Euromaidan- und warum er mir das Herz schwer macht

In Gedanken bin ich schon seit Tagen in Kiew. Dort protestieren zehntausende Ukrainer gegen die Entscheidung ihrer Regierung, die Verhandlungen für das Assoziierungsabkommen mit der EU abzubrechen. Gescheitert ist es an einer Gesetzesänderung, die es Julia Timoschenko erlaubt hätte, ihren Bandscheibenvorfall in der EU behandeln zu lassen.

Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass in der nächsten Zeit die Ukrainer etwas derart mobilisieren würde, dass sie wieder auf dem Platz der Unabhängigkeit, den Maidan, zurückkommen. Das haben sie ja schon einmal gemacht, die mutigen und unternehmungslustigen Ukrainer- im Winter 2004/2005, nach den offensichtlich gefälschten Präsidentschaftswahlen. Damals setzte sich an ihrem Ende doch der Hoffnungsträger Jushchenko gegen den Kuchma- Nachfolger Janukowitsch durch. Was war das für eine Aufbruchstimmung in der gesamten Region. Alles ist möglich! Wenn die Menschen nur zusammen stehen und gemeinsam für ihre Meinung eintreten, dann schaffen sie es sogar, sich gegen korrupte Wahlsysteme und Politiker durchzusetzen. Sowas hatte es in diesem Teil Osteuropas bisher nicht gegeben.

Foto:twitter.com

Dieser Aufbruchsgeist reichte in den folgenden Jahren sogar bis nach Moldawien und Belarus, wo 2006 nach den ebenfalls gefälschten Wahlen einige tapfere Protestler auf dem Platz der Republik eine Zeltstadt errichteten. Zwar haben sie Lukashenka einen gehörigen Schrecken eingejagt- aber nach einigen Tagen wurde der Platz geräumt, die Opposition weitesgehend zerschlagen und die Demonstranten für zwei Wochen ins Gefängnis gesteckt.

Als ich 2006 nach Kiew kam, atmete die Stadt noch diesen wunderbaren Aufbruchsgeist. Nirgends auf der Welt habe ich so viele gut ausgebildete junge Leute getroffen, die etwas in ihrem Land bewegen wollten. Und damals war das auch möglich! Kaum ein Jugendlicher, den ich  (zugegeben, im Umfeld der EU und diplomatischer Kreise) getroffen habe, sprach nicht drei Sprachen, war in einer NGO aktiv, hatte ein Business und promovierte nebenher. Ein ähnliches Rauschgefühl des Aufbruchs habe ich in keiner anderen Stadt und zu keinem anderen Zeitpunkt erlebt.

In Minsk hingegen war die Stimmung nach den gerade zerschlagenen Protesten angespannt. Viele wurden der Uni verwiesen, Telefone wurden abgehört, es gab einige diplomatische Zwischenfälle. Dennoch waren die Belarussen damals von einer Art trotziger „Jetzt erst recht!“- Haltung geprägt. Wenn es in der Ukraine klappt, dann auch früher oder später bei ihnen.

Die dann folgende Entwicklung in beiden Ländern, wir wissen es alle, ist leider nicht die Geschichte eines Aufbruchs in den osteuropäischen Bruderstaaten. Während sich in der Ukraine die Volkshelden Jushchenko und Timoshenko zerstritten, und Jushchenko seine mangelnden Führungsqualitäten nur allzu deutlich werden ließ, verfiel Belarus in den folgenden Jahren in eine an Depression grenzende Lethargie. Eine desillusionierte Berufsopposition, ein vollkommen der Realität entrückter Diktator, der seinen unehelichen Sohn der Öffentlichkeit als Kronprinz präsentiert und in beiden Ländern wirtschaftliche Lagen, die jeden halbswegs vorausschauenden Menschen in die Emigration treiben.

Der Präsident in der Ukraine heißt nun doch Janukowitsch, diesmal legal(er) gewählt, der in Minsk natürlich immer noch Alexandr Grigorjewitsch. Und während es das Drama zweier Nationen ist, ist es gleichzeitig auch mein persönliches Drama. 2006, als ich gerade von der Uni ins richtige Leben kam, da dachte man (also die so genannten Osteuropaexperten, die Zuständigen bei der EU und ich), dass sich in der Region was tut. Dass man mit der neuen Dekade eine ganz neue Art der Zusammenarbeit mit den Staaten erreicht haben würde. Mittlerweile fällt es mir sogar schwer, meine regelmäßigen Analysen zu Belarus zu verfassen- einfach aus dem Grund, weil sich so gar nichts mehr tut. Seit sieben Jahren gibt es die selben Themen, die selben Menschen, die selben Argumente.

Maidan 2013
Maidan 2013

Das wissen auch die Ukrainer. Aber sie sind eben viel agiler und umtriebiger als ihre Nachbarn. Die Ukrainer sind ein stolzes Völkchen. Sie sprechen ihre Sprache bewusster, sie haben auch eine andere Geschichte als Belarus. Und auch sie wissen, dass Janukowitsch nciht zum Europäer wird, dass er seine Entscheidung aufgrund finanzieller Argumente aus Moskau getroffen hat. Es wird sich nichts ändern, in Kiew. Aber sie gehen dennoch auf den Maidan, in Massen. Ich bekomme eine Gänsehaut, jedes Mal, wenn ich die Bilder sehe. Und wäre ich in Kiew, ich wäre dabei. Mit der orangen „Tak! Jushchenko“-Mütze, die mein ganz persönlicher Revolutionsheld 2004 vom Maidan mitgebracht hat.

Und dennoch, das Herz wird mir in der Tat schwer: Die Geschehnisse in Kiew machen mir deutlich, wie weit das alles für Belarus weg ist. Weder steht ein Assoziierungsabkommen mit der EU zur Debatte, noch würden die Minsker sich im Jahr 2013 zu Zehntausenden auf dem Platz der Republik versammeln, um für irgendetwas zu demonstrieren. It’s simply not going to happen. Man möchte sie schütteln, die Belarussen. Und mit diesem Gefühl bin ich wieder genau da, wo ich 2006 angefangen habe.

6 Comments

  1. Liebe Nadine,

    bin ja noch in Minsk und habe das Thema Demos mit meinen Freunden diskutiert. Man sagte mir, das bringe eh nichts, da man seit den Ereignissen im Umfeld der letzten Wahlen wisse, dass alle Demo-Teilnehmer prinzipiell in den Knast kommen können. Und dass Studenten gruppenweise von der Uni fliegen. Und dass es keine richtige Opposition (mehr) gäbe, aufgrund von Einschüchterung und/oder Flucht ins Ausland. Keiner mag in den Knast oder Repressalien spüren. Und keiner glaubt auch, dass jemand 50.000 oder mehr Leute für eine Demo mobilisieren könne. So bleibt alles so, wie es ist.

    Ich habe aber auch sehr optimistische (einheimische) Leute getroffen. Optimistisch eher auf ihre persönliche Entwicklung oder die der Firma als auf die Zukunft des Staates bezogen. Meine Geschäftspartner können auf eine sehr positive Entwicklung hinweisen, insbesondere im Bereich Bau/Farben/Klebstoffe. Sie wird noch eine Weile über die Eishockey-WM hinaus anhalten. Auch für nächstes Jahr erwarten diese ein zweistelliges Wachstum (auf €-Basis). Hier wird wohl Wirtschaft von Politik getrennt, obwohl das ja eigentlich nicht sein kann. Die jetzt auslaufende staatliche Förderung des Wohnungsbaus wird vollwertig durch private Investitionen, hauptsächlich aus Russland ersetzt. Überhaupt findet sich russisches Kapital in rauhen Mengen.

    Meine Freunde halten sich auch irgendwie über Wasser. Neben einer Dozentenstelle wird Controllingarbeit in Banken erledigt, was das Gehalt locker vervierfacht. Eine andere Bekannte ist Angestellte in einem Banker-Haushalt (5 Personen) und dort „Mädchen für alles“. Scheint einträglich zu sein, denn sie kann sich 1-2 Mal pro Jahr einen Urlaub in Ägypten leisten. Ein anderer Bekannter programmiert u.a. für SAP, ihm geht es auch nicht schlecht. Die Genannten versorgen zusätzlich noch Angehörige, die selber wenig oder kein Einkommen haben. Ohne diesen Zusammenhalt würde es ganz schlecht für sie aussehen.

    Was meinen Freuden Kopfzerbrechen bereitet, ist die Tatsache, dass viel investiert wird, obwohl die allgemeine Lage eher nicht rosig ist. Ein türkischer Investor möchte ein 5-Sterne-Hotel gegenüber der Philharmonie errichten. Ein chinesischer Investor lässt ein Hotel „Pekin“ hochziehen und dafür Teile eines Stadtparks plattmachen. Also gibt es Leute, die eine längerfristige Zukunft in diesem Land sehen. Nur für wen? Man fürchtet bereits eine Überfremdung, interessanterweise nicht durch Russen oder Türken, sondern durch Chinesen.

    Und Russland hat allein 2012 über 12 Mal soviel in Belarus investiert wie die EU in den letzten 8 Jahren (lt. Belarus Digest). Es wird sicher nicht langweilig werden.

  2. Wie recht du doch hast. Kiev und Minsk sind zwei völlig verschiedene Welten. Ich bin mit einem Belarussen verheiratet und spüre täglich die Lethargie, die dieses Volk so lähmt. Unsere Freunde in Kiev dagegen sind so agil, geradezu unruhig, sie streben der Zukunft entgegen und nutzen jede Chance. Zwar ist die Opposition dort auch keine geschlossene Linie, aber es geht doch in die „gleiche Richtung“. In Belarus dagegen will es jeder besser wissen, können und so passiert nichts! A.L. sitzt fest verwurzelt an der Macht und so lange die ihn umgebenden ihren Lebensstandard halten oder mehren können wird sich auch nichts ändern. Der „kleine Mann“ gibt sich (noch) mit dem zufrieden was er hat, man weiß ja nicht was nach A.L. kommt, könnte ja noch schlimmer kommen. Irgendwann wir der große Knall kommen, die Frage ist nur, wie lange es noch dauert.

    1. Liebe Cornelia, allerdings, die Frage ist, wie lange es noch dauert. Ich warte seit sieben Jahren, die Belarussen, die ich kenne, ihr ganzes Leben lang oder zumindest seit 1995. Da kann man diese Lethargie irgendwie schon verstehen. Andererseits frage ich mich: Sähe es im Land schon ganz anders aus, wenn die Belarussen nicht ganz so lethargisch wären? Eines habe ich jedenfalls eingesehen: Meine berufliche Karriere mit der politischen Lage in diesem Land zu verbinden, ist der reinste Wahnsinn.

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