Wer aussortiert ist nur zu faul zum Suchen

2015-06-19_15.51.01

Minsk hat uns wieder!

Anfang der Woche sind wir mit Sack und Pack und beiden Kindern angereist. Beide haben zum Glück das Reisegen geerbt und den Trip über Vilnius problemlos mitgemacht. Die litauische Hauptstadt hat uns verzaubert! Nach einem langen Aufenthalt in Deutschland war es toll, wieder die Luft Osteuropas zu schnuppern- damit meine ich nicht den typischen  Ungewaschenemännergeruch, der uns im litauischen Bus vom Ouro ostas zum stotis entgegenschlug.

In Minsk wohnen wir zur Zeit bei meinen Schwiegereltern in der Militärstadt- aber nicht mehr lange. Gerade bringt Alioscha unser Gepäck in die Ferienwohnung im Zentrum, die wir für astronomische 850$ für den Monat Aufenthalt mieten.

Plattenbaucharme
Plattenbaucharme

Das muss sein- nicht so sehr, weil es unmöglich ist, mit den Schwiegereltern eine Wohnung zu teilen (ich habe mich blitzschnell ans bekocht werden gewöhnt, ganz ehrlich!), sondern weil hier im Militärstädtchen immer noch der Bauboom herrscht und es quasi unmöglich ist, mit einem Kinderwagen spazieren zu gehen.

Am ersten Tag haben wir einen Spaziergang gemacht und mir ist regelrecht schwindelig geworden- ein ganz neues Viertel ist hier auf einmal entstanden.Neue Häuser, neue Spielplätze, sogar Geschäfte (was nicht immer gesagt ist beim Bau eines neuen Viertels) wurden aus dem Boden gestampft. Schulen, Kindergärten und Polikliniken fehlen allerdings noch- meine Schwiegermutter meint, dass bestimmt an den Schulen in drei Schichten gearbeitet wird.

Ich frage mich, wie viele Millionen Einwohner Minsk mittlerweile haben muss bei der unvorstellbaren Anzahl an Häusern, die gebaut werden- und wir reden hier nicht von Einfamilienhäusern, sondern riesigen Hochhäusern mit 25 Etagen und sicher 10 Wohnungen pro Etage. Das ist natürlich toll für die Leute, die hier wohnen- aber ich bedauere, dass das Gorodok nicht mehr der idyllische Ort mit dem Tannenwald ist, den ich vor neun Jahren kennengelernt habe. Man musste nur aus dme Haus gehen und konnte Ski fahren oder durch den Wald spazieren.

Neubau im Militärstädtchen
Neubau im Militärstädtchen

Bereits am zweiten Tag habe ich den Kinderwagen stehen lassen und Paulina in die Trage gesetzt, das geht viel schneller und ich muss den Kinderwagen nicht dauernd schwindelerregende Bordsteine rauf- und runtertragen.Auch die Anreise von hier ins Stadtzentrum empfinde ich als anstrengend- mit dem Auto, weil der Prospekt überfüllt ist, und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, weil dort so viele Menschen sind! Mir scheint, es sind in zwei Jahren viel mehr Menschen geworden. Oder ich bin eine Provinzpflanze geworden in Essen-Borbeck.

Die Zeit, bis unsere Wohnung bezugsfertig war, haben wir uns damit vertrieben, unseren Hausrat aus Minsker Zeiten auszusortieren. Er lagerte in der Wohnung und der Garage und dem Dorfhaus meiner Schwiegereltern, die das mit beispielloser Langmut ertragen haben. Ich wäre ausgerastet, wenn ich Kubikmeter von Fremdhausrat in meinen Ecken stehen hätte.

Wir haben also gesichtet, sortiert, aufgelistet, fleißig gearbeitet, bis….

„Moment mal! Diese Schuhe habe ich schon aussortiert. 2009, 2011 und dann nochmal vor dem Umzug. Und diese auch! Und die Jacke da auch! Entsorgt wurden sie aber immer noch nicht!“ .Irgendwas war mir von Anfang an spanisch vorgekommen an unserer Aufräumaktion.

Früher war hier überall dichter Wald
Früher war hier überall dichter Wald

Aljoscha wollte mir nicht glauben, bis er es mit eigenen Augen sah: Ich sortierte- ein Haufen zum Weggeben, ein Haufen mit Sachen, die wir noch benutzen, und nacheinander steckten seine Eltern den Kopf ins Wohnzimmer und riefen: „Werft nur nichts weg! Das kann man alles noch verwenden!“ Selbst die Sachen, die wir zum Weitergeben aussortiert hatten, wurden wieder einsortiert, weil man sie ja sicher noch einmal verwenden kann.

So sind sie, die Belarussen. Hängen an ihrem Kram, obwohl sie sich als gänzlich unmaterialistisch bezeichnen. Wegwerfen kommt nicht in die Tüte- und selbst die wird nicht entsorgt, sondern ausgewaschen und wiederverwendet. Das ist sicher gut, vor allem in Zeiten der Wegwerfgesellschaft. Habseligkeiten werden hier gewertschätzt und repariert (ein Regenschirm! Wer in Deutschland repariert einen Regenschirm, wenn seine Reparatur dreimal so teuer ist wie ein Knirps aus dem Drogeriemarkt?). Aber es macht das Aussortieren doch irgendwie überflüssig. Jetzt haben wir alles umgepackt. Von bunten Säcken in durchsichtige Säcke. Damit es uns im nächsten Jahr leichter fällt, sie auszusortieren…

 

 

11 Comments

  1. …bin seit mehr als 20 Jahren in Belarus humanitär tätig.In Minsk, hauptsächlich Gomel, Sperrgebiet Bragin und und und.
    Lese deine Beiträge.und stelle fest,dass du zu jenen Belarussen zählst, die es sich aussuchen können.
    Meine Erfahrungen sind da eher gegenteilig. Das namenlose Heer der Loser, der oft mühsame Alltag all jener, die sich um lächerliche Löhne durchkämpfen müssen. Akademiker ,vor allem Ärzte aber auch Juristen und Lehrer, die von äußerst bescheidenen Gehältern leben müssen- das kann man nicht so schnell schön reden.
    Ich habe zahlreiche Freunde in Belarus, darunter meine liebe Valentina aus Gomel
    Apothekerin – engagiert in der kath. Mission Gomel, leitet die Caritas Gomel.
    Lebt in einer Einzimmerwohnnung 4. Stock ohne Lift. Das ganze Domizil, samt Mitbewohnern ein Alptraum.
    Und so weiter und so fort.
    Der Chefarzt einer Gomeler Klinik, der meine riesengroße Medikamentenspende.,( Amoxillin usw) nicht entgegennehmen konnte, weil er just an diesem Tag ein Auto ausleihen durfte, um von seiner weit entlegenden Datscha das uniforme Belarusgemüse heimführen konnte, damit er seine 6 köpfige Familie ( 3 Zi Wohnung) durch den Winter kriegt.
    Endlose Geschichten: ich bin stolz auf „mein “ erstes weißr. Missionskinderdorf, das ich mit 750.000.00 Euro mitfanziert habe.60 Waisenhauskinder u. Jugendliche führen dort erstmals ein Leben in Würde und Liebe bis in den Tod.. Schwer kranke, auch sterbende im Palliativbereich..Geleitet von poln. Benediktiner- Samariterinnen….
    Missionaries of Charity helfen ( auch mit meiner Unterstützung) dem namenlosen Heer
    aussortierter alter Menschen, auch junge TBC Kranke, Mütter (mit u. ohne Alkohol) usw usw, all das ist Teil von meinem Belarus.
    Was uns beide verbindet : ich bin auch ein (altes) Ruhrpottkind, Bochum- Blankenstein, echte deutsche Kriegsware 1943, gleich mit 9 Monaten schwer erkrankt mit Verlust 3 er Finger re Hand. Trotzdem Frohnatur.- ohne Rente, Frau Merkel hat bei den Trümmerfrauen und Zwangsarbeiterinnen aufgehört mit Kriegsgeschichten.
    Wir, die vergessene Generation, die Kriegskinder sind noch „offen“. Na ja, es gibt Schlimmeres. Siehe mein Belarus…
    seit 51 Jahren in Österreich lebend ,verheiratet, 2 erwachsene Kinder ( Akademiker in gut dotierten der Leistung angepassten Positionen) begeisterte Oma von 4 Enkelkindern, diensthabende Oma ,die das unheimlich genießen kann.
    Meine Arbeit in Belarus ist hier in Österreich anerkannt,( das pol. Belarus hält sich vornehm bedeckt) bis hin zu vermögenden Weißr. in Wien, die freudig und tapfer spenden – und das nicht knapp.Von Bregenz bis Wien, BRD und Schweiz, die Medien, Klöster ( Jawoll)Firmen, Schulen, Vereine, die Medien vor allen Dingen: alle machen mit, wenn ich darum bitte.
    Oberstes Prinzip vor Ort und hier. Es muss seriös sein , es muss abgerechnet werden, Spenden müssen belegt und beantwortet werden. Resultate eingefordert werden und dokumentiert.Nur so funktioniert gewissenhafte Hilfe.
    Auszeichnungen:
    Österr. Staatspreis, verliehen in Wien
    Großes Verdienstzeichen des Landes Vorarlberg( Landesregierung
    Medienpreis: WuW Award
    liebe Grüße
    Doris

    1. Liebe Doris,
      schön, dass du auf meinen Blog gefunden hast und vielen Dank für deinen Kommentar!
      In der Tat habe ich, bzw. meine Familie das Glück, dass es ihnen materiell gut geht. Nicht „wir wissen nicht wohin mit dem Geld“-gut, aber im Vergleich zu vielen anderen in Belarus schon gut.
      Ich mokiere mich mit dem Artikel aber keines falls über all jene, denen es schlechter geht! Das sollte auf keinen Fall so verstanden werden.
      Dass meine Schwiegereltern Dinge ungern wegwerfen zeugt ja davon, dass sie sich sehr genau erinnern, wie es noch vor 20 Jahren war. Und weggeworfen wird ohnehin nichts. Was sie nicht mehr brauchen, bekommen die Leute in der Familie und im Dorf, denen es nicht so gut geht. Oft sortieren wir gerade Kindersachen und auch meine Kleidung und geben es weiter. Habe auch schon Dinge an Kinderheime oder die Kirche gegeben.

      Respekt für dein Engagement! Es gibt viele Dinge, die in Belarus benötigt werden. Schön, wenn es Menschen gibt, die helfen.

      Bei mir persönlich läuft das meist auf Mikroebene ab😉
      Alles Gute!
      Nadine

  2. Hey, schöner Beitrag. Magst du mal meinem Blog folgen und lesen? Vielleicht was für deinen werdenen Papa😉 howtobepapa.wordpress.com

  3. Bin mit meiner weißrussischen Frau auch seit ein paar Tagen wieder in Minsk. Kenne die Stadt jetzt seit 5 Jahren und finde auch, dass sie sich sehr verändert hat. Natürlich die Neubauten überall, denen aus Spekulationsgründen auch viele der wenigen älteren Häuser zum Opfer fallen. Aber auch die Versuche, den manchmal mehr manchmal weniger gelungenen Wiederaufbau der Altstadt voranzubringen. Es hat sich trotz aller Krisen viel getan – zumindest in Minsk.
    Was das Widerverwenden angeht, ist hier allerdings eine deutliche Verschlechterung eingetreten. Am deutlichsten empfanden wir das dieser Tage im Korona, wo wir u.a. ein paar Zitronen kauften. Es war nicht möglich, ohne dass diese in Plastiktüten eingepackt wurden, trotz gegenteiliger Bitte. Wienwurden sogar ungläubig mit der Bemerkung abgewiesen, die Tüte sei doch schließlich umsonst. An dieser Stelle ist noch viel Einsicht in die Endlichkeit der Ressourcen und die negativen Auswirkungen der Wegwerfgesellschaft zu schaffen.

    1. Genau das habe ich auch letztens gedacht, als ich die Plastiktüten gesehen habe, die jetzt auch in Rollen verkauft werden. Während sie bei uns ja mehr oder weniger abgeschafft werden, fängt der Plastik-Wegwerf-Wahn jetzt erst so richtig hier an…

  4. Ja, in Minsk wird noch viel gebaut. Oft sind das Zweitwohnungen für Moskauer, die sich hier niederlassen, weil Minsk im Vergleich zu Moskau nicht so hektisch und außerdem viel an „früher“ erinnert. Und das Glücksspiel ist auch erlaubt…
    Werde in den nächsten Tagen auch da sein. Nicht zum Daddeln…

    1. In Minsk? Viele Grüße dann! Ich bin letztens von Strochycy nach Minsk reingefahren über den neuen Pr. Dzerzhinkogo. Da konnte ich nur staunen! Bis zum IBB wusste ich gar nicht, wo ich war! Und das IBB samt deutschem Konsulat stehen jetzt so verloren da rum zwischen den neuen Riesenhäusern.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s