Über die natürliche Verschiebung der physischen Grenzen

matrioschka

Einige haben es bestimmt schon mitbekommen: Im Januar erwarten wir Familienzuwachs. Im Gegensatz zum letzten Mal, als ich ja einen Teil der Schwangerschaft in Minsk verbracht habe, ist diesmal alles anders:

Ich bin in Deutschland, habe das Reisen vor vier Wochen eingestellt und fröne den Privilegien einer deutschen Schwangerschaft. Dass wir eine kleine Tochter erwarten, wissen wir seit Ewigkeiten, ich könnte, wenn ich wollte, nun ein Zimmer rosa streichen und mit allem Möglichen Schnickschnack ausstatten. Trotz nicht unerheblichen Gewichtszuwachses versichert man mir bei meinem Arzt, dass alles vollkommen in Ordnung sei…. was dazu führt, dass ich mich auf aktuellen Fotos leider selbst nicht mehr erkenne. Meine liebe belarussische Gynäkologin hätte mich ganz sicher schon vor Wochen auf Diät gesetzt und das böse Obst von meinem Speiseplan verbannt. Wenigstens habe ich nun dank ihr immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich „mal wieder“ einen Riegel Kinderschokolade zu mir nehme.

Nicht mein Bauch!
Nicht mein Bauch!

Ich freue mich über den Schwangerschaftsgymnastikkurs in meiner eigenen Sprache, in dem man eigentlich im Gegensatz zum belarussischen Hochleistungsschwangerensport nicht sehr ins Schwitzen kommt. Grundlegend habe ich begriffen, dass frau Schwangerschaften und Geburten einfach nicht als Auswärtsspiel erleben muss.

Die ganze Angelegenheit ist hier ja um einiges frauenfreundlicher als ich es in Belarus so mitbekommen habe. Aber als Mehrgebärende (irgendwie gibt es im Schwangerensprech nur Erst- oder Mehrgebärende, weiß auch nicht, wieso) sind natürlich auch viele Dinge anders als beim ersten Kind.

Der größte Unterschied besteht darin, dass das erste Kind die Schwangerschaft begleitet und bereichert. Kasimir parliert mittlerweile fließend zu den Themen Fruchtwasser, Kaiserschnitt und Nabelschnur. Dass man mit drei Jahren noch seine eigenen Vorstellungen zu dem Thema hat, merke ich an folgenden Unterhaltungen:

„Mama, und das Wasser mit dem Obst, wann kommt das dann raus? Und wie trinkt das Baby das Wasser?“. Gestern erzählte er mir leicht entsetzt, dass der Papa ihm gesagt habe, dass ER höchstselbst mir den Bauch aufgeschnitten habe, um Kasimir auf die Welt zu bringen. Ich konnte ihn beruhigen, dass das schon kompetente Ärzte gemacht haben, der Papa war lediglich für die Nabenschnur zuständig. Da in unserem Umfeld ein regelrechter Babyboom ausgebrochen ist, hat der kleine Mann deklariert, er würde Frauenarzt, wenn er groß ist. Als ich fragte, wie er das mit seiner Tätigkeit als Ritter vereinbart, überlegte er, diensthabender Gynäkologe auf der Ritterburg zu werden.

Anders als in der ersten Schwangerschaft ist der Erstgeborene auch zuständig für reihenweise Komplimente, die jeden Tag an meine Adresse gehen. Die „natürliche Verschiebung der physischen Grenzen“, wie mein Schwangerschaftsbuch die Gewichtszunahme umschreibt, ist hierbei sein Lieblingsthema. „Mama, du hast so breite Brüste“ bis hin zu „Dein Po, Mama, der ist aber ganz schön groß geworden“ sorgen dafür, dass mein Mann dagegen als Ausbund an Charme durchgeht. Bisher hat er nur einmal ganz unschuldig gefragt: „Sag mal, Schatz, WIEVIEL hattest du nochmal zugenommen im letzten Monat?“, bevor er in der nächsten Sekunde in den Zug nach Minsk sprang.

pink-and-blue-project
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Immerhin bin ich doch froh, dass wir zuerst einen Stammhalter bekommen haben. Einigermaßen oft kommt es nämlich in Belarus vor, dass Mädchen nun doch nicht ganz so viel zählen, wie Jungs. Ein Bekannter deklarierte, als er den ersten Enkel bekam: „Nun bin ich auch endlich Großvater geworden!“. Seine reizende Enkelin war zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre als.

In Deutschland scheint es mir anders zu sein: Gerade beim zweiten Kind sind die Leute ganz und gar entzückt, wenn man erzählt, dass das nächste nun ein Mädchen wird. Bei zwei Jungs sagen die meisten Mütter wehmütig: „Achjaaa, ich hätte ja auch gerne ein Mädchen gehabt“. Und während es für Mädchen Unmassen an Kleidung gibt, beschränken sich Jungssachen doch meist auf blaue, graue und grüne Kleidung mit Autos oder Monstern darauf. Ich sehe nicht, wieso ich meinem lieben kleinen Kasimir dauernd Tshirts anziehen soll, auf denen steht „Here comes trouble“ oder „Achtung, Monster im Anmarsch!“. Kleine Jungs haben wirklich ein Imageproblem.

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