Jamala, Ivan und der ESC 2016

Während ich den ersten freien Samstagabend seit Ewigkeiten alleine auf dem Sofa verbrachte (Aliaksei ist zu einem Blitzbesuch nach Minsk gefahren), fiel mir auf, dass das Schauen des Eurovision Song Contest mit einer eindeutigen Belarussifizierung meiner Person einhergeht.

In Deutschland ist es zumeist so, dass der ESC an einem vorbeizieht, ohne große Aufmerksamkeit zu erregen. Das liegt daran, dass man sich entweder fremdschämen muss, oder die Kandidaten so unscheinbar sind, dass es ein Leichtes ist, sie zu übersehen. Deutschland fehlt die Begeisterung, was am mangelden Erfolg liegen mag, und auch die ESC-Kultur.

ESC im Dorf am Ende der Welt
ESC im Dorf am Ende der Welt

Das ist in Belarus anders. Es ist undenkbar, nicht bis ein Uhr nachts (in Belarus war es gestern sogar zwei Uhr) auf dem Sofa fast einzuschlafen, um nach dem vierzehnten Beitrag nicht mehr zu wissen, aus welchem Land der momentan laufende englischsprachige Einheitspopsong nun gerade stammt. Es gehört irgendwie zur Kultur dazu.

Und so nehmen natürlich die Belarussen den ESC bierernst, wie jeden Wettbewerb. Sie bereiten sich akribisch vor und wählen gut aus, wer sie in Europa bei diesem wichtigen Event vertreten darf. Das war 2011 Anastasia Vinikova mit ihrem fulminanten „I Love Belarus“, das immerhin Satiriker inspiriert hat. Oder ein Jahr zuvor diese Gruppe von Menschen mit Schmetterlingsflügeln auf dem Rücken.

In diesem Jahr sollte es nun Ivan sein, der in der Vorentscheidung in Belarus damit auf sich aufmerksam machte, dass er komplett nackt auftreten wollte. Leider hat er es nur bis ins Halbfinale geschafft und ist dann ausgeschieden. Auf Youtube sehe ich gerade, dass er voll bekleidet war. Vielleicht war das seinem Erfolg abträglich.

Gewonnen hat ja nun, wir wissen es alle, Jamala mit ihrem Lied ‚1944‘, das sich offiziell auf die Vertreibung der Krimtartaren bezog. Meine ukrainischen Freunde in Stockholm haben Jamala getroffen und viele Ukrainer sahen in diesem Lied eine Anspielung auf die aktuelle Situation, die Annexion der Krim und den Krieg gegen Russland, der immer noch in der Ukraine stattfindet.

Meine ganz persönliche Meinung ist, dass dieser Song sehr wohl politisch war und für mich somit eigentlich nicht zum ESC gehörte. Finde ich! Nach meinem persönlichen Geschmack war es auch nicht der beste Song des Abends. Aber über Geschmäcker lässt sich streiten, und ich habe mich dennoch gefreut, dass die Ukraine gewonnen hat und  sich zumindest hier gegen Russland durchgesetzen konnte.

Ivan. Quelle: de.sputniknews.com

Wer nun sagt, dass das ohnehin nur Freundschaftwahlen sind, mag recht haben. Für mich ist der ESC ein einmaliger Ausdruck von Bürgergeopolitik. Wenn es people’s diplomacy gibt, ist das nun people’s geopolitics. Natürlich stimmen alle für ihre Freunde ab (übrigens gingen die ukrainischen 12 Punkte an Russland!), und natürlich zeigen sich in den Abstimmungsergebnissen Migrationsströme, Freundschaften, Sympathien und Protestabstimmungen.

Man sollte sich in diesem Zusammenhang bloß fragen, weshalb Deutschland trotz wirklich nicht abgrundtief schlechter Beiträge permanent so schlecht bewertet wird. Die Antworten sind nicht unbedingt schmeichelhaft.

Aber nun freuen wir uns auf den ESC 2017 in der Ukraine. Witzbolde sagen, er soll auf Yalta organisiert werden.

 

 

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2 Comments

  1. Hallo Nadine, zuerst Mal Gratulation zu deiner Lesung.

    Der Songcontest wird ja auch deshalb nicht so wahrgenommen, weil es häufig nur um Tralala , Action und Oberflächlichkeiten geht, .
    Der Siegerbeitrag wurde erst dann im ORF so kompetent kommentiert, wie ihn 99% der Zuseher gar nicht kannten. Eine Künstlerin, bietet hochprofessionelle Performance, sie ist ausgebildete Opernsängerin, spielt mehrere Instrumente und bringt ein politisches Statement “ 1944″ zum Sieg ( 1944ein Jahr nach meiner Geburt.)
    Jamala hat es verdient,
    ich lese fleißig mit, was sich so alles tut bei dir.
    Ich selber bereite meine 53. humanitäre Reise nach Belarus vor, besuche “ mein Kinderdorf“ ( war Hauptsponsorrin privat),leiste den finanziellen Rahmen für ein Kinderferienprogramm für 130 Kinder aus Gomel mit schwierigem sozialen Hintergrund. Die Kinder kommen nie ins Ausland, haben keinen Pass usw usw – aber die Missionaries of Charity, meine Schwestern vom Kinderdorf, Schüler u. Studenten machen gemeinsam ein ganz tolles Ferienprogramm im eigenen Land, das ist schön, wenn ich dabei helfen kann,
    Liebe Grüße aus Österreich
    Doris

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