war dieses Mal aber wirklich schon so idyllisch, dass es fast kitschig war. Die Sonne lachte, der Opa-Dzed auch- und die Eltern haben sich entspannt. Abends wurde, wie das sein muss, die Banja geheizt und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben eine Tracht Prügel mit einem „Weijnik“ kassiert: Das sind aus Birkenzweigen gebundene Wedel, mit denen man sich beim Saunen vertrümmt. Fördert die Durchblutung und eignet sich auch prima, um aufgestaute Aggressionen abzubauen.

Draußen essen
Draußen essen

Abends, als ich zum Zähneputzen im Hof stand (es gibt kein fließendes Wasser, weshalb man die Zähne eben draußen putzt), haben die Sterne so unglaublich klar gefunkelt, dass sogar ich als eingefleischter Stadtmensch beeindruckt war und meine Brille geholt habe.

Meine Schwiegermutter hat bis halb eins nachts Pilze gekocht, und am nächsten Morgen, als Christus dann auferstanden war, haben wir alles für das traditionelle Osterfrühstück vorbereitet: Es gab selbstgebackene und selbstgekaufte Kulitsche, Eier, die mit Pilzen gefüllt waren, Syrniki, Fleisch und natürlich die gekochten und selbstgefärbten Eier.

Kasimir hat sich mit geweihtem Wasser, in dem ein Ei lag, gewaschen und fand, das war ein tolles Spiel. Gerade hatten wir das traditionelle Eierkitschen hinter uns gebracht, als auch schon die ersten Kinder kamen und Süßigkeiten gesammelt haben. So ähnlich, wie das bei uns im Ruhrgebiet an Karnevall Brauch ist, macht das die Dorfjugend anscheinend an Ostern.

Als nächstes kamen dann die Nachbarn (mich hat sehr gefreut, dass die ungefähr 120jährige Baba von nebenan auf einmal ihre riesige Familie zu Besuch hatte), die ebenfalls Eier mitgebracht haben. Und sogar meine Schwiegermutter hat mit einem Gläschen Wein auf die Aufersehung angestoßen.

Nach einem nicht enden wollenden Strom an Besuchern raunte sie mir irgendwann zu:“Gut, dass du so viel gebacken hast! Ich kannte den Brauch gar nicht“. Da dachte ich mir, dass vielleicht die Belarussen mal ein bisschen mehr Gerd Ruge- Dokumentationen gucken sollten, um etwas über ihre eigenen Brauchtümer zu erfahren.

Morgenidylle
Morgenidylle

Nach der ersten Feierrunde haben wir dann einen Spaziergang durch die Felder gemacht, und es war einfach unglaublich idyllisch: Kein Laut war zu Hören, außer das Quaken der Frösche, das Bellen der Hunde und das Klappern der Störche. Alleine drei Strochennester habe ich in Slabada gesehen! Ich habe mich aber sicherheitshalber vor ihnen versteckt- nicht umsonst heißt der Storch im Volksmund „Bacjanin“, worin eindeutig das Wort für „Eltern“ steckt.

Nach dem obligatorischen Schaschliki-Grillen wurde mein Schwiegervater ganz hektisch und drängte zum Aufbruch- er meinte, dass es später am Tag so viele Staus auf dem Weg nach Minsk gäbe. Stau in Belarus heißt, dass am Horizont noch ein anderes Auto zu sehen ist, übrigens.

Auf dem Rückweg sind wir dann noch bei Freunden meiner Schwiegereltern vorbeigefahren. Ich mag die beiden schrecklich gerne, und das nicht nur, weil der Onkel immer nach Essen zum Autokaufen fährt. Als wir am Tag nach unserer Hochzeit dort zu Besuch waren, fing die Tante vor Rührung an zu weinen und hat auch noch ausgeplappert, dass mein Mann eigentlich der Tochter von gemeinsamen Freunden versprochen war.

Osterfrühstück
Osterfrühstück

Jedenfalls fühle ich mich bei Tante Olga immer wie beim Schüleraustausch. Egal, zu welcher unmöglichen Tageszeit man ankommt, sie hat immer innerhalb von 5 Minuten den sprichwörtlichen sich unter Essen biegenden Tisch gedeckt. Gestern gab es spontan: Olivié, Schnitzel po-franzuskij (mit Pilzen, Majo und Käse überbacken), Halubcy (Kohlrouladen), gefüllte Tomaten, Pilze, Wurst und Brot. Hatte sie anscheinend am Samstag gekocht, falls Besuch vorbeikommt…

Nach diesem sehr sättigenden Zwischenstopp haben wir uns dann zurück auf den Weg nach Minsk gemacht. Es war ein regelrechter Kulturschock, wieder in die Stadt zu kommen, wo es so viele Steinhäuser und Autos gibt, und wo es im Vergleich zu Slabada so laut ist.

Das war ein sehr guter Saisoneinstieg für eine Plumpskloskeptikerin wie mich, und ich freue mich sogar schon auf das nächste Wochenende im Dorf. Ich fühlte mich quasi wie ein richtiger Datschnik, der mit verbrannter Nase, dreckigen Fingernägeln und von guter Landluft geröteten Wangen zurück in die Stadt muss. Zum 60. kriegt mein Schwiegervater übrigens trotzdem einen finanziellen Beitrag zum Wasseranschluss von mir. Ganz uneigennützig….

2 Comments

  1. Hallo Nadine, Dein Blog gefällt mir ausgesprochen gut. Ich bin in Vorbereitung auf eine Reise nach Minsk und Witebsk am 28.06.2013 mit einer kleinen privaten Reisegruppe unter der Leitung von eines befreundeten weißrussischen Ehepaares auf Deine Seite gestoßen. Als ich ihnen von Deinen Eindrücken und Erlebnissen berichtet habe, konnten sie einiges kaum nachvollziehen… sie leben nun schon einige Zeit mit ihren beiden Kindern in Deutschland und sind vielleicht schon zu lange weg vom Alltag in Belarus??? Ich bin sehr gespannt auf Land, Leute und Kultur! Auch Dein Profil ist spannend und es wäre vielleicht möglich, Dich in Minsk zu treffen? Wäre klasse und sicher eine Bereicherung für unsere Reisegruppe. Von meiner Freundin sollte ich Dir vorschlagen, einen Reiseführer zu veröffentlichen – wir haben so gar nichts gefunden! Und so wie Du schreibst, wäre das vielleicht etwas für Dich?!?

    1. Liebe Susanne,
      vielen Dank für das Lob! Wir können uns gerne treffen, ich bin in den nächsten Wochen in Minsk. Witebsk ist auch eine tolle Stadt. Ich freue mich, euch zu treffen!

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