Osten ist überall

Oder wie wir im Ruhrpott sagen: Scheiß die Wand an, is dat schön hier!

Irgendwo zwischen Stettin und Schönebeck hat sich anscheinend Ost mit West vermischt.

Dabei ist Ost ein dehnbarer Begriff:

Da waren zuerst letztens die netten Russen (oder ich vermute, Belarussen, weil sie  aussahen wie die Verwandten eines Bekannten aush Minsk ), die mitten auf der Hauptverkehrsstraße in aller belarussischen Seelenruhe umgezogen sind. Sie sprachen Russisch, und als ich voller Begeisterung ausrief: “Oi, nashi! (also: Oh, Landsmänner!), meinte der eine von ihnen in akzentfreiem Deutsch: “Entschuldigung, ich habe Sie leider nicht verstanden.” Meine enthusiastische Erklärung, dass ich quasi halbe Belarussin bin, hat ihn nicht interessiert und er fand es auch ziemlich unangebracht, dass ich gefragt habe, ob seine Freunde in die Gegend ziehen oder weg von hier. Er war sichtlich erleichtert, als ich ihn mit meinem belarussischen Lokalpatriotismus in Ruhe gelassen habe und er witer umziehen konnte.

Heute beim Einkaufen im Ortszentrum hörte ich ein Gespräch einer russischen Mama mit ihrer Tochter: “Davaj, pedem na dachu” (Komm, wir fahren auf die Datscha). Ich musste sehr grinsen, weil ich mir vorstellte- wie sie in ihren Schrebergarten nach Essen-Altendorf fahren und dort Rote Bete anbauen, die sie zu Hering unterm Pelzmantel verarbeiten und dann zusammen mit Pommes Schranke und Currywurst essen.

Ruhrpott-Antipasti: Frikadelle, Currywurst und Wirsingroulade, dazu Stauder-Pils

Ruhrpott-Antipasti: Frikadelle, Currywurst und Wirsingroulade, dazu Stauder-Pils

Nächste Station war dann gestern der Spielplatz. Dort war ich um die Mittagszeit mit einigen Mopsbesitzern alleine (zum Glück war Omma Herta nicht da, die letztens im Park zum Entsetzen ihres Mannes Kasimir ein Gespräch aufgezwungen und ihn großmütterlich in die Wange gekniffen hat. Seitdem checke ich immer, ob die Luft rein und Omma Herta zu Hause ist, bevor ich irgendwo mit dem Kinderwagen anhalte).

Zu uns gesellte sich dann eine junge Frau mit einem kleinen Jungen, der im Sand spielte. Sie sprach mit ihm polnisch, und ich war wieder mal froh, eine slawische Sprache zu hören. Der kleine buk “babka” aus Sand, und ich war so verzückt, dass ich wieder mal nicht an mich halten konnte und die Frau ansprach: “Sie sprechen doch Deutsch, oder?”- Kopfschütteln. Auf meine Erklärung auf Belarussisch mit dem, was ich für polnischen Akzent halte (alle Os betonen und Zischlaute extrem zischen), dass Kasimir auch Belarussisch spricht und ich ein bisschen Polnisch verstehe, war die Gute sichtlich befremdet und hat offensichtlich nichts verstanden. Wieder eine Kontaktaufnahme mit einer verwandten slawischen Seele fehlgeschlagen…

Die slawische Seele baumeln lassen

Die slawische Seele baumeln lassen

Aber die Krönung erlebte ich dann nachmittags auf dem Spielplatz in Schönebeck (bitte in die Mutterfleißkarte eintagen: Zwei Spielplätze an einem Tag!): In dieser Wiege der Spießigkeit, wo Neuzugezogene alle die sind, die nach dem zweiten Weltkrieg zu der eingeschworene Gemeinde hinzugestoßen sind, hörte ich auf einmal breitestes Sächsisch! Solches, was man als Pottmensch eigentlich nicht verstehen kann.

Das Einzige, was aus dem Gespräch der beiden als Schönebeckerinnen getarnten Damen klar zu verstehen war, war der Satz: “Die Schanette hät wiedö gäschriän…” und ich dachte so, na was?

“Scheiß die Wand an, is dat schön hier!”

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Drum plane, wer sich ewig bindet

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Falls mich jemand in den letzten Wochen vermisst haben sollte: Ich bin nicht in einem weißrussischen Knast gelandet, sondern nach Deutschland gereist. Eigentlich wollte ich ausführlich darüber berichten, wie die Moskauer Zugbegleiterin unser Zugabteil gewinnbringend (für ihre eigene Tasche) an … Weiterlesen

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Christus ist übrigens auferstanden.

Bei dem ganzen Stress vor der Abreise nach Deutschland ist das ein bisschen untergegangen:

Christus ist auferstanden! -Wahrlich auferstanden.

Niemals werde ich mein erstes Osterfest in Belarus vergessen.

Bunte Ostereier zum Frühstück

Bunte Ostereier zum Frühstück

Noch sehr verschlafen stapfte ich am orthodoxen Sonntagmorgen aus dem Wohnzimmer meiner Schwiegereltern, wo ich die Nacht auf dem Gästesofa verbracht hatte. So gehörte sich das, ich war weder verlobt noch verheiratet, und mein Freund und ich wurden getrennt gebettet. Dass sich an meinem zivilen Status im Laufe des Tages etwas Entscheidendes ändern sollte, ahnte ich da noch nicht, aber das tut ja auch jetzt nichts zur Sache.

Jedenfalls bespritzte mich meine Schwiegermutter mit Wasser aus einer Plastikschüssel und rief: “Christus ist auferstanden”

Im ersten verschlafenen Moment dachte ich, das wäre eine Nachricht. Sowie “Lady Di ist gestorben” oder “Horst Köhler ist zurückgetreten”, Sachen, die man einfach nicht mitgekriegt hat und zuerst nicht glauben kann.

Ostertisch mit Pascha, Eiern, Olivie

Ostertisch mit Pascha, Eiern, Olivie

Man hat mich dann aufgeklärt, dass man sich so “frohe Ostern” auf orthodoxisch wünscht.

Als ich zu Hause in Deutschland anrief und meiner Mama ebenfalls fröhlich “Christus ist auferstanden!” ins Telefon rief, war sie glaube ich kurz davor, den Weltanschauungs-beauftragten von Minsk zu Rate zu ziehen.

Ostern in Belarus macht richtig Spaß. Meistens gibt es ein großes Osterfrühstück, mit dem Osterkuchen “Kulitsch”, den man in Konservendosen backt, und einer Quarkspeise, die “Pascha” heißt (das russische Wort für Ostern). Außerdem gibt es natürlich Ostereier. Die werden hier naturbelassen gefärbt: In Zwiebelschalen für rot-braune Eier, in Gras für grüne und so weiter.

Zum Frühstück gibt’s dann einen Wettbewerb im Eierkitschen, und anschließend geht man die Nachbarn besuchen und schenkt sich gegenseitig Kulitsche. Und es könnte sein, dass man auf die Auferstehung auch mit dem einen oder anderen Wodka anstößt.

Viele bunte Kulitsche

Viele bunte Kulitsche

Der Termin für das orthodoxe Ostern hängt auf irgendeine Weise, die ich nicht komplett verstanden habe, mit dem Mond zusammen. Deshalb ist manchmal das orthodoxe Ostern am selben Wochenende wie das katholische, manchmal liegen eine bis vier Wochen dazwischen. Wasser, Eier und Kuchen werden übrigens geweiht. Dazu bilden sich vor den orthodoxen Kirchen lange Schlagen, und der Pope kommt und segnet die Mitbringsel. In der Nacht vor dem Ostersonntag findet in den Kirchen die “ganznächtige” Messe statt.

Schlangen vor einer Kirche in Minsk. Foto: M. Davydchyk

Schlangen vor einer Kirche in Minsk.
Foto: M. Davydchyk

Eier werden übrigens nicht versteckt und gesucht und auch nicht vom Osterhasen gebracht. Nachdem ich ein paar Mal erzählt habe, dass ich zu Ostern Eier gesucht habe und gefragt wurde, ob ich denn in Minsk nun Eier gefunden hätte, die seien doch normaler Weise wirklich überall erhältlich, habe ich verstanden, dass das hier anscheinend nicht üblich ist…

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Denen ist wohl nicht mehr zu helfen

Gerade lese ich auf der Seite der WAZ und der NRZ, Lokalausgabe Altena (google: Wo ist Altena?), folgenden Artikel: Hilfstransport nach Pinsk ausgebremst .

Da ist die Rede vom Städtepartnerschaftsverein Pinsk-Altena, der in diesem Jahr keine Hilfsgüter nach Weißrussland bringt. Und dann der Satz:

“Bunte Kleidung will Präsident Alexander Lukaschenko nicht nach Weißrussland importieren lassen. „Die Menschen sollen im Land kaufen. Und zwar in den Einheitsfarben Weiß, Grau und Schwarz“, berichtete Angelika Mosch am Mittwoch bei der Jahreshauptversammlung des Vereins zur Förderung der Städtepartnerschaft Altena-Pinsk in der Burg Holtzbrinck.”

Man lasse sich diesen Quatsch auf der Zunge zergehen. Ja, es ist schwierig, Hilfsgüter nach Belarus zu bringen. Es gibt verschärfte Gesetze und der Zoll hat seine Methoden, um zu zeigen, was man nicht ganz so gerne hier sieht.

Aber mal im Ernst, wer so einen Satz sagt, der kann doch lange nicht mehr in “Weißrussland” gewesen sein, oder?

Erstens gibt es hier – zwar hässliche, das Thema hatten wir ja schon- aber facettenreiche und vor allem schreiend bunte Kleidung zu kaufen.

Besser nicht Kleidung, sondern Spiegel importieren

Besser nicht Kleidung, sondern Spiegel importieren

Zweistens, ja, kupliajcie belaruskae, kauft belarussische Erzeugnisse, aber Mexx, Mango, Tally Weijl und Vero Moda haben ja “Präsident Alexander Lukaschenko” auch irgendwie überlistet und sind mit ihren verkäuflichen Hilfsgütern ins Land gekommen.

Drittens, “Präsident Alexander Lukaschenko” ist es latte, wie die Leute hier rumrennen. Der mit den Einheitsklamotten war Mao. Vielleicht kennt man in Altena (google sagt: Burgstädtchen anscheinend mit Firewall in Westfalen) den Unterschied nicht. Aber wenn die Leutchen schon ihre wertvolle Freizeit aufbringen, um sich um die armen Menschen in “Weißrussland” zu kümmern, dann könnten sie sich ja mal im Land umschauen. Der Präsident hat wahrlich andere Sorgen, als sich um die Farbe der Kleidung seiner Untertanen zu kümmern.

Ich frage mich, was sich diese Menschen denken. Diese gutgemeinte Nächstenliebe um jeden Preis. Helfen um des Helfens Willen. Wie dieser Herr, der jeweils zu Weihnachten zentnerweise deutsche Schokoosterhasen nach Belarus bringt, um dort Kinder in einem Kinderheim zu erfreuen. Das hält den Zug, der ohnehin meist zwei Stunden Verspätung hat, beim Einladen im Ruhrgebiet und beim Zoll auf. Dann beschwert er sich, dass der belarussische Staat es aber auch schwierig macht, Gutes zu tun. Und kommt nicht eine Sekunde auf die Idee, nach Belarus zu fahren und vor Ort Schokolade zu kaufen und den Kiddies zu bringen.

Wahrscheinlich ist das die Ursache für diese ganzen wohlgemeinten, aber schiefen Hilfsaktionen: Die Überzeugung der Freundschaftsvereinler, dass es in Belarus weder Schokolade noch bunte Kleidung gibt. Dass die Menschen anämisch und verhärmt rumlaufen.

Manchmal leider kein Farbenverbot

Manchmal leider kein Farbenverbot

Ja, es gibt viele arme Menschen in Belarus und es gibt auch viele, die sich über Anziehsachen aus dem “Westen” freuen (Mein Schwiegervater zum Beispiel, der meinen Strohhut aus Italien aufsetzt, um auf der Datscha Ehrengäste zu empfangen). Und die  Tschernobylkinder auch.

Aber es wäre auch angebracht, ab und an mal das Bild von dem Zielland und dementsprechend die angebrachten Hilfsleistungen an die Realität anzupassen.                   So alle 25 Jahre mal.

Liebe Frau Mosch, vielen Dank für Ihren Einsatz für “Weißrussland” und Pinsk.

Fahren Sie doch mal wieder hin!

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Belarus-müde

Gerade überkam es mich. Ich fragte mich: Was mache ich eigentlich hier? Am liebsten würde ich meine Sachen packen und sofort nach Deutschland fahren.

Jeder Mensch, der sich mit Belarus befasst, weiß, dass es ein Land ist, für das man eine hohe Frustrationstoleranz braucht. Ich weiß, dass die Belarussen sich damit rühmen, dass es dieses Wort in ihrer Sprache nicht gibt, aber vielleicht sollten sie mal darüber nachdenken, was einem Volk abgeht, das nicht einmal das Gefühl “Frust” benennen kann. So kann man schließlich auch nichts dagegen unternehmen.

Im Moment habe ich ein eindeutiges Gefühl von “zuviel des Guten”. Gerade beschließt die EU weitere Sanktionen gegen Belarus. Die Botschafter werden nicht zurück kommen, aber das ist es nicht, was mich ärgert.

Es ist dieses Gefühl von kaltem Entsetzen, dass ich in den letzten Wochen mit mir rumtrage.

Entsetzen, in einem Land zu leben, wo offensichtlich unschuldige Menschen hingerichtet werden. Entsetzen, in einem Land zu leben, wo überhaupt Menschen hingerichtet werden!

Entsetzen, in einem Land zu leben, in das manche Leute nicht rein- und andere nicht herausgelassen werden. Und der Albtraum, dass ich aus irgendeinem Grund, der mir nicht mal klar ist, die nächste sein könnte.

Auf dünnem Eis

Auf dünnem Eis

Wenn nicht einmal mehr Dr. Astrid Sahm, eine der, oder nein, die größte Belarus-Kennerin in Deutschland, die sich seit Jahren für das Land und den Dialog, aber auch für die Menschen einsetzt, einfach nicht mehr einreisen kann, obwohl sie ein gültiges Visum hat, worauf kann man sich noch verlassen?

Und habe ich als Mutter das Recht, mein Kind hier aufwachsen zu lassen? Andererseits, mein Mann und seine Familie sind ja auch ordentliche Menschen, und das sind sie hier geworden.

Aber ich bin nunmal ein politisch interessierter Mensch, nicht nur hier, sondern auch in Deutschland, und ich stehe dazu, dass ich wohl eine der wenigen bin, die die Wahl des neues Bundespräsidenten im Fernsehen angeschaut hat, und das nicht nur, weil es in den Biathlon-Pausen kam. Ich schwärme für Gauck und Bill Clinton wie andere für Tom Cruise oder den anderen Bill, den von Tokyo Hotel.

Und deshalb kann ich auch hier nicht nichts mitbekommen. Wenn ich dann aber einen Beitrag für www.belarusdigest.com schreibe, und bei meiner Telefonrecherche der arme KGB-Mann, der sich sonst immer meine Telefonate mit meiner Mama und Oma anhören muss, so aufgeregt wird, dass gar die andere Seite nicht mehr zu verstehen ist, dann ist meine  -> Frustrationsgrenze erreicht.

Aber es ist ja nicht nur das! Hinzu kommt noch die Strahlenbelastung, und die unklare Situation bezüglich der Lebensmittel geht für mich als Mutter zu weit. Woher Obst und Gemüse nehmen? Die Frau auf dem Markt lügt mich so offensichtlich an, wenn ich sie frage, ob die Birnen auch ja nicht aus den zu meidenden Zonen kommt, dass sie auch einfach hätte die Wahrheit sagen können.

Soll mein Baby wirklich hier aufwachsen?

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Von Modesünden im März

Jetzt ist zwar der Frühling da, aber man sollte nicht glauben, dass deswegen alles gut ist!

Denn mit dem Frühling kommen auch die Frühlingsgefühle, und der Wunsch, sich der dicken Winterkleidung zu entledigen und die luftige Frühjahrkollektion aus dem Schrank zu holen.

Auch wenn ich weiß, dass es keinen Sinn macht, in Belarus Anziehsachen zu shoppen, ist mir doch wieder ein Faux pas passiert und ich musste etwas hier kaufen. Diesmal war es eine Übergangsjacke (also das, was hier Übergang ist und in Deutschland Winter: 0-10°C).

Meistens versuche ich zu antizipieren, was ich wohl für die nächsten Monate in Belarus brauche, um dann eben nicht hier auf die Suche gehen zu müssen. Aber da ich in den letzten 12 Monaten 23 kasimirbedingte Kilogramme zu -und wieder abgenommen habe, kam ich diesmal nicht drumherum.

Und es war so, wie immer, nach kurzer Suche folgte die bittere Erkenntnis: Kleidung in Belarus kaufen ist unmöglich. Obwohl die Modelage schon viel besser geworden ist, das muss man ja der Gerechtigkeit halber zugeben. Es gibt mittlerweile einige westliche Marken (die Fashionista erkennt die Xjuscha-Zielgruppe ohne weitere Erklärung: Tally Weijl, Jennyfer, Vero Moda, Terranova, und Mango und Mexx). Aber: Die Sachen sind unglaublich teuer, teilweise 20 Euro mehr als in Deutschland. Und für eine Tally Weijl Billighose 50 Euro zu berappen, kommt mir nicht in die Einkaufstüte.

Viele bunte Elema-Mäntel

Viele bunte Elema-Mäntel

Außerdem bin ich ja ohnehin eine Verfechterin des Slogans “Kupliajcie Belaruskae”, kauft belarussische Produkte. Finde ich prima und mache ich auch gerne, außer ibelarussische Kleidung. Denn betritt man das ZUM oder GUM, die staatlichen Kaufhäuser, wo die belarussischen Anziehsachen verkauft werden, hört der Spaß auf. Man hat den Eindruck, man befände sich in einem sehr gammeligen Second-Hand-Shop. Die Sachen sehen aus wie bereits öfter getragen, das letzte Mal lange zurück in den 80er Jahren in der DDR, und es riecht immer nach Schweißfuß. Warum bloß? Ich meine, es ist nicht mal die Schuhabteilung, sondern bloß jene für Kleidung, wenn man das denn so nennen möchte.

Gruselige Modelle, billige Stoffe mit Mustern zum Erblinden- und Schnittmuster, die an keinen Körper passen. Das habe ich letztens von einer belarusischen Freundin erfahren, bei der ich mich ausgeweint habe. Seit 2006 dachte ich nämlich, dass bloß ich als unförmige Deutsche nicht in die Anziehsachen für die belarussischen Astralkörper passe. Aber jetzt weiß ich, und das söhnt mich aus, dass auch die Astralkörperbesitzerinnen nicht in die Fetzen passen, weil sie schlicht und einfach verschnitten sind.

Tja, es hilft ja alles nichts, ich war also in dem muffigen Laden in der Jackenabteilung.

Und was sehe ich da? Ich kann mir die Jacken nicht leisten! Es gibt nämlich eine einzige Marke in Belarus, die schicke Jacken herstellt (es gibt auch noch eine Marke, die schicke Unterwäsche herstellt, aber die hält mich nun mal im Moment nicht warm). Sie heißt Elema und irgendwie hat der Konzern es geschafft, sogar Designer anzuheuern, die einigermaßen mitbekommen, was gerade so Mode ist. Man glaubt es nicht, es gab sogar einen Rock im angesagten Matrosenlook.

Alla Pugacheva in Elema

Alla Pugacheva in Elema

Jedenfalls gab es keine einzige Jacke von Elema unter 120 €. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen- es handelt sich quasi um ein halbes Monatsgehalt! So viel bin ich nicht bereit, für eine Übergangsjacke auszugeben. Also blieben nur die No-Name Produkte, die sich dadurch auszeichnen, dass sie aus Plastikfasern bestehen, schlecht verarbeitet sind und die Trägerin aussehen lassen, als wären sie Blutsverwandte von Alla Pugachowa.

Freundlicher Weise hat die belarussische Regierung jetzt ja den 200.000 Rubel- Schein eingeführt, immerhin fast 20 Euro. So viel Geld konnten die Belarussen noch nie auf einmal ausgeben!

Ich habe dann meinen Aktenkoffer mit den vielen Geldscheinen geöffnet und für 75 unglaubliche Euros die Jacke erstanden, die mir am ehesten tragbar erschien. Beim Rausgehen habe ich dann noch zwei Schals gekauft. Die hatten die hiesigen Designer aus Versehen passend zur Frühjahrsmode entworfen: Einer in Flamingo mit Polkadots, einer im Matrosenlook. Das waren aber mit Sicherheit Unikate, und es kann keine Absicht gewesen sein. Alle anderen Schals hatten nämlich Pailletten und Leopardenmuster,  wie es sich gehört.

200.000 brandneue Rubelchen

200.000 brandneue Rubelchen

Woher ich weiß, was in diesem Frühjahr angesagt ist? Ich leihe mir im Goethe- Institut Frauenzeitschriften aus. Ich finde das pathetisch- es hat so einen Beigeschmack von Sprachschülerstreber, der auch mal Alltagssprache lernen will, sich Zeitschriften in einer Bibiliothek auszuleihen. Die Exemplare sind mindestens einen Monat alt und zerlesen- aber immerhin weiß man, dass die BRIGITTE auch wirklich nur die Sprachlernstreber gelesen haben.

Wenn mich also jemand in Minsk sucht: Ich bin die Frau mit dem Kinderwagen, die in ihrer Jacke versucht, nicht auszusehen, als hieße sie Xjuscha.

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Er ist da! Ein Frühlingsspaziergang durch den Gorkipark.

Heute war jemand ganz Besonderes zu Besuch in Minsk: Der erste Frühlingstag!

Und weil ich mich beim Schreiben doch nicht davon abhalten kann, spitze Bemerkungen zu machen, sollen die Bilder vom heutigen Spaziergang durch den Gorkipark für sich sprechen- heute haben nämlich alle gute Laune!

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Lieber Frühling, bleib!

Oh, und: Liebe Stadtverwaltung, macht die Heizung wieder an! Die Temperaturen liegen nach Sonnenuntergang noch nicht signifikant über dem Gefrierpunkt!

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