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Slabada

An diesem Wochenende waren wir endlich mal wieder auf dem Dorf.

Wenn ich dort bin, fühle ich mich wie in einer Astrid-Lindgren Verfilmung: Slabada, unser Dorf in der Nähe des großen Stausees Vilejka, liegt am Ende der Welt.  Am Ende der Straße kommt nichts mehr- selbst der Bus dreht hier um und fährt wieder zurück. Aus diesem Grund gibt es keinen Durchgangsverkehr, und auch betrunkene Männer gammeln nicht vor dem Geschäft rum. Dieses wurde nämlich geschlossen. Das nächste liegt im 7km entfernten Dorf Izha. Dort kann man alles kaufen, von Nudeln bis hin zu Bettdecken und Grabschmuck oder Prozellan. Und man kann übrigens mit EC-Karte zahlen.

Autalauka im Winter
Autalauka im Winter

So einen modernen Schnickschnack gibt es in Slabada nicht. Hier kommt zwei- oder dreimal in der Woche (es gibt einen Plan, der am Baum beim verlassenen Geschäft hängt) die Autolauka, der fahrende Händler, der die Dorfbewohner versorgt. In einer Woche besucht der Fahrer 102 Dörfer. Im Sommer verdient er so 5 Millionen Rubel- 500€, die müssen allerdings für das ganze Jahr reichen, denn im Winter sind viele Dörfer nicht erreichbar. Für die paar Dorfbewohner, die ganzjährig im Dorf wohnen, heißt dass, dass sie oft wochenlang nicht einkaufen können.

Im ganzen Dorf wohnt eine einzige Familie mit einem Kind- ein dreizehnjähriges Mädchen. Die Mutter ist tragischer Weise während einer Gallenoperation im letzten Jahr gestorben. Ansonsten wohnen im Dorf hauptsächlich alte Leutchen, die auf die ein oder andere Art und Weise miteinander verwandt sind. Die jüngste ist um die 80, der älteste 103 oder 105, das weiß er nicht so genau.

Fast alle anderen Häuser gehören Minskern, die am Wochenende hier hin kommen, um sich vom anstrengenden Stadtleben zu erholen und um Gemüse für den Winter anzubauen. Die meisten Häuser sind sehr gut gepflegt und an einigen Stellen fehlen zum deutschen Kleingärtnerglück nur noch Gartenzwerge. Sogar LED-Leuchten für die Rabatten haben es bis nach Slabada geschafft.

Idylle
Idylle

In der Tat ist schon der Weg nach Slabada Erholung pur. Wir haben es uns angewöhnt, auf unseren Fahrten über’s Land Strauß zu hören- das verleiht der endlosen belarussischen Weite anstelle von Melancholie etwas Habsburgisch-Beschwingtes und manchmal fühle ich mich, als sei unser Skoda eine achtspännige Kutsche und ich Sissi auf dem Weg durch Ungarn, mit dem Kaiserwalzer als Soundtrack. Hmtja.

Verschiedene Wege führen nach Slabada, und es gibt einiges zu bestaunen: Zum einen das, was man „polnische Straßen“ nennt: einspurige Landstraßen, bei denen der Standstreifen kurzerhand zur zweiten Spur umfunktioniert wird. Es gehört zum guten Ton, zwischen beiden Spuren zu fahren. Das erklärt mir zumindest nun endlich die waghalsigen Manöver, die mein Schwiegervater auf der A8 zwischen Böblingen und Stuttgart vollführt hat.

Alle paar Dörfer steht dann ganz und gar unverborgen ein rundbäuchiger- und bäckiger Dorfverkehrspolizist, der mit seiner Polaroid Fotos von Rasern und anderen Tunichtguten schießt. Haben Polaroids eigentlich einen Zoom?

eine Baba in Slabada
eine Baba in Slabada

Neueste Errungenschaft in unserem Dorfhaus, das übrigens aus dem Jahr 1920 stammt, ist ein Klavier. Das ist ein bisschen wie bei Loriot, mit meinem Schwiegervater, der dauernd sagt: „Ein Klavier, ein Klavier! Schau nur, Nadine, das schöne Klavier!“ Ich sehe leider nur ein schwarzen verstimmtes Monstrum, das nun den Platz in der luftigen Dorfstube einnimmt, und eine typisch belarussische Geschichte: Bekannte von Bekannten haben das Klavier aus dem Jahr 1955 irgendwo aufgetrieben und befunden, dass eine Restauration sich nicht lohnt. Das kam meinem Schwiegervater zu Ohren und er hat das Ding bis nach Slabada bringen lassen. Natürlich ist es total verstimmt, und es spielt auch niemand in der Familie Klavier. Aber das kann man ja lernen! Gar kein Problem! Meine Schwiegermutter widmet sich dem autodidaktischen Musikunterricht, sobald sie sich im Dorf mal langweilt. Hauptsache, es wird nichts, aber auch gar nichts weggeschmissen. Diese Mentalität ist auch der Grund, warum meine Besuch in Antiquiaraten hier immer erfolglos enden.

Bei meinen Spaziergängen durch Slabada scheint mir immer, dass man sich auch in belarussischen Dörfern aufhalten muss, um das Land zu verstehen. Wer nur in Minsk bleibt, wird nie begreifen, wie es zur aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation im Land kommen konnte. Nur wer die entlegenen Dörfer und ihre Bewohner kennt, kann nachvollziehen, dass der Unterschied zwischen Land und Stadt so groß ist, dass er von einem Oppostionspolitiker in Minsk einfach nicht überbrückt werden kann. Und dass die kleinen Dörfer auch gar keine Veränderung wollen. Denn sie leben in der Vergangenheit- im Positiven wie im Negativen.

8 Comments

  1. Hallo Nadine, schön geschrieben. Da bekommt man Lust, selbst hinzufahren.
    Handelt es sich um den Ort Slabada, der an der Abzweigung zum Flughafen liegt? Die Datschensiedlungen dort liegen nordöstlich des eigentlichen Ortskerns.

    1. Hallo Uli,
      vielen Dank!
      Bei unserem Slabada handelt es sich um eines in der Nähe des Stausees Vilejka. „Slabada“ ist eine häufige Ortsbezeichnung, das heißt oder hieß mal „Ort, an dem freie Menschen wohnen“, oder so (muss ich nochmal genau nachschlagen). Deshalb gibt es im ganzen Land sehr viele davon.

  2. Fast genau so hätte auch mein Bericht über meinen ersten Besuch in einem belarussischen Dorf aussehen können, wenn ich denn ein guter Schreiber wäre😉

      1. Das nicht, aber ansonsten war in dem Dorf, das ich besucht hatte, alles sehr ähnlich😉

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