So kam das neue Jahr nach Slabada

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Ui, das war ein spannender Aufenthalt auf dem Dorf! Voll bepackt sind wir am 30. Dezember losgefahren.

Ded Maroz
Ded Maroz

Mein Schwiegervater, aus alter Gewohnheit nach seiner Armeekarriere, empfindet diebischen Spaß dabei, Menschen herumzukommandieren. Aus diesem Grund setzt er häufig irgendwelche für seine Mitmenschen irrelevanten Ziele, die er andere zwingt zu erreichen. In diesem Fall war es: Abfahrt ist um 11 Uhr!! Allen anderen ist es vollkommen egal, ob man nun um halb elf oder um 12 fährt, aber man beugt sich dem so gut es geht.

Abgehetzt quetschten wir uns also in den Passat Universal und los ging’s. Nach einem kurzen Zwischenstopp in dem schicken Dörfchen, pardon, Agrogorodok Ljuban bei unserem Freund, dem Schuldirektor Wasja und seiner formidablen Frau kamen wir gerade noch rechtzeitig in Minsk an. Sagte mein Schwiegervater. Wozu rechtzeitig- keine Ahnung. Slabada erschien an diesem vorletzten Tag des Jahres doch noch ruhiger als sonst.

Die Nachbarin, Baba Tasja, hatte das Haus vorgeheizt, so dass wir nicht frieren mussten. Meine Schwiegermutter hat dann Holzscheite nachgelegt- und prompt die beiden Zimmer ausgeräuchert.

Slabada im Neujahrsschmuck
Slabada im Neujahrsschmuck

Das hatte etwas, wie man nach langer Investigation rausfand, mit der Technik der Stapelung der Holzscheite zu tun. Noch bei unserer Rückkehr nach Minsk hatten wir Ruß in der Nase. Als ich mich in einen rauchfreien Raum zurückzog und gestand, das mir ein winziges bisschen schlecht wird von dem Rauch, erwiderte mein Schwiegervater, immer einen flotten Spruch auf den Lippen:
„Ich weiß jetzt nicht was du hast, das ist ja wohl auch nichts anderes als die Abgase bei euch im Ruhrgebiet!“.

So ein Kaminfeuer ist doch was Feines...
So ein Kaminfeuer ist doch was Feines…

Der Tag verging emsig damit, den Tannenbaum zu schmücken und das Haus zu lüften. Am nächsten Morgen, als wir aufstanden, roch es schon wieder nach Rauch und meine Schwiegermutter wedelte aufgeregt mit einem Küchenhandtuch. Das Licht war aus. Es stellte sich heraus, dass die Stromleitungen des alten Hauses der Belastung von Laptop, diversen Handys, Wasserkocher und anderen Elektrogeräten nicht gewachsen war und es einen tüchtigen Kurzschluss mit Funkenschlag gab. Die darauffolgende Problemlösungsstrategie hat mich doch wieder an den Rand meiner interkulturellen Kompetenz gebracht: Erstmal abwarten und ja nicht den Schwiegervater stören, der gerade als Ded Maroz eine Tour durchs Dorf macht. Man müsse dann wohl einen Elektriker holen. (Klare Sache, wo belarussische Handwerker für ihre Zuverlässigkeit und effiziente Arbeitsweise ja weithin bekannt sind, ist es sicher am größten Festtag des Jahres kein Thema mittags um 12 mal schnell einen am Ende der Welt zu finden, der das Stromnetz wieder in Schuss bringt). Der Schwiegervater hat dann das Problem irgendwie selbst behoben – wer Panzer fahren kann repariert auch einen Stromkreislauf im Handumdrehen- aber ich habe trotzdem darauf bestanden, nachts die Sicherung mal lieber rauszudrehen.

Mit dem Reparieren mussten wir uns beeilen, denn wir sollten mit Orlik, dem furzenden Pferd (er hat eine Schwäche für Cognacpralinen) eine Schlittenfahrt machen. Mangels Schnee wurde das dann zu einer Wagenfahrt.

Orlik
Orlik

Der Besitzer von Orlik war leider nicht verfügbar, weil er ein Schwein schlachten musste, so dass auch diese Aufgabe mein Schwiegervater voller Selbstvertrauen übernahm. Ded Maroz, Elektromeister, Kutscher- alles kein Thema, wenn man in der sowjetischen Armee war! Das dachte er zumindest, bis er Orlik samt Wagen, besetzt mit der gesamten Familie, auf der Dorfstraße elegant wenden wollte. Leider ist dabei der Wagen umgekippt, und Kasimir erzählt bis heute begeistert von dem „Unfall“. Passiert ist zum Glück niemandem etwas. Die umstehenden Dorfbabuschki haben sich scheckig gelacht über die Städter.

Der Festtagstisch
Der Festtagstisch

Nach diesem letzten Abenteuer verlief das Neujahrsfest so, wie es sich gehört: Banja, Olivié und Hering im Pelzmantel zubereiten, sich an den Tisch setzen, Ded Maroz rufen, Gedichte für ihn aufsagen und das verschreckte Kind trösten, das sich vorm Großvater in Trainingsanzug mit Wattebart fürchtet, Toasts sagen, Neujahrsansprache des Präsidenten versuchen zu vermeiden und feststellen, dass er auf 8 von 8 Kanälen zu sehen ist und schließlich anstoßen und Hymne singen.Es gibt übrigens ein neues Video dazu, das ich ganz und gar entsetzlich finde. Er ist der „My Belarusy“ -Kampagne nachempfunden. Sollte ich einen Link finden, reichte ich ihn nach.

Gegessen haben wir in diesem Jahr eine Putente, eine Indo-utka, also eine Kreuzung aus Pute und Ente, die eine Cousine züchtet. Das ist eine ziemlich schlaue Idee, denn es handelt sich hierbei und eine große Menge Entenfleisch. Von der Pute hat das Tier nur den Umfang. Ich frage mich nur, ob es bedenklich ist, dass ich diese Züchtung in keinem Land der Welt schon im freien Verkauf gesehen habe….

Schön war’s, gemütlich und belarussisch, so, wie es sein sollte.

2 Comments

  1. Liebe Nadine,

    das hast du wirklich toll beschrieben, Kompliment. Gerne hätte ich den Jahreswechsel so wie du verbracht, insbesondere kulinarisch. Aber leider konnte ich hier nicht weg, mal so für eine oder zwei Wochen verreisen.
    Ich wünsche dir / euch noch schöne Tage „daheim“ und dann eine sichere Rückreise.

    Gruß aus dem 16 Grad warmen München
    Uli

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