Svetlana Alexievich, der Friedenspreis und die belarussische Sprache

Bevor ich mich ins Wochenende und aufs Dorf verabschiede, möchte ich doch noch kurz berichten über jene Debatte, die in dieser Woche die deutsch-belarussische Gemeinschaft beschäftigt hat.

In der letzten Woche hat der Börsenverein des deutschen Buchhandels entschieden, dass der diesjährige Friedenspreis an die belarussische Journalistin Svetlana Alexievich verliehen wird.

Der Preis wird seit 1950 jährlich verliehen und ist mit 25.000 € dotiert. Der Börsenverein zeichnet mit diesem Preis gerne Schriftsteller aus, welche Menschen eine Stimme verleihen, die ansonsten ungehört bleiben. Mutige Autoren aus Ländern, in denen es sonst um die Meinungsfreiheit nicht besonders gut steht: China, Algerien, jetzt Belarus.

Svetlana Alexievich
Svetlana Alexievich

Hier wurde die Auszeichnung für Frau Alexievich in den Medien kaum erwähnt- bis sie in einem Interview mit der FAZ erklärte, nicht auf Belarussisch zu schreiben, da dies eine bäuerliche und literarisch unausgereifte Sprache sei. Überhaupt zählte sie sich der russischen Kultur zugehörig.

Diese Aussage rief die belarussischen freien Medien auf den Plan, die die Autorin um ein Statement baten. Und was macht Frau Alexievich? Streitet ab, so etwas je gesagt zu haben. Womöglich könne die Journalistin einfach nicht genug Russisch oder es hätte Probleme bei der Übersetzung gegeben.

Das war ziemlich frech, wie ich finde. Es handelte sich nämlich nicht um die Bild-Zeitung, sondern um die größte deutsche Tageszeitung. Und auch wenn die Osteuropa-Berichterstattung der deutschen Medien sehr oft von schlechter Qualität ist, ist es nicht legitim, einer Korrespondentin einfach die Sprachkenntnisse abzusprechen, wenn man im Nachhinein eine Aussage bereut. Denn erstens war das Interview war natürlich aufgezeichnet worden und zweitens wäre Frau Holms als professionelle Journalistin sicher in der Lage, einen Kollegen in der Moskauer Redaktion um Hilfe zu bitten, wüsste sie nicht, wie man «крестьянский» und «недозревший» korrekt übersetzt.

Als man ihr nach dieser Unterstellung dann ebenfalls die Gelegenheit gab, sich in den belarussischen Medien zu äußern, blieb die Journalistin ruhig und verwies auf ihre Aufzeichnungen. Sie erklärte darüber hinaus, dass sie die Aussagen der belarusisschen Schriftstellerin nicht als negativ empfunden habe, sondern als wertfreie Aussage zur Sprachsituation in Belarus. Das war ziemlich nett von ihr, nachdem Frau Alexievich ihr unterstellt hatte, sich wohl in Belarus nicht ganz so gut auszukennen.

Damit war das ganze leider nicht vom Tisch, denn am Tag darauf gab es ein weiteres Interview mit der Schriftstellerin auf der Webseite der unabhängigen Nachrichtenangentur belapan, in dem sie nochmals abstritt, in der genannten Formulierung über die belarusissche Sprache geäußert zu haben („Ich bin doch kein Kamikaze, sowas zu sagen!“).

Kerstin Holms
Kerstin Holms

Im selben Gespräch jedoch rechtfertigte sie sich für eben jene Formulierungen („Es ist ja wohl nichts Schlimmes dabei, die belarussische Sprache dörflich zu nennen!“). Da ganze ist für alle, die diese seltsame Debatte verfolgt haben, sehr verwirrend. Warum sollte eine intelligente Frau eine Aussage machen, von der sie weiß, dass sie zu Debatten führt? Ist das PR? Warum versucht sie, deren literarischer Erfolg auf Interview-basierten Büchern beruht, einer Interviewerin die Schuld an ihrer Aussage zuschieben? Warum widerspricht sie sich selber und reitet sich immer tiefer in diese Debatte herein, anstatt einfach nichts mehr zu sagen oder die von Frau Holms ausgestreckte Hand zu einer einvernehmlichen Erklärung zu ergreifen? Wirklich seltsam.

Die Tatsache, dass sie außerdem sagte, es grenze an ein Wunder, Belarussisch auf der Straße zu hören, beweist, dass sie selbst anscheinend den Durchblick im Belarus des Jahres 2013 verloren hat. Und es beweist, dass ich ein waschechtes Wunder bin.

In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende und eine gute Erdbeerenernte allen!

 

 

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