Wofür ich Belarus liebe

Eine Freundin sagte letztens in illustrer Runde zu mir: „Sag mal, Nadine, was magst du eigentlich an Minsk? Ich lese deinen Blog, und verstehe sehr gut, was du nicht magst! Aber was gefällt dir denn dort überhaupt?“

20140911_120231Überrumpelt von der Frage druckste ich ein bisschen herum und konnte sie als Journalistin mit meiner Antwort nicht zufrieden stellen. Ich habe seither darüber nachgedacht. Es würde mich natürlich sehr bestürzen, wenn man aus meinem Blog nur verstünde, dass ich Belarus nicht mag! Dann hätte ich ganz und gar den Ton verfehlt. Ich mag Belarus sehr gerne, aber es ist eben eine ganz spezielle Art der Zuneigung. Ich mag zum Beispiel meine ehemalige Mathelehrerin auch sehr gerne. Oder… ich weiß nicht… Rote Bete. Aber alles in Maßen und manchmal eher so im Rückblick. 20140912_112146

Und ein weiß ich aus eigener Erfahrung: Meist wird man nicht für das geliebt, was man gerne hätte. Ist euch das schonmal aufgefallen? Man stellt sich gemeinhin ja so vor, dass der Partner an einem selbst das liebt, was man an sich selbst gerne mag.

In anfänglicher Verliebt- und Torheit habe ich das mal meinen ehemaligen Verlobten gefragt: „Schahatz, wofür liebst du mich eigentlich?“ (Nach siebeneinhalb Ehejahren mit ebendem ehemaligen Verlobten weiß ich, dass das eine echte Anti-Frage für Männer ist. Ich sehe quasi vor mir, wie sich meinem Gatten bei solchen Metabeziehungsgesprächen die Nackenhaare aufstellen.) Heute würde er wahrscheinlich sagen: „Ganz sicher nicht dafür, dass du die Zahnpastatube immer noch falschrum in den Becher stellst und die Milchkartons nicht zerkleinerst, bevor du sie in den Müll wirfst.“

20140911_113456Damals sah er sich noch genötigt, irgendetwas Romantisches von sich zu geben. Ich weiß allerdings noch, dass es überhaupt nicht das war, was ich nun an mir so unglaublich toll fand (mein Humor, meine wundervollen Augen und noch irgendsoetwas).

Für Belarus wäre das Pendant wohl die Gastfreundschaft der Menschen, die unberührte Natur und die leckeren Kartoffelgerichte. Leider kann auch ich nach acht Jahren Bekanntschaft Belarus nicht die Freude machen, dies als Gründe für meine Liebe anzugeben.

Auf meine Gefühle passt eher dieser schnulzige Spruch von Erich Fried, den sich Teenager so gerne auf Postkarten zum dreimonatigen Jahrestag schenken:

                        „Ich liebe dich, weil ich so bin, wie ich bin, wenn ich bei dir bin.“

Das passt sehr gut zu Belarus und mir. In Deutschland habe ich an sich nie sehr gerne gewohnt. Erst andere Länder geben mir das Gefühl, lebendig zu sein. Wenn ich mich in einer fremden Kultur spiegeln kann, erwacht mein Wortwitz, meine Beoachtungsgabe und meine Analysefähigkeit. 20140912_115546

Mir gefällt an Belarus, dass ich dort als Politologin und Historikerin Dinge sehen und erleben kann, die ich sonst nur aus Geschichtsbüchern kennen würde. Das große Mysterium Sowjetunion ist dort so lebendig wie wahrscheinlich nirgends sonst auf der Welt. Mir gefällt auch, dass ich mich regelmäßig im Zug nach Osteuropa fühlen kann wie Gerd Ruge, der gerade wieder eine Dokumentation über die Transsib dreht.

Mir gefällt auch, dass Belarus aus mir einen Exoten macht: Sowohl unter den Deutschen, die erstmal im Atlas gucken, wo Weißrussland eigentlich liegt; als auch unter den Belarussen, die erstaunt sind, eine belarussischsprachige Deutsche in ihrer Mitte zu finden.

Mir gefällt des Weiteren, dass ich durch die Ehe mit einem Belarussen meinen kulturellen Horizont über die Maßen eines normalen Auslandsaufenthaltes erweitert habe. Monokultur (ich bin mir nicht sicher, ob es die nicht nur bei Joghurts gibt?) ist nichts für mich. So schockiere ich fröhlich sowohl die belarussische als auch die deutsche Familie mit meinem Patchworkkulturverständnis, und fühle mich dadurch doch sehr bereichert. Übersommern ohne fließendes Wasser? 20 Mann auf einer Datscha bewirten? Kopftuch aufziehen und Beeren sammeln? Finde ich auch befremdlich, gehört aber mittlerweile für mich dazu. Nagut, das Kopftuch versuche ich zum umgehen.

So, und damit meine Freundin und Belarus zufrieden sind, hier auch noch eine Liste an Dingen, die mir an Belarus selbst gefallen, und die das große JA! vor dem augezwinkernden ABER in meinen Beiträgen sind:

20140911_121546– Der Wald. Aber nur, wenn ich dort keine Outdoor-Spielchen machen oder übernachten muss!

– Belarussische Folklore. Ich stehe total auf gestickte Muster, Leinen mit rot, und finde den neuen Trend, die Kleidung einer breiten Öffentlichkeit nahe zu bringen, super.

– Pfifferlinge und Blaubeeren in rauen Mengen, genau wie Himbeeren und Erdbeeren bis zum Abwinken.

– Die Wandlung von Minsk in den letzten Jahren. Viele neue Cafés, Galerien, Places-to-be

– Die jungen belarussischen Designer und Handwerker, die tolle Dinge herstellen und das zu günstigeren Preisen, als die schlechten Importe aus der Türkei

Es gibt bestimmt noch sehr viel mehr, aber ich muss erst einmal darüber nachdenken. Für jetzt ist das ja schon mal nicht schlecht, oder? Was gefällt euch denn an Belarus?

3 Comments

  1. allerfeinste Psycho-Klinge – und die ist auch notwendig, um sich einen klaren Blick zu für die Wirklichkeit zu bewahren – anstatt Wunschbilder und Klischees zu reproduzieren, obwohl man weiss, dass diese wie Seifenblasen platzen, sobald sie mit der Realität in Berührung kommen.

  2. Liebe Nadine,
    ich lese bereits seit einiger Zeit mit großem Interesse deine Kommentare und fühle mich sehr, sehr angesprochen. Ich selbst reise bereits seit den 90er Jahren in humanitären Angelegenheiten immer wieder nach Belarus und beobachte und mache mir so meine Gedanken, die du, viel besser als ich es könnte, auf den Punkt bringst. Ich spreche sehr viel mit Menschen des „einfachen Volkes“ und kann mich mit fast allen deiner Feststellungen ganz stark identifizieren. Und ich finde überhaupt nicht, dass deine Statements nicht von Liebe und Interesse für diese Menschen und dieses Land getragen sind.
    Vielen Dank für deine Gedanken, an denen du uns teilhaben lässt. ich freue mich immer über deine Neuigkeiten. Alles Liebe Elfi

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