Euromaidan. Ein Aufklärungsversuch.

foto: faz.net

Wie viele, die sich mit der Ukraine verbunden fühlen, bin ich seit Anfang der Woche quasi mit meinem Computer verwachsen. Was dort im Moment vor sich geht, ist für uns alle unbegreiflich. Es sind Bilder wie aus Syrien oder Thailand, die wir sehen, mit dem großen Unterschied, dass es sich hier um eine Stadt und ihren zentralen Platz in der Mitte Europas handelt. Ein Platz, auf dem wir in einem Café gesessen und die Atmosphäre der Stadt in uns aufgesogen haben. Von wo ich aus einem Internetcafé  (damals gab es noch kein Wlan) begeisterte Emails an meine Familie geschrieben habe, über diese Stadt, die in mir ähnliche Emotionen hervorruft wie es Paris bei den meisten Westeuropäern tut.

Dass dort nun Menschen sterben, Autoreifen brennen und ein gewissenloser Marionettenpräsident auf sein eigenes Volk schießt,ist eine Tragödie unermesslichen Ausmaßes für mich und für alle, die sich der Ukraine nah fühlen.

Eine weitere Tragödie für mich ist allerdings die Berichterstattung des Westens, was die Geschehnisse vor Ort angeht.

Die schlechten Informationen, mangelnde Regional- und Sprachkenntnisse der Journalisten vor Ort waren schon immer ein Problem in der Region. Die Korrespondenten sitzen in Moskau und verstehen die Lage in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion nicht. Es ist anscheinend zu kompliziert, sich damit auseinander zu setzen. Nun werden überhastet Spezialkorrespondenten nach Kiew gesandt, die von ukrainischen Befindlichkeiten so viel verstehen, wie ich von Bypass-Operationen.

So scheint es, dass die Medien immer froh sind, wenn man Dinge vereinfachen kann. Das gelingt ihnen auch jetzt ziemlich gut, mit haarsträubenden Ergebnissen. Die undifferenzierte Haltung der Medien gegenüber „dem Osten“ zeigt sich schon alleine daran, dass die Nachrichtensendungen als Experten immer wieder Gernot Ehrler und Alexander Rahr (und Konsorten) als Kommentatoren einladen, die ausgewiesene Russland-Experten sein mögen, von der Ukraine aber -mit Verlaub- keine Ahnung haben. Man stelle sich vor, die großen Nachrichtensenden würden routinemäßig Alfred Grosser als Experte für die italienischen Regierungskrisen zitieren, „weil das ja alles da irgendwo beieinander liegt“. Undenkbar, oder? Kann man sich mit dem Osten dann nicht auch ein bisschen Mühe geben? Es gibt ja Experten! Man befragt sie nur nicht.

Hier die gröbsten Missinformationen, die ich feststellen konnte:

1. Immer wieder ist die Rede von einem Bürgerkrieg in der Ukraine. Das ist sachlich falsch. Es handelt sich um Demonstranten und Angehörige der Sicherheitsorgane, die sich bekämpfen. Letzere tun das auf den Befehl des Präsidenten. Dieser bekämpft also sein eigenes Volk. Er lässt mit Feurwaffen auf unbewaffnete Bürger schießen. Unter den Demonstranten gibt es radikale Gruppen, die zu Gewalt greifen und welche die Situation weiter anheizen. Es gibt aber eine viel größere Anzahl an friedlichen Demonstranten. Leider sind die Oppositionsführer nicht in der Lage, beide Gruppierungen zu kontrollieren oder entschieden durchzugreifen. Während Klitschko für den Westen ein Held und ein Ansprechpartner ist, genießt er im Land keinen besonders guten Ruf. Fraglich ist, ob er in der Lage wäre, die Ukraine in dieser schwierigen Situation zu einen und zu führen.

2. Es ist die Rede von einem „zerreißenden“ Land, es bestehe angeblich die Gefahr einer „Spaltung“ der Ukraine. Ja, es handelt sich um ein Land, in dem es eine starke Ost-West Cleavage gibt, wie wir Politologen sagen. Dennoch ist die Ukraine ein stolzes Land, dass seine Unabhängigkeit als Ganzes erhalten will. Für alle, die das Land kennen ist offensichtlich, dass diese Spaltungsszenarien an den Haaren herbei gezogen sind. Dass die deutsche Version von Euronews berichtet „die Region Luhansk sei begeistert von der Idee, Teil der Russischen Föderation zu werden“ lässt leise Fragen zu, ob auf die deutsche Redaktion ebenso Einfluss genommen wird wie auf die russische Redaktion, die zu denselben Bildern in der russischsprachigen Version von „Radikalen“ und „Kriegern“ anstelle von „Demonstranten“ redet.

3. Die eurozentristische Darstellung des Konfliktes in den westlichen Medien ist zum Haareraufen. Es geht dort schon lange nicht mehr um das Assoziierungsabkommen mit der EU. Und es ist vollkommen überspitzt zu glauben, dass die EU-Sanktionen am Ende das Blatt wenden werden. Es ist sicherlich gut, dass die Außenminister nun da sind (gerade berichtet der WDR von einem angeblich erzielten Kompromiss), um die Situation eventuell erst einmal zu befrieden- ich bin mir aber nicht sicher, was passieren wird, sobald die drei wieder im Flugzeug sitzen.

Fraglich ist für mich, wie das Land nun wieder zurück zu einem normalen Leben finden soll. Ich sehe nicht, wie die Ukrainer nach den Geschehnissen in dieser Woche noch bis zu Neuwahlen unter Janukowitsch leben sollen- immer vorrausgesetzt, er wird Neuwahlen zulassen. Die Frage wird auch sein, wie der Osten dann wählt- denn bei aller Russlandverbundenheit spielt bei der Meinungsbildung in der Region auch die tendenziöse Berichterstattung eine Rolle. Angeblich hat der Sender Ukraina TV von Oligarisch Rinat Achmetov gestern zum ersten Mal objektiv vom Maidan berichtet.

Für alle, die sich informieren wollen, empfehle ich, auf Facebook die Seite „Euromaidan“ oder „Euromaidan in English“ zu abonnieren. Oder auf meine Seite vorbeizuschauen, dort poste ich, was mir korrekt erscheint (immer mit dem Hinweis, dass auch ich die Ukraine nicht so gut kenne, wie Belarus!).

5 Comments

  1. Vielen Dank, Nadine. Es ist wirklich ein Problem, dass die Ukraine für die meisten in Deutschland ganz fremd und weit entfernt ist. Und so auch dementsprechend nur Gleichgültigkeit oder umso schlimmer schlechte Stimmung in den Kommentaren in den Medien zu finden war. Solche Artikel und im Allgemeinen dein Blog, egal wie viel Leser du erreichst, tragen langfristig sehr viel dazu bei Deutschland für die osteuropäische Nachbar zu sensibilisiern und nähe zu bringen.

  2. Da gebe ich ihnen recht, dass nur wenig Wissen über die östlichen Staaten des europäischen Kontinents bei uns herrscht. Dort herrscht wohl wirklich wenig Wissen – oder Quellen, die vielleicht tatsächlich tendenziös sind. Über Jahrzehnte wurden die heutigen unabhängigen Staaten im Sowjetstaat eben einfach unter „Russen“ verbucht. Dass das ganze viel differenzierter zu betrachten ist, dazu trägt auch die heutige Informationspolitik der Medien wenig bei. Viel weniger Antworten bekommt man noch zu den recht verwirrenden politischen Verhältnissen, die in diesem Teil Europas herrschen. Fragen sie Bekannte oder Kollegen ob sie überhaupt wissen wo Belarus oder Weißrussland ist, so bekommen sie die interessantesten Mutmaßungen. Manchmal könnte man meinen, dass die Menschen in diesen Ländern gar nicht als Europäer wahrgenommen werden.

    Gut ist nun, dass das Blutvergießen beendet sein dürfte. Allerdings sind nur durch das reine Absetzen das Herrn Janukowitsch die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme des Landes noch nicht gelöst. Zwar ist die Gallionsfigur und sein Gefolge entmachtet. Dies ist noch lange kein Garant für eine positive Entwicklung. Zumal völlig unklar ist wo sich diese jetzt befinden und welche Kräfte noch hinter diesen stehen.

    Nun gilt es jedoch das ganze wieder in ein stabiles Staatsgefüge zu überführen, damit nicht Anarchie, Selbstjustiz und Rechtlosigkeit um sich greifen und sich nicht aufs neue Mächte etablieren, die mehr an ihrem Ego, sowie eigenem finanziellen und wirtschaftlichen Erfolg interessiert sind, als an der Wohlfahrt des Volkes.

    Eine gewaltige Aufgabe denke ich, man darf nur den jetzt Verantwortlichen wünschen, dass sie diese bewältigen und der Ukraine den Weg in eine demokratische und gesellschaftlich, wie wirtschaftlich gefestigte Zukunft ebenen können. Ohne Hilfe von außen wird das wohl nicht zu schaffen sein. Hier ist Augenmaß und diplomatisches Feingefühl nötig, um nicht Putin den Schwarzen Peter oder die Außenseiterrolle zu geben, denn wer weiß, wie er dann reagiert, nach der jetzt schon erfolgten Niederlage, die ihm das Ruder aus der Hand genommen hat. Denkt man nur an die finanzielle Situation der Ukraine, so wäre ein internationaler Rettungsschirm wohl auch hier angebracht, um nicht das ganze Land völlig zu destabilisieren und letztendlich die Massen in die Hände von Rattenfängern zu treiben. Auch wir müssen hier Verantwortung übernehmen um dies zu vermeiden.

    Ob der Funke auf Belarus überspringen wird? Ob das in der derzeitigen Situation wünschenwert ist? Wie würde die Staatsmacht unter Lukaschenko reagieren? Ist diese nicht schon alarmiert oder gar mobilisiert? Unter welchen Opfern würde das erfolgen? Wie würde hier Moskau reagieren? Fragen über Fragen – die ich mir selbst nicht beantworten kann.

  3. Sehr gut recherchiert, Nadine.

    Im Moment störe ich mich an deutschen Politikern aus der zweiten Reihe, die gerade jetzt in Kiew einfallen, in den improvisierten Lazaretten im Weg umgehen und versuchen, sich mit mehr oder weniger gut gemeinten Kommentaren zu profilieren.

    Meine Vision der Ukraine ist ein föderaler Staat mit 3 weitgehend autonomen „Ländern“ (Westen / Kiew / Osten).

  4. Danke Nadine, das ist ein sehr guter Kommentar. Mein Mann kommt aus Belarus, ist aber in der Ukraine geboren. 2012 haben wir zum EM-Endspiel auf dem Maidan gesessen. Als ich heute die Bilder von genau dieser Stelle gesehen habe, kamen mir fast die Tränen. Ich fühle mich in Kiev wohler als in Minsk, dort leben unsere Freunde. Ich war in Gedanken ständig bei ihnen.
    Ich rege mich auch schon die ganze Woche über die „Kommentare“ vieler BILD Leser auf, die wirklich dummes Zeug schreiben, Hasstiraden über Klitschko, einen „demokratisch“ gewählten Präsidenten usw. Es ist wirklich traurig, dass viele Journalisten nicht in der Lage sind die Ukrainer von den Russen zu unterscheiden.
    Ich bekomme viele Berichte über Facebook, oder youtube, 5-Kanal, direkt aus Kiev. Die Heinrich-Böll-Stiftung hat einen sehr guten Bericht geschrieben, http://www.boell.de/de/2014/02/20/euromaidan-freiheitliche-massenbewegung-zivilen-ungehorsams
    Ich hoffe das Beste für dieses tolle Land und ihre Bewohner.
    Vielleicht springt der Funke irgendwann auch nach Belarus über, aber da würde dann wohl noch schneller Blut fließen.

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