Druschba. Oder: Früher war mehr Glitzer.

Nach einem Monat einpacken- auspacken- wiedereinpacken-wiederauspacken sind wir endlich in unserem neuem Heim angekommen.

Nachdem wir unsere Wohnung in Minsk ausgeräumt haben und alles, was wir nicht sofort mit nach Deutschland nehmen konnten, bei meinen Schwiegereltern untergestellt haben, sind wir nun in unserer eigenen Wohnung eingerichtet.

Der ganze letzte Monat fühlte sich wie ein rasanter Traum an: Nach zehn Jahren im Exil habe ich immer noch das Gefühl, dass ich bald wieder aufbrechen muss und lebe ein bisschen in dauernder Urlaubsstimmung. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen, dass ich hier in meiner Stadt bin, wo ich auch beim Brötchen holen oder im Biergarten dauernd Bekannte treffe, die gerne berichten, was ich anhabe, mit wem ich unterwegs bin und was ich so rede. Ein bisschen wie in Minsk, bloß dass ich meine KGB-Agenten hier kenne und ihr Interesse an mir rein neugieriger Natur ist.

Auf Wiedersehen!
Auf Wiedersehen!

Noch etwas, woran ich mich gewöhnen muss: Das Einkaufen in deutschen Supermärkten. Gerade jetzt, zur Erntezeit, scheint es mir seltsam, Äpfel aus Neuseeland, Tomaten aus Holland und Minizucchini aus einem unbekannten Gewächshaus zu kaufen. Oder zehn Himbeeren zu 1,79€. Da bin ich datschaverwöhnt.

Zum Glück kam ein bisschen Datscha- und auch ein bisschen Minsk- in Form meiner Schwiegereltern letzten Freitag zu uns. Seitdem ist hier Schüleraustauschstimmung angesagt. Das Kind hat sich so sehr gefreut, seine Baba und seinen Dzied zu sehen! Ich habe mich gefreut, dass nun alle meine Sachen hier sind (die Schwiegereltern haben den ganzen Passat Kombi voll mit unseren Aussiedlersachen gehabt).

Während mein Schwiegervater bei seinen letzten Deutschlandbesuchen nicht auf einem Fleck sitzen konnte und die Woche in Essen gerne genutzt hat, um MünchenParisZürichHolland anzugucken und noch eben ein Auto zu kaufen, sitzen Tamara und er jetzt von morgens um halb 10 bis abends um halb 10 auf dem Spieleteppich und versuchen, Kasimir alles das mit zu geben, was ich in seiner Erziehung in einem Monat Deutschland versäumt habe. Das arme Kind ist schon ganz erschöpft von all den Abzählreimen und Spaziergängen und bat mich gestern, einfach mal in Ruhe spielen zu dürfen, ALLEINE. Das stieß auf Unverständnis seitens der Großeltern, die empört waren, dass ich ihren erstgeborenen Enkel mutterseelenalleine mit seiner Eisenbahn spielen lasse.

Glücklicher Weise konnte ich die Situation entschärfen, indem ich einen Einkaufsbummel vorschlug. Wie alle Menschen aus Belarus wissen, (mich eingeschlossen) gibt es viele Dinge, die man aus Deutschland mit nach Minsk nehmen sollte. Mein Schwiegervater hat meine Familie in Erstaunen versetzt, als er in einem Billigladen Kanus gekauft hat und daraus nun einen kleinen Nebenverdienst gemacht hat: Paddeltouren auf dem Fluß Narochanka. So etwas ist für meine Familie oft unverständlich: Hat er eine Trainerausbildung? Einen Gewerbeschein? Mit diesen billigen Kähnen ertrinkt man doch sicher? Mein Schwiegervater lässt sich nicht beirren.

Das selbe gilt für die Autos, die er hier kauft. Als er den autoverliebten Männern in meiner deutschen Familie erklärte, dass sie die Macken im Gebrauchtwagen nicht überlackieren müssen, da in Minsk ja ohnehin neue hinzukommen, waren die Männer kurz vor einem Herzkasper.

Herzlich Willkommen!
Herzlich Willkommen!

Gestern sollten wir also ein weiteres Faltkanu erwerben, und ich sollte das eben schnell mal recherchieren. Eins hat er nun gefunden, wie er das allerdings nach Minsk transportieren will (der Gepäckträger ist gebrochen und er hatte nicht berechnet, dass man den auch hier im VW-Mutterland bestellen muss), keine Ahnung.

Meine Schwiegermutter war dafür in anderer Mission unterwegs: Eine Strumpfhose sollte es sein, für die Enkeltochter ihrer Nachbarin. So eine schöne, wie es damals immer aus der DDR als Importware gab. Ich habe ihr in den verschiedenen ansässigen Textildiscountern die Kinderstrumpfhosen gezeigt, aber das konnte sie nicht zufrieden stellen: „Weißt du, Nadine, die sind nicht feierlich! Früher hatten die viel mehr Glitzer.“ Tja, woher man solche Strumpfhosen nun nehmen soll, keine Ahnung. Ich habe sie gefragt, wie das Kind denn aussieht, aber das konnte sie mir nicht sagen. Vor der Taufe bekommt es keiner zu sehen, auch nicht auf Fotos. Das Mädchen ist im März geboren und ich musste sofort an die arme Mutter denken, die seit Monaten keine Menschen mehr zu Gesicht bekommt. Und ich war so froh, dass ich nun in Deutschland bin!

Auf unserer Einweihungsfeier haben mein Vater und mein Schwiegervater ihr Versprechen an die Völkerfreundschaft erneuert: Damals in Minsk haben sie bei einer unvergesslichen Wodkaparty gemeinsam auf russisch gesungen, diesmal haben sie in unserem IKEA-Esszimmer völkerverbindende Toasts ausgesprochen. Druschba.

 

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1 Comment

  1. Hallo Nadine,

    schön, wieder was von Dir zu lesen.
    Ist das ernst mit dem Kajakverleih Deines Schwiegervaters? Ich habe nämlich vor, in nächster Zeit (2014) in Belarus paddeln zu gehen. Bevorzugte Gegend wäre der Pripyat, gerne aber auch woanders. Die weißrussische Natur ist überall schön. Dieses Jahr hatte es nicht geklappt mangels Mitstreiter und / oder Affinität. Bisher bin ich in Ostpolen gepaddelt.

    „KGB“ und Biergarten: ich hatte in Minsk bzw. Belarus niemals das Gefühl, überwacht zu werden (im Gegensatz zur DDR). Es werden anscheinend nur diejenigen überwacht, die aktiv für die Opposition tätig sind. Ich konnte auch schon mehrmals nach/von Belarus ein- / ausreisen (von/nach RUS), ohne irgenein Dokument vorzeigen zu müssen oder auch mich irgendwo anmelden zu müssen (ist erst nach 5 Werktagen erforderlich). Ein Überwachungsstaat sieht anders aus.

    Einen schönen Tag wünscht
    Uli

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