Trauma?!

Sie ist wieder da. Gestern ist meine Schwiegermutter angereist und bleibt nun eine Woche.

Während ist im Vorfeld nur das Gefühl hatte, das sechs Tage sehr lang sind (wenn man bedenkt, dass ich „sehr lang“ sonst bezeichne, um schwiegermütterliche Besuche zu beschreiben, die drei STUNDEN dauern), ging es mir heute morgen richtiggehend elend.

Eigentlich kann es an der Schwiegermutter selbst nicht liegen. Sie macht nur das, was sie immer macht: Flotte Sprüche reißen („Komm, geh aufs Töpfchen, ich gucke dann zu, wie du kaka machst“ – zum Kind, nicht zu ihrem Sohn, immerhin), Kasimir drei Mal gegen seinen Willen aus der Küche entfernen, wo er mit mir zusammen Kuchen backen wollte und dergleichen mehr. Aber das ist ja schließlich nichts Außergewöhnliches. Dennoch fühlte ich mich auf einmal schlecht.

Irgendwann zwischen Borschtsch kochen und Zupfkuchen backen fiel mir auch auf, woran das lag:

Ich fühlte mich genau so, wie die letzten beiden Jahre in Minsk! Mir wurde klar, wie lange ich mit diesem elenden Gefühl in der Magengrube gelebt habe. Und dann habe ich mich erinnert: An die langen Tage, an denen ich niemanden gesehen habe außer meiner Schwiegermutter, die mich dann regelmäßig zur Weißglut getrieben hat.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAn das Gefühl der Ohnmacht und der Wut, wenn sie sich mal wieder in meine Erziehung und meinen Haushalt eingemischt hat. An die einsamen Runden in einem verlassenen Gorkipark, nur ich und mein kleines Baby, und niemand, der irgendwie verstanden hat, wie ich mich gefühlt habe, als frischgebackene Mutter weit weg von meiner Familie ( ich bin mir nicht sicher, ob die Tatsache, dass ich jetzt, während ich das schreibe, schon wieder heulen muss, dafür spricht, dass ich unschlagbar im Selbstbemitleiden bin, oder ob ich das Ganze vielleicht mal therapeutisch aufarbeiten sollte…).

Bisher ist es mir nicht bewusst geworden, wie isoliert und unglücklich ich mich dort gefühlt haben muss. Es war ein unbestimmtes Gefühl, das erst heute, als ich mich auf einmal dorthin zurücktransportiert fühlte, an die Oberfläche trat.

Jetzt, mitten im Kreis meiner Familie und an den Orten, die ich seit meiner Geburt kenne, ist es für mich unvorstellbar, wie ich das ausgehalten habe (ähnliche selbstmitleidige Gefühle habe ich, wenn ich an meine erste Studentenwohnung in Frankreich denke, die ohne Fenster, in der ich, wenn ich krank war, über Tage keine Menschenseele gesehen habe.).

Wenn ich mich erinnere, auf welches Unverständnis ich oft gestoßen bin, und dass es einfach niemanden gab, mit dem ich mich austauschen konnte, habe ich einen Kloß im Hals. Zum gegebenen Zeitpunkt erscheint es mir auch unmöglich, über Neujahr 10 Tage in Minsk in der Wohnung meiner Schwiegereltern zu verbingen. Ich bin ja schon nach 24 Stunden auf 80qm ein nervliches Wrack. Wie soll das dort gutgehen?

Es ist natürlich hier nun auch nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Die Rückkehr nach Deutschland ist nicht der Auszug aus Ägypten, bildlich gesprochen. Dafür sorgen schon die sozioökonomische Lage meiner Heimatstadt und mein Mann, der mich zum Staatsfeind Nr.1 erklärt hat, weil für ihn Minsk anscheinend nicht das Äquivalent zu Ägypten, sondern zum Paradies auf Erden ist.  Für ihn ist es natürlich nicht leicht, nun von seiner Familie und seinen Freunden entfernt zu sein. Er wäre sehr gerne dort geblieben und es fällt ihm schwer zu sehen, warum die Zeit für mich so schwierig war.

Ein weiteres Problem, das mir die Rückkehr zu verleiden droht, ist die Tatsache, dass der Arbeitsmarkt im Ruhrgebiet anscheinend nach der Devise funktioniert, dass halbe Stelle auch halbes Gehirn bedeutet. Zu meiner Bestürzung ist es nahezu unmöglich, eine qualifizierte Stelle zu finden und diese in Teilzeit auszuüben. Damit hätte ich nicht gerechnet, da mein früherer deutscher Arbeitgeber, die Robert Bosch Stiftung, sehr familienfreundlich war. Dort arbeiten viele junge Frauen, die quasi laufend Kinder bekommen haben, und anschließend in Teilzeit weitergearbeitet haben. Sie waren wahnsinnig effizient und ich habe es nicht einmal erlebt, dass sich jemand beschwert hätte, das eine Ansprechpartnerin nach 14 Uhr nicht mehr im Büro war. Leider ist diese Erkenntnis hier tief im Westen noch nicht angekommen.

Aber alle diese Probleme, das habe ich heute morgen verstanden, sind Kinkerlitzchen gegen die Einsamkeit, die ich in Minsk erfahren habe. Das werde ich mir in Zukunft einfach immer vor Augen führen, und schon fühle ich mich ein bisschen besser. Nur noch 5 Tage…..

 

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7 Comments

  1. Liebe Nadine,
    leider hatten wir keinen Kontakt in Minsk zu der Zeit gehabt, als wir fast zur gelichen Zeit unsere Babies bekamen. Ich vermisse es sehr, weil ich Dich in Deiner Situation ganz gut verstehe. Und da mein Mann in Deutschland lebt, wäre es bestimmt interessant. über Mentalitätsunterschiede zwischen BY und DE auszutauschen. Aber das können wir immer noch nachholen, ich hätte sogar eine gute Idee, wie wir als Vertreterinnen unserer Länder noch ein Geschäft hätten daraus machen könnten.
    Und zu dem, was Dich bewegt hat, diesen Artikel zu schreiben: Ja, ich verstehe alles, obwohl ich meine Schwiegermutter leider gar nicht kenne, weil sie in der Schweiz lebt und nie nach Minsk kommt. Genauso wie mein Mann übrigens. Ja, nun mein Ex-Mann, er ließ sich heimlich von mir scheiden. Die Sache ist: Mein Mann hat mich seiner Mutter ja gar nicht vorgestellt, gerade weil sie in der Schweiz lebt und ich for ever in Minsk verbannt bleibe. Wo ist die Logik? Habe ich leider keine Ahnung. Internationaler Konflik. Und trotzdem will ich es irgendwann verstehen.
    Immerhin ist Belarus ja meine Heimat und ich verstehe iegendwie auch Deinen Mann. Und den Mann von Sandra, die hier auch eine Kommentar schrieb, dass sich ihr Mann aufregt, wenn in der westlichen Presse negative Brichte kommen. Und auch verstehe ich Deine Schwiegermutter – sie ist bestimmt auch von der Generation meiner Mutter, die Du auch kennst, also… (Übrigens ein lieber Gruß von meiner Mama 😉
    Ich habe nun auch zufällig Deinen Artikel für vitamin.de auch gelesen. „Himmel und Erde.“ – sagt man dazu bei uns in Belarus. Ja, ich wünsche Dir, dass Du den Besuch in Minsk gut überstehen wirst. Ich würde mich sehr freuen, Dich in diesem Tagen in Minsk zu sehen, denn meine Mutter ist auch eine Siegesplatz-Bewohnerin, wie man so im geraden und übertregenden Sinne sagen kann.
    Es würde eine gute Abwechslung für Dich sein, wenn Du magst, und außerdem können wir in Russisch, Deutsch und Belarussisch eine interessante internationale Geschäftsidee besprechen.
    Mit oder ohne Kinder – Du bist zu einem großen Spaziergang herzlich eingeladen!!
    Und noch eins zu unserem neuen Status „Mutter“:
    Was ich in der Zeit meiner Mutterschaft herausfand, heßt für mich: Frau hat nunmehr ein ganz anderes spezifisches Gefühl und postuliert feste Maßstäbe, sie wiegt alles ab und reagiert anders auf die Umwelt als früher, weil die treibende Kraft ist nun – ist das gut für mein Kind oder nicht. Bewusst oder unbewusst, aber es ist nun unser Zeichen lebenslang 😉
    Ich wünsche Dir, dass Du Dich vom

  2. Liebe Nadine,
    weil es nur Bruchstücke sind, die Du über Deine Erlebnisse mit Deiner Schwiegermutter schreibst, gehe ich davon aus, Dein Mann liest Deine Seite. Er hat wohl gemischte Gefühle und könnte über das Gelesene mit Mama reden? Meinem Belorussen stehen die Haare zu Berge, wenn ich an Forumsdiskussionen zum Thema Belarus teilnehme. Ich mache es nur noch heimlich. Wenn wir im Sommer meine Schwiegermutter in einem 30 Seelen Dorf besuchen…Ich könnte viel erzählen. Ich nehme abgenutzte SAUBERE Jeans mit, sie haben einen Schlitz am Knee, sie will es zunähen. Wir, die Kinder und ich tragen abgeschnittene Jeans, es bilden sich modische Fransen, sie will es umnähen. Wenn sie selbst wenigstens saubere Kleidung anhätte. Die Kinder fallen gg. 21 Uhr müde ins Bett, Schwiegermutter möchte, schon seit die Enkel 0 Jahre alt sind, dass sie so lange wie möglich wach bleiben. Die Kinder lieben Müsli zum Frühstück, Babuschka sagt: „Ach ihr armen Kinder. Was müsst ihr denn essen. Schweine- und Hühnerfutter. So, wenn ich jetzt nicht aufhöre, dann schreibe ich morgen noch. Mein Mann ist übrigens wenn er daheim zu Besuch ist wie ein Oppositioneller, will umerziehen, hat neue Ideen für einen besseren Staat, aber hier in Deutschland, darf ich ihm keinen negativen Medienbericht über seine Heimat zeigen.
    Viel Glück in Deutschland.
    Sandra

    1. Liebe Sandra,
      ja, mein Mann liest den Blog, und manchmal hilft es ihm, mich besser zu verstehen. Männer stehen ja meist nciht so auf Gespräche über emotionale Befindlichkeiten, wenn du verstehst, was ich meine…. 😉
      Das mit den Jeans finde ich sehr süß, irgendwie 😀 Aber es kann einen natürlich zur Weißglut bringen.
      Ich bin schon sehr gespannt, wie es uns in den Weihnachtsferien ergeht….
      Dann seid ihr aber auch ein „Exotenpärchen“, wo ein belarussischer Mann eine deutsche Frau geheiratet hat, das gibt es ja nicht sehr oft.
      Liebe Grüße
      Nadine

  3. Liebe Nadine,

    Du wirst schon einen modus vivendi finden. Sind ja eh nur noch 5 Tage. Problematischer könnten die 10 Tage über Silvester in Minsk werden. Aber denk mal an das gute Essen, die Feiern mit den Verwandten Deines Mannes. Ich würde mitfeiern.

    Gorki-Park finde ich immer schön, genauso wie die anderen Parks. Ich war meistens im Chelyuskintsov-Park, neben dem Botanischen Garten.

    Ich habe eigentlich recht wenig Verwandte. Es war ein Glücksfall für mich, dass ich meinen Bruder in Köln treffen konnte. Und meine Schwiegerleute in Ostbayern sind ganz speziell. Den richtigen Draht zu allen habe ich auch nach fast 20 Jahren nicht gefunden. Da gibt’s teilweise gewaltige Mentalitätsunterschiede.

    Nun ja, so hat jeder sein Päckchen zu tragen.

    Machs gut,
    Uli

    1. Lieber Uli, ich glaube, dass wir für Neujahr eine gute Lösung gefunden haben. Wichtig ist, dass man sich Rückzugsmöglichkeiten schafft und Verschnaufpausen. Dann kann man sich auch aufeinander freuen.
      Liebe Grüße in den Süden.

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