Das Babuschka-Experiment*

eine Baba in Slabada

Seit zehn Tagen wohnt unsere belarussische Babuschka bei uns, um sich während meiner Weiterbildung zur Online-Redateukteurin um die Kinder zu kümmern. Das klappt bisher erstaunlich gut und empfiehlt sich zur Nachahmung.

Für belarussische Familien ist es Gang und Gäbe, dass die Oma tagelang bei der jungen Familie wohnt, um ihnen unter die Arme zu greifen. Das führt dazu, dass manche Belarussinnen im Managen ihres eigenes Haushaltes geradezu hilflos wirken.

„Privatsphäre“ gibt es im Russischen nicht

Mich hat das oft abgeschreckt, und als Deutsche, die immer viel „Privatsphäre“ braucht, (ein Wort, das es im Russischen wohlweislich gar nicht erst gibt), habe ich mich dagegen gewehrt, das Zepter bzw den Kochlöffel in meinem Haushalt abzugeben.

Kleiner Spoiler: Ich tue es auch jetzt noch.

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Foto: hitgid.com

Allerdings war der Wunsch,  diese spannende Weiterbildung zu absolvieren, größer als das verfügbare Betreuungsvolumen für meine beiden Kinder. Die einzige Möglichkeit bestand darin, die Babuschka einzuladen, bei uns zu wohnen die Betreuungslücke zu schließen.

Glücklicher Weise hat sie sich dazu bereit erklärt und konnte den Universitätskurs, den sie in diesem Semester für Deutschstudenten gibt, für einige Woche unterbrechen. Nun wohnt sie im eigens umgebauten Gästezimmer und alle sind glücklich:

  • Die Kinder, die rund um die Uhr bekuschelt und bespaßt werden;
  • der Mann, der Mamas gutes Essen genießt;
  • die Babuschka (hoffe ich!), die ganz viel Zeit mit den Enkeln verbringen kann;
  • und ich, weil ich meine Weiterbildung machen kann in dem guten Gefühl, dass es allen gut geht.

„Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf“

Außerdem, und da sind wir bei einem ganz aktuellen Thema, ist es ja auch nicht schlecht, die Kindererziehung ein wenig zu diversifizieren. Dass es, wie das afrikanische Sprichwort sagt, ein ganzes Dorf braucht, um Kinder zu erziehen, haben wir in den letzten fünf Jahren gemerkt. Zu diesem Thema hat Sarah Diehl einen starken Artikel geschrieben, der auf zeit.de veröffentlicht wurde.

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So idylisch wie im Buch ist es auch zu Hause

Sie fordert, die Grenzen der Kleinfamilie zu überwinden und die Eltern mit ihren Kinder wieder in die Mitte der Gesellschaft zu holen, statt ihnen einen Platz hinter der Lärmschutzwand zuzuweisen, wo man die Kinder nicht hört und ihre vollen Windeln nicht riecht.

Wir haben das große Glück, unsere Kinder in einer Großfamilie erziehen zu können, in der Omas, Opa, Tanten, Onkel (alle im Plural) und sogar Urgroßeltern in gteifbarer Nähe sind und den Kindern (und den Eltern mit beruflichen Karrieren) einen doppelten Boden in Sachen Betreuung bieten. Und je mehr Kinder es werden, das haben wir verstanden, desto lustiger ist es für alle.

Familie ist mehr als nur Randzeitenbetreuung

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Bei uns erzieht in der Tat ein ganzes Dorf die Kinder

Aber es geht ja noch um vieles mehr: Nicht nur um das Betreuen in Randzeiten, sondern um die Bereicherung, wenn es mehrere stabile Bezugspersonen für ein Kind gibt. Verschiedene Erziehungsstile (selbstverständlich unter elterlicher Federführung), der Bastel-Opa, die Back-Oma, der mittelalteraffine Onkel, die Lieblingstante… alle bereichern die Kinder auf ihre Weise und untersützen eine andere Facette ihrer Persönlichkeit, die vielleicht ohne die Großfamilie gar nicht wachgekitzelt würde.

Zur Zeit lernen die Kinder vor allem belarussische Lieder, Geschichten und Märchen, was ihrer Zweisprachigkeit natürlich sehr gut tut.

Hier ist mal ein link zu einem der bekanntesten Kinderlieder, das alle belarussischen und russischen Kinder lernen, ein Äquivalent zu unserem „Backe backe Kuchen“

In-house Babuschka als best practice

Ich könnte mich durchaus auch daran gewöhnen, dass jemand meinen Haushalt schmeißt, während ich mich mit anderen Dingen beschäftige, die viel mehr Spaß machen.  Und wen gibt es besseres als eine Oma, um sich um die Kinder zu kümmern (egal welcher Nationalität).

Aber da sind wir wieder bei der deutschen Privatsphäre: Nach ein paar Wochen ist es dann auch gut. Ich übernehme mit Feuereifer wieder das Zepter, und die Babuschka freut sich sicher auf ihre Studenten, die zumindest nicht dauernd die Milch umwerfen oder sich weinend am Boden wälzen, wenn es nicht so geht, wie sie es gerne hätten.

 

*Ich danke an dieser Stelle meiner Muse und Inspiration SARAH BROCK für diesen wunderbaren Titel!

3 Comments

  1. Gefällt mir sehr gut, mir fehlten damals die nichtberufstätigen Omas, die das bei mir hätten übernehmen können-sie waren noch berufstätig. So mußte ich 5- jähriges Fernstudium, 3- Schichtarbeit in einem Lehrlingswohnheit, Hausbau und Familie gut organisieren…aber meine Kinder waren auch schon ein wenig älter (14,11 und 9)
    Ich beneide Dich um so Deine Babuschka, wünsche Euch eine schöne Zeit miteinander, viel Verständnis und Rücksichtnahme. Für alle wird das bereichernd sein, Dein Mann kann wieder das gute weissrussische Essen genießen (habe gerade beim Aufräumen ein weisrussisches Kochbuch aus alten Zeiten gefunden, erinnert mich an meine Besuche dort, werde wohl man was versuchen…)Deine Kinder geniessen die Zuwendungen und die Babuschka wird an alte Zeite mit den eigenen Jungs erinnert, sieht nun sicher vieles gelassener und Du kannst Dich der Weiterbildung widmen und brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben…

    1. Oh ja, so ist es!
      Nur, dass unsere Omas beide auch noch berufstätig sind und sich die Enkelzeit freischaufeln müssen.
      Das hört sich auch hart an, ich bewundere Sie, dass sie das alles gleichzeitig gemeistert haben! Chapeau!

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