Mama-Vertalotschik- Helikoptermama im Dorf

Nachdem die Formalitäten  in der Stadt erledigt waren, machten wir uns sofort auf den Weg ins Dorf.

Seitdem wir dort angekommen sind, bin ich dabei, mein kleines, quirliges Kind vor scheinbar fatalen Unfällen zu bewahren. Vor drei Jahren, als Kasimir im selben Alter war, war das weniger stressig. Das mag daran liegen, dass der Prototyp Kind  weniger draufgängerisch war als das Nachfolgermodell.

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Das Dorf- ein einziger Abenteuerspielplatz

Und dass ich, nun aus Deutschland anreisend, damals als quasi-Belarussin einiges lockerer gesehen habe. Mein Kind ist in diesem Jahr das einzige, das mit Fahrradhelm im Dorf Fahrrad fährt und nicht ohne Kindersitz in ein Auto steigt. Die einzigen Modelle von Matschhosen führen meine beiden Kinder hier spazieren. Und abwaschbare Hosen sind unerlässlich! Völlig eingedeutscht bin ich also wieder. Diese Entschuldigung akzeptieren sie übrigens alle. Ein bedauerndes „Ich bin Deutsche, ich kann nicht anders“, finden vom Taxifahrer über den Schwiegervater bis hin zur Babuschka im Dorf alle völlig einleuchtend als Erklärung für meine Übervorsicht. Ich frage mich, ob eine Helikoptermutter auf Russisch wohl eine „Mama- Vertalotschik“ wäre.

Naja, und es hat sich in drei Jahren den Gesetzen des homo sovieticus folgend hier so einiges an Gefahrengut angesammelt. Weggeschmissen wird ja bekanntlich nichts.

Und so fürchte ich sämtliche herumliegende Stromkabel, die aus dem Boden ragen. („Geerdet ist hier gar nichts!“) Ich frage mich, ob die Erde, die als Spielsand dient, wirklich völlig bedenkenlos zu nutzen ist im Land von Tschernobyl. Ich zittere, wenn Paulina alleine in der Küche ist, weil dort der Gasballon steht. Oder wenn sie in die Nähe des Brunnens kommt. Ich frage mich, ob man den Sandkasten wirklich neben die Feuerstelle bauen musste. Auf dem großen Gelände verliere ich sie dauernd aus den Augen und fürchte, dass sie in einen der überall herumstehenden Wasserbehälter fällt  (Wasser ist ein kostbares Gut!) oder auf die Straße läuft und von einem der fünf Autos, die das Dorf am Tag passieren, erfasst wird. Die rasen nämlich gerne mit 90 Sachen über die Dorfstraße.

Total unentspannt bin ich mal wieder und mein Verhalten ist dem Leben auf dem Dorf auch überhaupt nicht angemessen.

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Hier ist alles eben etwas anders. Man nimmt es nicht so genau mit den meisten Dingen. Gestern Abend haben wir Fleisch gegrillt, das den lieben langen Tag draußen stand und mariniert wurde. Ich fürchtete eine Unterbrechung der Kühlkette und ihre Konsequenzen- aber das Fleisch war sehr lecker und keiner hatte Magenprobleme.

So ein Wodka nachher räumt den Magen auf.

Mein Schwiegervater, der Oberst der belarussischen Armee, findet zwar nichts bei all den offenen Feuern, wackeligen Steckdosen und rostigen Nägeln- aber wenn die Enkelprinzessin weint, springt er sofort zur Stelle, um die Ecke am Tisch abzusägen, an der sie sich das Köpfchen gestoßen hat. Rührend, irgendwie.

Und ich erkläre weiter geduldig, was natürlich alle hier auch selbst wissen: Dass man Kleinkinder nicht über Brunnenschachte hält und eine herumliegende Axt kein gutes Spielzeug für Zweijährige ist.

„Das Kind mit sieben Kindermädchen hat keine Augen“, sagt ein belarussisches Sprichwort.

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2 Comments

  1. Liebe Nadine,

    ich würde viel geben, ein paar Tage Urlaub auf einem Dorf in Belarus verbringen zu dürfen und nicht alles so genau nehmen zu müssen. Du hast es echt gut. Klar, dass du dich um die Kinder sorgst. Aber sie sind, denke ich, in besten Händen.

    Auch daheim mariniere ich Schaschlik mindestens 1 Tag bei Raumtemperatur, es muss ja durchziehen. Die sauren Bestandteile der Marinade haben eine konservierende Wirkung, also keine Angst wegen einer fehlenden Kühlkette.

    Tschernobyl habe ich unlängst besucht, bin mit Dosimeter durch die Gegend gelaufen, was einige meiner bisherigen Ansichten relativierte.
    Die Gegend um Minsk ist meines Wissens weniger belastet als Teile Süddeutschlands, trotzdem kann es hier und da Ausreißer geben. Ich würde daher sagen, Spielen im Sand ja – jeden Tag Maronen oder Wildschwein aus der Gegend – nein.

    Genieße deinen Aufenthalt – nach deiner Rückkehr wirst du ihn sicher sehr positiv in Erinnerung behalten.

    1. Lieber Uli, da hast du Recht! Ich mache auch jeden Abend Yoga, um locker zu werden 😀 Das ist ja gerade der Witz- einerseits behüten sie die Kinder wie ihren Augenstern- aber die Axt lassen sie liegen 😉

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