Kollektivbild mit Dame- Katjas Reportage

Djevochka, djevuschka, zhenchschyna, tjotja.

Das sind die Stationen, die man als Frau in einem russischsprachigen Land durchläuft. Vom kleinen Mädchen-djevochka- wird man zur jungen Frau -djevushka. Diese Anrede wird aber durchaus auch von Männern gebraucht, um Frauen, die offensichtlich schon eine zhentschschyna, zu schmeicheln und etwas zu bekommen. Eine Tjetja, also Tante, ist ein Genre für sich. Man stellt sich gemeinhin eine unförmige, verbitterte Frau vor.

Dass es noch viel mehr Abstufungen in diesen Kategorien gibt, und wie moderne Frauen sich selbst in unserer Zeit wahrnehmen- diesem Thema hat sich Katja Artsiomenka in einer beeindruckenden Reportage für den Hörfunk gewidmet.

In der Ukraine, in Belarus und in Russland sprach sie mit ganz unterschiedlichen Frauen: Einer Straßenbahnfahrerin aus Witebsk, einer Heiratsvermittlerin aus der Ukraine und einem Mitglied der Gruppe Pussy Riot in Moskau.

Hier landet ihr auf der Seite der Reportage.

Katja Artsiomenka bei der Arbeit

„Jede, die mehr als Kleidergröße 42 trägt, ist eine Tante.“

„Wenn du mit 30 keine Schönheit bist, bist du selber schuld.“

„Du wirst zur Tante, wenn du aufhörst, dich selbst zu lieben.“

„Kunst ist was für Männer.“

„In der Kosakenzeit war Scheidung eine Schande für den Mann.“

„Die 90er Jahre haben wir dank meiner Mutter überlebt. Mein Vater hat alles verkackt.“

„Im Märchenland Belarus bleibt es still. Sogar die „tjotki“ sind leiser geworden.“

„Es ist unwichtig, wie viele Frauen im Parlament sitzen. Es ist wichtig, welche Position sie dort vertreten“.

„Ich weiß nicht, wie es bei den germanischen Frauen aussieht. Unsere Frauen können alles.“

Dies sind nur ein paar Zitate, die ich im Laufe einer spannenden Stunde notiert habe. Sätze über das Leben in Ländern, in denen Frauen immer noch gleichzeitig hart schuften und für die Männer attraktiv auszusehen haben. Superfrauen, die Traktoren reparieren und dennoch perfekt manikürte Fingernägel haben. Die aus irgendeinem verdrehten Grund glauben, es sei eine Zumutung, dem eigenen bierbäuchigen und feinberippten Ehemann abends in Jogginghose gegenüber zu treten, selbst wenn man den ganzen Tag als Akademikerin oder in der Fanrik oder sonstwo gearbeitet hat, eingekauft hat, die Taschen im überfüllten Bus nach Hause transportiert hat und ihn dann bekocht und seine Haare aus der Badewanne entfernt hat.

Kein Wunder, dass die Heiratsvermittlerin die ukrainischen Frauen mühelos vermitteln kann. „Egal was für eine Prinzessin eine Frau ist- sie wird für ihren Ehemann putzen.“ Das muss den deutschen Ehemännern, die sich mit den burschikosen Frauen in „Jeans und irgendeinem Pulli“ (O-Ton Heiratsvermittlerin) herumschlagen müssen, doch wie das Paradies auf Erden vorkommen!

Wenn ich aber darüber nachdenke, scheint es mir, als würden diese Modelle aufgeweicht. Schaue ich mich in meinem – natürlich nicht repräsentativen- Bekanntenkreis um, dann sehe ich folgende, eigentlich atypische Spezies:

  • Die „polnischen Kavaliere“, Männer über 30, die nicht verheiratet sind und keine Frau in Aussicht haben. Sie warten auf die große Liebe und verstehen nicht, dass Mittdreißiger, die sich von Mama bedienen lassen und nicht in der Lage sind, ihren eigenen Teller abzuräumen, niemals die Traumfrauen abbekommen werden, für die sie all die netten, normalen Frauen wegschicken.
  • Die verheiratete Karrierefrau, die umwerfend aussieht, eine tolle Karriere hat, aber nicht kochen kann und den Gedanken an Kinder auch noch mit biblischen 30 Jahren von sich wegschiebt.
  • Typ „Supermutti“: Die vormals lebenslustige Karrierefrau, die heiratet, Kinder bekommt und in dieser Rolle so sehr aufgeht, dass ihr nicht einmal mehr auffällt, dass sie seit Jahren ihr Dasein in Jogginghosen fristet.

Hört sich irgendwie voll normal an, oder? Ich glaube, dass die sowjetischen Superfrauen eine Gattung im Aussterben sind. Die Frauen, und da fällt mir als erstes immer meine Schwiegermuttrer ein, die gleichzeitig sanftmütig zu Hause, erfolgreich im Beruf, gut in der Küche, stets adrett gekleidet und ohne Jogginghose im Schrank, streng aber liebevoll mit den Kindern und unermüdlich im Haushalt sind (über alle anderen Bereiche mag ich gar nicht nachdenken……) scheinen im Belarus und Russland des 21. Jahrhunderts zum Glück nicht mehr in Serie produziert zu werden.

Wie sagte eine der Protagonistinnen: „Ich glaube, die nächste Generation wird gesünder. Die Frauen heutzutage sind viel weicher, als wir es sind.“

Viel Spaß beim Hören!

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