Wie blutige Anfänger

IMG_20160711_153844

Wir sind wieder in Belarus!

Allerdings begann der Aufenthalt dieses Mal unter ganz anderen Vorzeichen.
Bisher hatte ich eine Aufenthaltsgenehmigung, die ich mir ja im Jahre 2007 nach der Hochzeit mit viel Einsatz verdient hatte. Nachdem wir geheiratet haben, hatten wir einen riesigen Packen an Dokumenten in der zuständigen Behörde abgegeben, ich ließ meinen Fingerabdruck in der belarussischen Verbrecherkartei und bekam einen gratis Schwangerschaftstest in der Poliklinik. Das gesamte Prozedere könnt ihr in aller schönen Ausführlichkeit in „Liebesgrüße aus Minsk“ nachlesen.

IMG_20160708_133223
Lebe und bluehe ewig, Belarus! (Aus der Nationalhymne)

 

Viele Jahre lang war ich unglaublich cool, wenn die Zugbegleiter oder Stewardessen fragten, wer eine Migrationskarte bei der Einreise benötigt. Mit „Vid na zhitelstvo“ , also der grünen Aufenthaltsgenehmigung, die fortan meinen Pass für das Leben in Belarus ersetzte, war ich ein Ausländer erster Klasse. Dass ich die ersten Jahre noch ein 150 Euro teures Multivisum kaufen musste, um das Land auch wieder verlassen zu dürfen, sah ich als unfreiwillige humanitäre Hilfe.

Als wir dann von Belarus nach Deutschland emigrierten, kam irgendwann der Tag, an dem der geliebte grüne Ersatzpass annuliert wurde. Denn wie mit einer deutschen Aufenthaltsgenehmigung soll man sich mindestens 180 Tage im Jahr im Land befinden, damit er seine Gültigkeit nicht verliert.
Meine Schwiegereltern mussten mir also eine Einladung ausstellen, wir ein Visum beantragen, eine Versicherung besorgen und bei der Einreise eine Migrationskarte ausfüllen. Wie so blutige Anfänger!

IMG_20160711_153535
Obststand in der belarussischen Hauptstadt

In die Migrationskarte trägt man ein, wie man heißt, unter welcher Adresse man sich anmelden wird, die Aufenthaltsdauer und wer die einladende Person ist. Einen Durchschlag behält der Grenzbeamte, der andere wird in den Pass gelegt und darf unter keinen Umständen verloren gehen, sonst gibt es mächtig Ärger und eine Geldstrafe bei der Ausreise.

Übrigens kann ich an dieser Stelle vermerken, dass es nicht mehr wie früher ein großes Heckmeck ist, eine deutsche Reisekrankenversicherung zu finden. Vor zehn Jahren gab es eine einzige Versicherung, die Sovag, die von der belarussischen Botschaft wegen eines Kooperationsvertrages anerkannt wurde. Heute tat es meine ganz normale, ohnehin vorhandene Reiseversicherung.

Am ersten Morgen in Minsk, noch mit dem Kater des verlorenen Fussballhalbfinalspiels in den Knochen, machten wir uns auf den Weg zur Migrationsbehörde des Rajons, um mich zu registrieren.
Dort warteten wir mit einem nach Amerika emigrierten Russen und einem Afghanen, dass die Damen, die für die Registrierung der Ausländer zuständig sind, ihre ewige Kaffeepausen beenden und sich ihrer Arbeit zuwenden.

Als wir endlich an der Reihe waren, bekamen wir ein Formular, füllten es aus, gingen zur nächsten Bank, bezahlten die Summe, die eine Registrierung kostet, gingen zurück, warteten, gaben die Dokumente ab, warteten wieder, und bekamen nach nicht einmal zweieinhalb Stunden dann auch schon die Registrierung, den Stempel auf der Migrationskarte. Wenn man sich nicht registriert, droht eine Strafe, also muss sich jeder Ausländer, der länger als fünf Werktage im Land bleibt und nicht in einem Hotel wohnt, das sich um diese Formalität kümmert, dieser Prozedur unterziehen.

Wir haben übrigens nun herausgefunden, dass man die Prozedur effizienter gestalten kann: In den Banken wissen die Angestellten, wie hoch die Gebühr ist, die man für die Registrierung bezahlen muss. Also kann man sich den Beleg schon vorher besorgen und mit den anderen Dokumenten abgeben. Für den nächsten Aufenthalt haben wir auch schon ein Blankoformular mitgenommen, so dass wir Weihnachten nur den Packen an Dokumenten abgeben müssen. Dann fühlen wir uns vielleicht nicht mehr wie Belarus- Anfänger im Bürokratie-Dschungel.

IMG_20160711_153303
Nach dem Nationalfeiertag: „Das Militaer ist fuer die Parade bereit“/ „Wir sind Belarussen, freidliche Leute“ – Aufmacher zweier grosser Tageszeitungen

Dennoch ist das Ganze eine unangenehme und unnütze Formalität, die man direkt zu Beginn des Aufenthaltes erledigen muss. Bereits am ersten Tag kommt man so mit dem unangenehmsten Teil des belarussischen Systems in Berührung: Der langwierigen, ineffizienten Bürokratie. Die Registrierung ist stricto senso eigentlich nicht notwendig, weil man ja bereits bei der Einreise in einer Computerdatenbank erfasst wird und die Datenbanken der Miliz, bei der man sich registriert, und jene der Grenzbeamten miteinander verbunden sind.

Das Tourismusministerium hat bereits gefordert, dass die Registrierung abgeschafft werden soll oder erst nach einem dreißigtägigen Aufenthalt nötig wird. Das wäre eine Maßnahme, die sicherlich dazu beitragen würde, dass Belarus ein noch attraktiverer Urlaubsort würde. Wir zumindest würden uns freuen.

5 Comments

  1. Mein deutscher Mann hat vor einem Monat ein Visum in der Belarussischen Botschaft in München bekommen. Wir haben dafür keine Einladung gebraucht.

  2. Schlimm, dass das immer noch so ist. Ein echter Hemmschuh für den Tourismus.
    Als Geschäftsreisender habe ich es da etwas leichter. Und da ich meistens von Moskau komme und Minsk auch in Richtung Russland verlasse, gibt es keine Kontrollen. Die Registrierung erledigt mein Zimmerwirt – aber nur wenn ich länger als 5 Arbeitstage da bin, was eigentlich nicht vorkommt.

    Umgekehrt können sich Belarussen Multi-Schengen-Visa inzwischen kaufen – und reisen. Die Länder der EU scheinen nicht zu prüfen, wer den Schengen-Raum betreten will. Das wurde erst kürzlich wieder deutlich, als russische Hooligans nach erfolgter Ausweisung erneut einreisen durften. Das verstehe ich wirklich nicht.

  3. Ich war letzten Monat mal wieder in Minsk und oh Wunder oh Wunder, die Einreise hat genau 5 Minuten gedauert! (Nur der Custom-Inspektor wollte mein Handgepäck röntgen und fragte ob ich Medizin dabei habe, meine Antwort „ne ganze Apotheke“ reichte ihm dann aber…)
    Insgesamt hatte ich das Gefühl, das zumindestens die Einreise deutlich freundlicher geworden ist…
    Schönen Sommer in Belarus wünscht Wolfgang Busch

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s