PrachtkerlInnen

Die nächsten Tagen vergehen mit essen, essen, essen und … essen. Wenn deine Schwiegermutter dich nach zwei Monaten wiedersieht und ausruft: „Kindchen, was bist du dünn geworden!“, ist es ihr persönliches Ziel, dass du mit MINDESTENS zwei Kilogramm mehr wieder gen Heimat fährst.

Sie zaubert für uns alles, was das belarussische Repertoire so zu bieten hat:

Bliny, Syrniki und verschiedene „Kaschas“ zum Frühstück,

Borschtsch, Schtschi, Soljanka und alle möglichen anderen Suppen zum Mittagessen,

Pfifferlinge, Drankiki, Fleisch, Fisch, Vinaigrette, Harschochki und vieles mehr bei den ausladenden Abendessen.

Zander aus dem Stausee Wilejka
Zander aus dem Stausee Wilejka

Sind wir nicht bei Tamara und Sascha im Militärstädtchen, sind wir bei Freunden und Familie zu Gast, so dass wir auch dort bewirtet werden und eine Menge künstlicher Tannenbäume mit blinkenden bunten Lichterketten bestaunen.

Neben diesen Einladungen arbeite ich fleißig am letzten Schliff für „Liebesgrüße aus Minsk“ und muss mir zwischendrin noch eine neue Brille zulegen. Meine war in Slabada zerbrochen, und über die Feiertage lief ich herum wie eine Blindschleiche. Am ersten Werktag im Januar machte ich mich sofort auf den Werk zu einem Brillengeschäft, wo man uns im Expressverfahren innerhalb von 40 Minuten eine neue Brille zaubert. Nachdem ich wieder den Durchblick habe, sieht die Welt schon ganz anders aus.

Neue Brille
Neue Brille

Da es draußen noch immer bitterkalt ist- bei minus 17°C am Tag findet das sogar mein Schwiegervater- sind wir meist in der warmen Wohnung in Sippenhaft. So schön das familiäre Beieinandersein ist- nach einigen Tagen frage ich mich, wie eine Bekannte mit ihrer Familie und der Schwiegerfamilie in einer Moskauer Kommunalka wohnen kann.

Man tritt sich auf die Füße, und mit zwei Hausfrauen in einer Wohnung gibt es schnell Sticheleien, und wenn es nur darum geht, ob man die Nudeln nun in der Hühnersuppe mitkocht oder besser separat. In Belarus gibt es ein Sprichwort, dass besagt: „Das Kind, das sieben Aufpasser hat, hat keine Augen mehr“, oder so ähnlich. Sehr passend, scheint mir, auch wenn gottlob bisher noch nichts passiert ist.

Wie immer sorgen auch die Weisheiten der Babuschkas für einiges Erstaunen. Wir sitzen bei Freunden, die immer eine Oma „im Dienst“ haben, um auf die Kinder aufzupassen. Während ich erzähle, dass nun bald das Buch erscheint und wie anstrengend es manchmal war, neben Haushalt und Kindererziehung daran zu arbeiten, sagt die Babuschka:

„Molodzy! – Prachtkerl“- ich strahle, weil ich denke, dass sie mich meint.

„ … dein Mann!“, fährt sie fort, und das Lachen gefriert mir im Gesicht. „Inwiefern?“, frage ich.

„Naja, er kommt von der Arbeit, und er setzt sich nicht vor den Fernseher. Er kümmert sich um die Kinder, und vielleicht geht er sogar noch einkaufen? Solch ein Prachtkerl, da hast du es gut!“ sie ist ehrlich überwältigt.

Rote Kirche
Rote Kirche

„Danke“, sage ich sarkastisch. „Einkaufen gehe ich. Geschrieben habe ich selbst. Morgens, bevor die Kinder wach werden. Abends, nachdem ich mich 13 Stunden um sie gekümmert habe. Oder am Wochenende, wenn der Prachtkerl gerade da ist. Stimmt, das Buch ist natürlich vor allem sein Verdienst.“ Dazu passt das Lied, das am „Haupttannenbaum“ aus den Lautsprechern dröhnt:

„Ich gratuliere die zum neuen Jahr, mein Lieber. Du bist so männlich!“

Nachtrag eine Woche nach der Rückkehr:

Dieses Mal ist mir die Umstellung wirklich schwer gefallen. Am Ende war es ziemlich toll, mal so richtig umsorgt zu werden, nicht kochen zu müssen, in der warmen Wohnung zu sitzen und jeden Abend alte Fotos zu gucken. Ich vermisse Minsk, ich vermisse den Winter… ich vermisse meine Schwiegereltern! Wer hätte das gedacht?!

 

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2 Comments

  1. Liebe Nadine,
    wenn die Babuschka „molodzy“ gesagt hat, dann hat sie Euch beide gelobt: Dich, dass Du neben Kindern und Haushalt auch noch ein Buch geschrieben hast, und Deinen Mann, dass er Dich – mindestens – nicht daran gehindert hat. In Belarus werden doch Jungen von kleinauf zu Paschas verzogen, und wenn Deiner sich davon (mehr oder weniger) emanzipiert hat, ist das auch zu loben: molodez!

  2. Liebe Nadine,
    das kann ich dir sehr nachfühlen, dass du Minsk, die Familie und den Winter vermisst. Mir geht es genauso – jedes Mal, wenn ich von einer Belarus-Reise nach Hause komme, würde ich am liebsten auf dem Absatz kehrt machen.
    Zum Glück gibt es jetzt auch bei uns genug Schnee, da bin ich dann nicht mehr so neidisch drauf.
    Nun warte ich auf Dein Buch…

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