Liberté, amitié, maternité

An diesem Wochenende habe ich einen Ausflug gemacht. Eigentlich war es ein Ausflug nach Brüssel, zur Hochzeit eines Studienfreundes.

In Wirklichkeit war es aber ein Ausflug in die Vergangenheit. Zu einem Ich, dass ich schon beinahe vergessen hatte. Seit fast fünf Jahren bin ich nun Mutter, seit 10 Jahren mit Aliaksei liiert und in belarussische Sphären abgetaucht. Umso aufregender war es, mal wieder alleine gen Westen zu fahren.

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Das Gefühl, morgens allein (und ohne Extravorrat Windeln!) in einen Thalys zu steigen, hat mir ein Bauchkribbeln verursacht, das mir auf einmal von früher wieder wohlvertraut war:

Eigentlich bin ich ein abenteuerlustiger Mensch. Mit 16 quer durch Frankreich, ohne wirklich französisch zu sprechen, dann nach dem Abi direkt der Umzug nach Lille. Ich kannte niemanden, mein französisch war nicht wirklich besser. Nur wenige Jahre später alleine nach Kiew und anschließend nach Minsk. Mich konnte eigentlich nichts abschrecken und ich fühle mich am lebendigsten, wenn ich auf mich allein gestellt das Abenteuer suche.

Als Mutter von zwei reizenden Stupsnasen ist ja nun jeder Tag irgendwie ein Abenteuer, aber mit dem Alleinsein hapert es manchmal. Meistens. Also, so lange die beiden wach sind.

Es tut gut, wie ich finde, alleine zu reisen. Im Zug zu sitzen, zu SCHWEIGEN (wann werden schon mal einer Mutter keine Frage gestellt?) und zu sinnieren.

Das konnte ich zu genüge tun und war damit dann auch fertig, als ich in Brüssel ankam und meine lieben Studienfreunde wieder getroffen habe. Der Studiengang in Frankreich hat uns zusammengeschweißt, und  auch wenn wir heute auf der ganzen Welt verteilt leben, sind wir uns nicht fremd geworden.

Einige von ihnen hatte ich fast 10 Jahre nicht gesehen, aber es war immer noch fast so, als würden wir morgen zusammen in die Mensa gehen oder eine Studentenparty besuchen. Und auch das Zusammensein mit ihnen war für mich wie das Treffen mit einer Nadine, die ich schon eine ganze Dekade nicht mehr gesehen habe.

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Vor zehn Jahren war ich beinahe noch ein Teenager (naja, fast!) und voller Träume. Weltpräsidentschaft. Demokratie für Belarus. Man muss nur wollen. Diese Freunde kennen eine Seite an mir, die ich selber beinahe vergessen habe. Und es tut gut, daran erinnert zu werden, dass in mir mehr steckt als der Profiwindelwechsler und wahrscheinlich auch mehr als die Buchautorin.

Dass ich in meinem Leben viel gewagt und dadurch viel gewonnen habe. Gut, dass es den Freund gibt, der philosophisch veranlagt ist und bei jeder Gelegenheit fragen stellt wie: „Wer von uns ist den geradesten Weg gegangen?“ und „Wer von uns hat sich am meisten verändert?“.

Das bringt uns zum Nachdenken. Das spornt mich an. Ich glaube, ich habe das Richtige getan. Ich habe im entscheidenden Moment auf mein Herz gehört und bin bisher an den richtigen Stellen abgebogen. Das macht vielleicht keine Weltpräsidenten, aber glückliche Menschen. Hochzeiten sind ein guter  Moment, finde ich, um auch für sich selbst eine Bestandsaufnahme zu machen. Still und heimlich und getragen von den weisen Worten des Pfarrers und des Brautvaters, der eine Rede hält.

Ich muss sagen, ich bin inspiriert nach Hause gekehrt. Zu einem riesigen Berg Wäsche, den der beste Ehemann in meiner Abwesenheit gewaschen hatte. Zu zwei kleinen Stupsnasen, die ich ehrlich gesagt kurz nach dem Einzug der Braut in die Kirche das erste Mal so vermisst habe, dass ich am liebsten nach Hause gefahren wäre. Und zum besten Ehemann, der mich zwar nicht aus ungebundenen Studentenzeiten kennt, aber der seit 10 Jahren unseren eigenen, aufregenden Weg mit mir geht. Angespornt, nicht im Mutterhaushaltseinheitsbrei stecken zu bleiben. Und mit dem guten Gefühl, dass es überall auf der Welt Freunde gibt, die mich beizeiten daran erinnern können, was in mir steckt.

 

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