Leider ist Geburtstag nur ein Mal im Jahr

Strauss

„Mama, ich habe das Campingklo umgeworfen, aber nur das Pipi ist rausgeflossen. Kannst du das wegmachen? Achja, und dann gebe ich dir dein Geschenk. Das Bild habe ich gestern gemalt und wusste eh nicht, wem ich es schenken soll.“

So begann mein Geburtstag im Dorf am Ende der Welt. Äußerst vielversprechend. Zum Glück sah ich dann den Strauß mit den Wiesenblumen, die der beste Ehemann mir gepflückt hatte, und meine Laune besserte sich sofort.

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Blaubeeren sammeln im Wald

Auch wenn das Dorf nun einen Wasseranschluss hat- bis ins Haus ist dieser Luxus noch nicht gekommen. Diese Großbaustelle wird erst nach unserer Abfahrt eingerichtet, wofür ich recht dankbar bin. Witziger Weise war genau bei unserer Ankunft auch das warme Wasser in unserem Stadtteil in Minsk abgestellt, so dass das Dorf für einmal der Stadt an Komfort weit voraus war.

Damit das Kind nicht auf den Hof zur Toilette laufen muss, gibt es bis zur Einrichtung des Badezimmers nachts noch das Campingklo. Wenn wir im Winter nach Minsk fahren, wird das nicht mehr notwendig sein. Dann nehme ich ein Vollbad im gefliesten Badezimmer mit Fußbodenheizung. Abgefahrene Vorstellung.

Pilze
Ausbeute eines Morgens

Der Geburtstag war einer der entspanntesten in meinem ganzen Leben. Wir haben absolut nichts gemacht, außer im Fluss zu schwimmen, ein paar Johannisbeeren zu sammeln, mit den Lieben zu Hause zu skypen (noch so eine Neuerung im Dorf!) und abends viel und gut zu essen. Es gab neben Schaschlik und Salat auch eine Spezialität meines Schwiegervaters: „Julienne“. Das sind geschmorte Pilze in Sahnesauce und es schmeckt sehr, sehr, lecker. „Keinen Salat Olivié soll es geben“, fragte Sascha dennoch entgeistert. Das gehört für ihn zu einem Festtagstisch wie ein ordentlicher Trinkspruch.

Mein Schwiegervater sammelt in den letzten Tagen Unmassen von Pilzen – zu irgendetwas muss das feuchte Wetter ja gut sein-, die er dann säubert und trocknet oder einlegt. Das ganze Haus riecht nach Trockenpilzen, ein Geruch, der ziemlich an Schweißfüssen erinnert. Sind die Pilze (vor allem Steinpilze!) getrocknet, eignen sie sich allerdings hervorragend für Saucen, Suppen und andere köstliche Gerichte.

„Sascha, du magst doch gar nicht so gerne Pilze“, sagt Tamara irgendwann händeringend beim Anblick der Pilze überall: Im Kühlschrank, in jedem freien Topf, auf dem Feuer, auf dem Tisch, auf den Boden. „Naja, aber es macht einfach so viel Spaß, sie zu sammeln“ sagt Sascha mit leuchtenden Augen und steht am nächsten Morgen wieder um fünf Uhr auf, um als erster die besten Steinpilze zu erwischen. Gute Pilzsammelstellen werden als strategisches Geheimis gehütet und nicht weiter verraten!

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Julienne

Während des Essens stand ich ab und an auf dem einzigen Hügel des Grundstücks auf dem ich Handyempfang habe, und konnte bruchstückhafte Gratulationen aus Deutschland entgegennehmen. Es gab ganz entspannt bloß zwei Trinksprüche und gar keinen Wodka, und statt eines Geburtstagskuchens haben wir Wassermelone und Plombir-Eis gegessen.

Am Ende des Tages stand ich alleine zum Zähneputzen im Hof und beobachtete den Sternenhimmel. Als ich eine Sternschnuppe sah, die vor meinen Augen vom Himmel fiel, dachte ich an das Lied des Krokodils Gena, jenes bekannteste Geburtstagslied. Er spielt auf einer Ziehharmonika und singt: „Leider ist Geburtstag nur ein Mal im Jaaaahr“.

 

 

 

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