Willkommen in Boomtown Minsk!

20140911_192535(1)
Polnische Äpfel für alle!
Polnische Äpfel für alle!

Das war ein Blitzbesuch in Minsk! Jetzt sind wir zurück in Deutschland und der Alltagswahnsinn hat uns wieder. Schön war es dieses Mal, auch wenn wir dank des Lokführerstreiks einen Tag weniger als geplant zur Verfügung hatten. Bei Zwischenstopps in Berlin und Warschau (der direkte Zug aus dem Ruhrgebiet wurde abgeschafft!) hatten wir die Möglichkeit, Freunde zu treffen und die ausgezeichnete Bahnhofsküche zu genießen.  Dabei haben wir festgestellt, dass die polnischen Bahnhöfe sich seit der EM ganz schön gemacht haben. Im Berlin-Warschau-Express werden übrigens die berühmten „polnischen Äpfel“ verteilt.

Septemberbewirtung
Septemberbewirtung

In Minsk angekommen, hatten wir wirklich Glück mit dem Wetter- bis auf einen Regentag war es warm und sonnig, wie im  „richtigen“ Urlaub (minus das Mittelmeer). Natürlich waren die Tage vollgestopft mit Besuchen und Bewirtungen, wie sich das so gehört, wenn man in Belarus zu Gast ist. neben den üblichen Verdächtigen wie Plov und Draniki gab es diesmal dank reicher Apfelernte alles mögliche mit Äpfeln: Frischen belarussischen Kompott (also Saft), frischen deutschen Kompott (also Apfelmus), Apfelkuchen Charlotka und viiiele viiiele Äpfel einfach so. Dank des günstigen Wetters gibt es anscheinend auch eine regelrechte Pilzschwemme, allenthalben werden haufenweise Steinpilze, Butterpilze und andere Leckereien gesammelt, deren Namen ich leider auf Deutsch nicht kenne.

Nachdem ich ja nun seit dem Neujahr nicht mehr in Minsk war, sind mir einige Veränderungen aufgefallen. Die erste und wichtigste: Minsk ist eine absolute Boomtown!!

Wir waren viel mit dem Auto – es gibt so viele Autos in Minsk, und Stau!!!- unterwegs zu Freunden, die am anderen Ende der Stadt wohnen, so dass ich die „Schlafstädte“, also die Wohnviertel am Stadtrand zum ersten Mal seit Längerem aus der Nähe sehen konnte. Es ist unvorstellbar, wie viel in Minsk gebaut wird, in allen Himmelsrichtungen der Stadt! Traditionell wohnen die Menschen ja am Stadtrand, und dieser dehnt sich immer weiter aus. Gebaut werden auch nicht kleine Einfamilienhäuser, sondern gigantische Hochhäuser mit hm.. keine Ahnung, 20 Wohnungen auf einer Etage. Davon stehen oft drei bis vier nebeneinander.

In diese Wohnungen, die nichts mit dem Sozialbau zu tun haben, mit dem wir hier Hochhäuser assoziieren, ziehen vor allem junge Familien. Das führt dazu, dass ich zum ersten Mal in meiner Belarus-Zeit volle Spielplätze gesehen habe, bei denen es wochentags aussieht wie bei einem Familienfest. Das führt aber auch dazu, dass es in diesem Jahr erstmals 25zügige erste Schuljahre in einem Stadtteil gab. Das wäre dann Klasse 1 a bis o. Wo die alle Sport machen, essen, ihre Winterschuhe abstellen in einem normalen belarussischen Schulgebäude- ich mag es mir nicht vorstellen.

Megahäuser in der Megacity
Megahäuser in der Megacity

Generell wirkt der Bauboom leider wenig durchdacht. Es wird gebaut, „das sind die Russen“, hört man, aber es wirkt nicht so, als wenn das Stadtplanungskommitee in seinem schönen Gebäude in der Nähe des Komsomolzkae Vozera auch mal so ein Wohnviertel aus Pappmarché nachstellt.

Wenn ich Häuser für mehrere Tausend Menschen baue, muss ich dann vielleicht auch eine Straße erweitern? Ein Lebensmittelgeschäft bauen? Eine weitere Buslinie einrichten? Wo spazieren diese Menschen, wo parken sie, wo kaufen sie ihr essen, wo geht ihr Nachwuchs zur Schule? All diese Überlegungen, so scheint es mir, passieren in Minsk als Nachgedanke zum Bauland verkaufen und Häuser hochziehen. So wirkt es ganz sicher im Militärstädtchen bei meinen Schwiegereltern. Der einstmals idylische Stadtteil wirkt nun wie eine Cité HLM in Paris. Erst waren die Wiesen aufgerissen, um Kabel zu verlegen, so dass man knöcheltief im Matsch stand, nun wird mitten zwischen die ohnehin eng gebauten Häuser ein Supermarkt gequetscht (dieser wäre seit 20 Jahren dort überfällig gewesen!).

Heißluftballonwettbewerb
Heißluftballonwettbewerb

Eine Poliklinik für all die Menschen ist bisher nicht zu sehen. Die Straße wird sporadisch um eine Spur erweitert- irgendwann. Ein bisschen angefangen haben sie schon, die Spur endet dann aber auch abrupt wieder….

Im Zentrum hingegen sieht man noch die Nachwirkunge der Eishockey-WM: Die Stadt wird rausgeputzt, viele Durchsagen sind nun auf Englisch, Beschriftungen auch in lateinischer Schrift, was es dem Zugereisten doch um einiges erleichtert. Am Wochenende fand nun auch der „Dzien horoda“, das große Stadtfest statt. Wir haben es leider verpasst, aber ich habe gehört, dass es zum ersten Mal ein wirkliches Fest für alle war. Früher floh man anlässlich der Megaprty eher aus der Stadt, dieses Mal hat man es geschafft, mit einem Rollerskatemarathon und einem Heißluftballonwettbewerb die Menschen zu begeistern. Es geht also!

 

 

 

2 Comments

  1. Hallo Nadine,

    wieder einmal sehr schön geschrieben.

    Zum aktuellen Stadtentwicklungsplan Minsk siehe hier:
    http://minsk.gov.by/ru/actual/view/209/2013/inf_material_2013_07_gradostroit.shtml

    Minsk wächst derzeit pro Jahr um ca. 80.000 Einwohner (~4%), also stärker als München. Nach weitgehendem Auslaufen staatlicher Förderprogramme wird überwiegend privates Kapital (meistens aus Russland) investiert. Noch kann sich die Bauindustrie von der übrigen Wirtschaft abkoppeln. Es gibt ja noch einige halbfertige Großprojekte, z.B. Majak Minska.

    In letzter Zeit wurden zahlreiche Wohnungen von Russen gekauft. Viele werden sich erst später permanent niederlassen und kommen jetzt hauptsächlich zum Glücksspiel her – und zum Ausspannen von der Moskauer Lebensweise. Auch ich frage mich, ob nicht „Sekundärinfrastruktur“ vergessen wurde. Aber das ist überall im Osten zu beobachten, insbesondere in Moskau.

    Eigentlich ist es sinnvoll, jetzt eine Wohnung in Minsk zu kaufen. Billiger werden sie nicht mehr.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s